Ärzte Zeitung online, 10.12.2011

Praxisgebühr auf dem Prüfstand

Kommt die Reform der Praxisgebühr? Ein neuer Vorstoß aus der Koalition heizt die Debatte an - zeitgleich werden Dementis verbreitet. BÄK-Präsident Montgomery plädiert für die Abschaffung.

Ein bisschen Wind um die Praxisgebühr

Zehn Euro, oder doch nur fünf? Die Debatte um die Praxisgebühr geht weiter.

© Klaus Rose

BERLIN (sun/nös/HL). Im nächsten Jahr könnte womöglich eine Reform der Praxisgebühr anstehen. Nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung vom Samstag will die Koalition ab Frühjahr 2012 darüber beraten.

Im Gespräch sei eine Kontaktpauschale von fünf Euro, die die jetzige Quartalsgebühr von zehn Euro ersetzen könnte.

Der FDP-Gesundheitspolitiker Lars Lindemann sagte dem Blatt: "Wir werden Alternativen prüfen." Die jetzige Gebühr habe keinerlei steuernde Wirkung.

Lindemanns Koalitionskollege Johannes Singhammer von der CSU sagte dem Blatt, dass man eine "unbürokratischere, bessere Lösung finden" wolle. "Der Effekt, die Zahl der Arztbesuche zu dämpfen, ist mit der jetzigen Gebühr nicht erreicht worden."

Beteiligung an den Behandlungskosten

Der Essener Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem unterstützt die Überlegungen. "Fünf Euro pro Besuch macht mehr Sinn als die jetzige Gebühr", sagte er der Zeitung.

Der Kieler Gesundheitsökonom Dr. Thomas Drabinski ging sogar noch weiter und schlug eine Beteiligung der Patienten von zehn Prozent an den Behandlungskosten vor - mit einer Obergrenze von zehn Euro.

Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Frank Ulrich Montgomery, hält die Praxisgebühr in ihrer jetzigen Form für wenig zielführend. "Sie hat keinerlei Steuerungsfunktion, sondern verursacht nur höhere Bürokratiekosten, als sie Einnahmen bringt", sagte er der Online-Ausgabe der "Welt".

Der Vorschlag einer Kontaktpauschale stößt hingegen wenig auf Montgomerys Gegenliebe. "Diese Lösung wäre Unsinn und würde noch mehr Bürokratie bedeuten", sagte er.

Montgomery: Beim Versicherten ansetzen

Sein Forderung: Vielmehr sollte die Politik bei den Versicherten ansetzen als nur bei den Patienten, etwa mit dem Ausbau der Wahltarife.

Montgomery: "Der Patient ist die falsche Person für die Steuerung, denn im Krankheitsfall interessieren einen solche Dinge wie Zuzahlungen überhaupt nicht - da möchte man einfach wieder gesund werden."

Dementis zu den Plänen kamen am Wochenende aus dem Bundesgesundheitsministerium und der CDU. "Es gibt keine solchen Pläne", erfuhr die "Ärzte Zeitung" am Samstag aus CDU-Kreisen.

Ein Sprecher von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) stellte klar, dass die Überlegungen nicht aus dem Ministerium stammen. In der Koalition sei das Thema zudem noch nicht beraten.

Versicherte zum Nachdenken bewegen

"Bisher gibt es keine konkreten Vorschläge", sagte der gesundheitspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Heinz Lanfermann, der "Ärzte Zeitung". Er wies damit die Berichte zurück, dass die Koalition eine Kontaktpauschale plane.

Klar sei nur, dass die Praxisgebühr überarbeitet werden müsse, sagte Lanfermann. Über die Möglichkeiten müsse man nun diskutieren, auch die Frage nach einer Abschaffung dürfe kein Tabu sein.

Auf der Agenda steht in diesem Zusammenhang auch die Honorarreform, von der sich die Politik eine höhere Steuerungswirkung verspricht. Laut KBV kommt die EBM-Reform allerdings nicht vor 2014.

"Ob eine Honorarreform den gewünschten Effekt erzielt, ist fraglich", sagte Lanfermann. Schließlich liege es auch an den Patienten, dass sie so oft in die Praxen.

Lanfermann forderte daher mehr Transparenz bei den Honoraren und eine "geringe Selbstbeteilung der Patienten" an den Behandlungskosten. "Über einen solchen Hebel könnte man die Versicherten vielleicht zum Nachdenken brinngen", sagte er.

Noch in dieser Legislatur beraten

Die Debatte um eine Reform der Praxisgebühr kommt zudem nicht überraschend. Die Regierung hatte sie sich selbst schon im Koalitionsvertrag auf die Agenda geschrieben. Dort heißt es: "Wir wollen die Zahlung der Praxisgebühr in ein unbürokratisches Erhebungsverfahren überführen."

Seitdem gab es immer wieder Vorstöße, die Praxisgebühr zu überarbeiten. Jüngst erklärte der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn: "Ich bin dafür, dass wir uns das Thema Praxisgebühr noch in dieser Legislaturperiode vornehmen."

Die Gebühr erfülle nicht ihre erwartete Steuerungswirkung, monierte er in der Wochenzeitung "Das Parlament". Gesundheitsexperten warnten allerdings davor, eine Praxisgebühr bei jedem Arztbesuch zu erheben. Damit treffe man vor allem chronisch kranke Patienten.

