Ärzte Zeitung, 10.11.2011

Hintergrund

Unabhängiger Lotse soll nach Schlaganfall helfen

Einfallsreichtum zahlt sich aus: Weil die Knappschaft im Vergleich zu anderen Krankenkassen deutlich mehr Schlaganfallpatienten hat, entwickelte sie ein spezielles Modell zur Frührehabilitation. Das geht auf und bringt Erfolge - für Patienten und die Knappschaft.

Von Ilse Schlingensiepen

Früh-Reha bei Schlaganfall - neue Versorgungskonzepte zahlen sich aus

Rettung nach Schlaganfall: Die frühe Reha wirkt.

© C. Pueschner / ZEITENSPIEGEL

Innovative integrierte Versorgungsmodelle ermöglichen auch bei der Rehabilitation von Patienten nach einem Schlaganfall gute Erfolge - sowohl bei der Versorgungsqualität als auch der Wirtschaftlichkeit.

Diese Erfahrung hat die Knappschaft-Bahn-See gemacht. Die Kasse hat in Recklinghausen in einem Akut-Krankenhaus zehn Betten für die neurologische Frührehabilitation aufgebaut und in Bottrop eine neurologische Rehaklinik auf dem Krankenhaus-Campus.

"Wir können eine ganzheitliche Medizin anbieten und Versorgungsbrüche vermeiden", berichtete Hans Adolf Müller, Leiter Gesundheitsmanagement bei der Krankenkasse, auf dem "Rehaforum Schlaganfall Rhein-Ruhr" in Essen.

200.000 Versicherte beteiligt

Das Rehaforum ist eine gemeinsame Initiative der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe und des Medizintechnik-Unternehmens Otto Bock Healthcare, die "Ärzte Zeitung" ist Medienpartner.

Die Knappschaft, die sowohl Krankenkasse als auch Krankenhausträger ist, betreibt seit Jahren große regionale Versorgungsnetze, zumeist unter dem Namen "prosper".

Nach Angaben von Müller beteiligen sich daran inzwischen 200.000 Versicherte, 2000 niedergelassene Ärzte, 15 Akut-Krankenhäuser und zehn Rehabilitations-Kliniken.

Knappschaft-Versicherte sind älter

Auch die neue Rehaklinik in Bottrop heißt "prosper". Sie hält 30 Reha-Betten vor und 60 ambulante Behandlungsplätze. Die Reha-Ärzte sehen die Patienten bereits während der akutstationären Phase, die Klinikärzte betreuen sie auch während der Rehabilitation weiter.

Die sonst zwischen Akutversorgung und Rehabilitation häufig auftretenden Informationsverluste, Wartezeiten und Behandlungsbrüche entfallen. "Die dankbaren Briefe von Patienten zeigen, dass dies der richtige Weg ist", sagte Müller.

Bei der Knappschaft seien die Patienten 20 Jahre älter als im GKV-Durchschnitt. "Wir haben einen Mitgliederanteil von zwei Prozent der GKV, aber bei den Schlaganfällen einen Anteil von zehn Prozent", sagte er.

Potenzial zur Modellregion

Neurologisches Rehamodell in sechs Stufen

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation hat für die neurologische Reha ein sechstufiges Ablaufmodell erarbeitet:

Phase A: Akutphase im Krankenhaus

Phase B: Früh-Rehabilitation bei schwerstbetroffenen Patienten, die noch nicht an der Behandlung mitwirken können

Phase C: Weiterführende Rehabilitation bei bewusstseinsklaren Patienten, die in der Lage sind, mehrere 30-minütige Therapieeinheiten pro Tag wahrzunehmen

Phase D: Anschlussheilbehandlung bei weitgehend selbstständigen Patienten

Phase E: Nachsorge und berufliche Rehabilitation bei Patienten, die zuhause wohnen können

Phase F: Aktivierende, zustandserhaltende Langzeitpflege bei anhaltend hoher Pflegebedürftigkeit

Durch multimorbide Hochkostenfälle habe die Kasse jedes Jahr ein Deckungsbeitragsdefizit von einer Milliarde Euro. "In unseren innovativen Versorgungsmodellen behandeln wir diese Patienten fünf bis sieben Prozent günstiger."

Das Rheinland und das Ruhrgebiet eigneten sich gut für die Erprobung innovativer Konzepte zur verbesserten Rehabilitation von Patienten nach einem Schlaganfall, sagte Stephan von Bandemer, Projektleiter beim Institut für Arbeit und Technik an der Fachhochschule Gelsenkirchen.

"Die Region Rhein-Ruhr hätte aufgrund der hohen Fallzahlen das Potenzial, sich als Modellregion zu positionieren." Im Ruhrgebiet und im Rheinland wurden im Jahr 2008 insgesamt rund 54 000 Patienten mit Schlaganfall behandelt.

Frühreha aus der Stroke Unit

Bedarf für die Erprobung und Evaluierung neuer Konzepte sieht von Bandemer bei der Frührehabilitation nach Schlaganfall.

Dazu zählt er die neurologische Frühreha durch Teams aus den Stroke Units, die Frühreha durch Einrichtungen am Krankenhaus, die Erbringung der Leistung durch spezialisierte stationäre Reha-Einrichtungen oder die geriatrische Reha für multimorbide hochbetagte Patienten.

Die neurologische Früh-Rehabilitation führe in Nordrhein-Westfalen im Vergleich zu anderen Bundesländern ein Schattendasein, sagte Dr. Ursula Becker, Geschäftsführende Gesellschafterin der Dr. Becker Klinikgesellschaft.

Lotsen gefordert

Deshalb müssten sich dort die Strukturen ändern. "Die frühe Rehabilitation ist ganz wesentlich für den Erfolg", sagte sie. Notwendig seien integrierte Versorgungsmodelle für Schlaganfall-Patienten.

Professor Eberhard Koenig, Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Bad Aibling und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation, hält das von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe entwickelte Konzept des Schlaganfall-Lotsen für sinnvoll.

Er soll Patienten bis zu anderthalb Jahre nach einem Schlaganfall betreuen. "Wir brauchen eine unabhängige Stelle, die ohne wirtschaftliche Motive entscheidet, was der Patient braucht", sagte er.

Schnittstellenprobleme beseitigen

Dazu gehörten Entscheidungen zur Krankenhausbedürfigkeit, zu Reha-Bedarf und -Dauer und zur Hilfsmittelversorgung.

Ein unabhängiger Lotse könnte nach Einschätzung von Koenig auch dazu beitragen, die vielen Probleme an der Schnittstelle zwischen Akutversorgung und Reha sowie zwischen Kranken- und Pflegeversicherung zu überwinden, die heute noch einer optimalen Versorgung im Weg stehen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBVdrücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »