Ärzte Zeitung, 09.11.2011

Klinikkeime leben von Bürokratie

Multiresistente Keime sind auf dem Vormarsch - das hat der Frühchentod in Bremen einmal mehr gezeigt. Den Kampf gegen MRSA und Co. nehmen nicht alle gleich ernst, beschwert sich ein Patientenvertreter - und kritisiert auch den GBA.

Von Anno Fricke

Kampf gegen Keime nervt Patientenvertreter

Händewaschen sorgt - sektorenübergreifend - für mehr Schutz vor nosokomialen Infektionen.

© Peter Atkins / fotolia.com

BERLIN. Der Kampf gegen die Keime wird nicht von allen Beteiligten im Gesundheitswesen gleich engagiert geführt.

Davon ist GBA-Patientenvertreter Wolf-Dietrich Trenner überzeugt: "Es herrscht ein Klima der Angst, die Schuld zugewiesen zu kommen."

In den Kliniken werde protestiert, wenn von Krankenhausinfektionen gesprochen werde. Im niedergelassenen Bereich werde befürchtet, dass man schlecht dastehe, wenn Infektionen auch in Praxen festgestellt würden.

"Viel zu spät, viel zu zäh"

Der Weg zur Qualität ist lang und steinig

Juni 2010: Der GBA beschließt einen Auftrag zur sektorenübergreifenden Qualitätssicherung bei nosokomialen Infektionen an das Aqua-Institut

Oktober 2011: Der GBA erteilt den Auftrag; er hat Experten angehört und den Auftrag "konkretisiert".

August 2012: Das Aqua-Institut reicht einen Vorbericht ein, im GBA beginnt das Stellungnahmeverfahren.

Oktober 2012: Ende des Stellungnahmeverfahrens, Beginn der Arbeit am Abschlussbericht.

Dezember 2012: Geplante Übergabe des Abschlussberichts (kann sich eventuell verzögern).

Januar 2013: Die Umsetzung beginnt mit der Erhebung von Daten (geschätzt über ein Jahr). Wann die Ergebnisse verglichen werden können, ist derzeit noch offen. Zeitliche Änderungen am Fahrplan sind möglich.

Trenner machte in der jüngsten Pressekonferenz des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) aus seinem Herzen keine Mördergrube.

Der GBA hatte gerade dem Göttinger AQUA-Institut den Auftrag erteilt, Verfahren zur sektorübergreifenden Qualitätssicherung bei nosokomialen Infektionen zu entwickeln. "Viel zu spät, viel zu zäh", kommentierte Trenner.

Ergebnisse erst 2017?

Konkret nimmt das Institut ab sofort je ein Verfahren zu postoperativen Wundinfektionen und zu Gefäßkatheter assoziierten Infektionen in Angriff. 14 Monate sind dafür veranschlagt.

Dies sei nicht ungewöhnlich lang, teilte AQUA-Sprecher Robert Deg mit. Darin enthalten seien auch drei Monate für das Stellungnahmeverfahren im GBA.

GBA-Patientenvertreter Trenner rechnet nicht damit, dass die Ergebnisse dieses Auftrages schnell vorliegen. Dies sei voraussichtlich erst 2017 zu erwarten, sagte er. Bisher sei aber nur geplant, Daten einzusammeln, sie zu vergleichen und daraus auf einen Ist-Zustand zu schließen.

"Wir haben uns noch nicht darüber unterhalten, wie es besser werden könnte", klagte Trenner.

Jonitz kritisiert: Methoden zu komplex

An der "Datensammelwut" der sektorenübergreifenden Qualitätssicherung, wie sie das AQUA-Institut erarbeitet, entzündet sich auch die Kritik von Dr. Günther Jonitz, der die Qualitätssicherungsgremien der Bundesärztekammer leitet. Die Methoden seien zu komplex und bürokratieträchtig, sagte er der "Ärzte Zeitung".

Anstatt zu kontrollieren und zu bestrafen, sei es besser, die heute schon großen Anstrengungen der Krankenhäuser und niedergelassenen Ärzte, Infektionen zu vermeiden, zu belohnen. Die von den niedergelassenen Ärzten gerne akzeptierten Peer-Review-Verfahren bedeuteten Qualitätssicherung, die sofort wirke.

Kassen verfügten über Informationen, die sie im Wettbewerb nutzen könnten

Vorwürfe erhob Jonitz gegen die Kassen, die kein Interesse an Qualitätssicherung hätten. Aufgrund ihrer Daten verfügten die Kassen über Informationen, die sie im Vertragswettbewerb nutzen könnten. Zuviel Transparenz schade diesem Geschäft.

Besonderes Augenmerk richte das Institut auf das Überleitungsmanagement zwischen ambulant und stationär, teilte AQUA-Sprecher Robert Deg auf Anfrage mit.

Dazu gehörten auch Follow-up-Betrachtungen, bei denen Patienten bis zu einem Jahr nach ihrer Behandlung begleitet würden, um Spätfolgen und Komplikationen in die Liste der Indikatoren aufnehmen zu können. Dies könne nur sektorenübergreifend erfolgen.

15.000 Opfer pro Jahr geschätzt

Offizielle Zahlen gehen von 15.000 Opfern nosokomialer Infektionen im Jahr aus. Vor kurzem hatte der Fall im Bremer Klinikum Mitte für Aufsehen gesorgt. Dort waren drei Frühchen gestorben, nachdem sie sich mit dem Keim Klebsiella pneumoniae infiziert hatten.

Im Sommer 2011 trat das Infektionsschutzgesetz in Kraft, das Kliniken und Praxen zu mehr Schutz vor Keimen verpflichtet.

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