Häufigstes Argument der Reform-Befürworter ist die Zahl der Arztkontakte in Deutschland. Die liege mit 18 pro Versichertem und Jahr so hoch wie in keinem Industrieland.

Fragwürdiges Argument

Allerdings ist diese Zahl äußerst fraglich. Genannt wurde sie zuletzt im Arztreport 2010 der Barmer GEK mit Daten aus dem Jahr 2008.

Nachdem sie von Vertretern der Ärzteschaft allerdings bezweifelt wurde, hatte die Kasse im Sommer des vergangenen Jahres nachgerechnet und kam schließlich auf 17 Arztkontakte. Kritisiert wurde damals, dass die Kasse die Zahl der Laborfälle zur Berechnung herangezogen haben soll.

Im jüngsten Arztreport der Krankenkasse werden die Arztkontakte denn auch nicht mehr errechnet. Auf der Basis der verfügbaren Routinedaten lasse sich die Zahl nicht mehr seriös quantifizieren, so die Begründung.

Verwiesen wird nun auf die Behandlungsrate, wonach im Jahr 2009 91 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Jahr Kontakt zu einem Arzt hatte. Im Durchschnitt hatte die Kasse für jeden Versicherten 8,04 Behandlungsfälle registriert.

Und auch die einzig zuverlässige Erhebung zu den Arztkontakten, die Fallzählung des Wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen (WIdO), in der auch nach einer Inanspruchnahme nach Haus- und Fachärzten differenziert worden war, ist schon vor Jahren aufgegeben worden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Eine unsinnige Debatte

[14.12.2011, 20:07:17]
Denis Nößler 
Leserbrief von Dr. med. Dieter Wettig per E-Mail
Sehr geehrte Damen und Herren,

es stimmt: Die deutschen gesetzlich Versicherten gehen zu oft zum Arzt.
Aber auch zu oft zum Psychotherapeuten, in die Röhre, zum Herzkatheter,
zum Röntgen, zum Labor. Überall darin sind sie Weltmeister ohne dadurch
aber Vorteile gegenüber unseren Nachbarn zu haben. Nur Nachteile: Kein
Arzt hat mehr Zeit für sie, hohe Strahlenbelastung, unnötige
Untersuchungen, die belasten, immense Ausgaben.

5 Euro für jeden Arzt- und Psychotherapeutenkontakt sind eine gute Idee.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Dieter Wettig
Wiesbaden zum Beitrag »
[14.12.2011, 16:41:08]
Denise Plocinik 
Kommentar von Dr. Georg Bihlmaier per e-mail
5-Euro-Kontaktgebühr

Die zusätzliche bürokratische Belastung wird noch mehr Jungärzte vor der Übernahme einer Allgemeinpraxis abschrecken.

Bereits die Verwaltung der sogenannten Praxisgebühr ist ein grosser, unnötiger Aufwand, der die Zuwendung zum Patienten behindert.

Es ist mir ein ewiges Rätsel, wie derart gravierende Eingriffe in unseren Alltag möglich sind, ohne dass Politik und KBV die Hausärzte fragt.

Mit freundlichen Grüßen

G. Bihlmaier zum Beitrag »
[12.12.2011, 16:18:46]
Kurt Göpel 
Praxisgebühr und Steuerwirkung?
Das Große Problem sind die Patienten, die am ersten Tag des neuen Quartals gleich mit Wünschen für 10 Überweisungen kommen! "Ich brauche die". Steuerwirkung = 0, befreite Patienten, die von einem Arzt zum anderen wandern -"Wir sind ja befreit!", von der Zuzahlungspflicht ja, aber auch von Steuerung des Hausarztes, der die entsprechenden Überweisungen ausstellt?? Steuerungswirkung = 0.
Patienten, die von Fachärzten kommen und mitteilen, ich hätte gefälligst ein Rezept oder eine Überweisung oder Einweisung auszustellen. Unnötiger und zeitraubender Besuch, da diskutiert werden muß! Denn wer etwas anordnet und für richtig erachtet, hat die Behandlung konsequent durchzuführen und nicht an den Hausarzt abzuschieben!! zum Beitrag »
[12.12.2011, 09:49:40]
Detlev Hüsch 
Die Praxisgebühr hat sehr wohl eine Steuerwirkung
Die Behauptung, die jetzige Gebühr habe keinerlei steuernde Wirkung, stimmt so nicht.
Im Gegenteil: Die gezahlte Pauschale führt in einer "geiz ist geil" und Rabatt-Gesellschaft tatsächlich zu einer "flatrate"- bzw. "all-you-can-eat"-Manier, mit der Folge, dass die gezahlte Pauschale dann auch wirklich (aus)genutzt wird.
Insofern hat sie sehr wohl eine steuernde Wirkung , nur in die falsche Richtung.

Insofern stimmt die Überlegung, dass Fünf Euro pro Besuch deutlich mehr Sinn macht, als die jetzige Gebühr.
Die unzulässige Diskriminierung ,chronisch und schwer Kranker, sowie multimorbider Patienten durch eine solche Regelung, muss selbstverständlich unterbleiben.
Die Feststellung ob es sich bei einem Patient um chronisch und schwer Kranke oder Multimorbide handelt, kann und muss der Arzt (ggf. in Verbindung mit der Kasse) treffen. Das nach einer solchen Feststellung solche Patienten von Einzelbesuchsgebühren ausgenommen werden, gebietet schon der Anstand.
Man hätte dann jedenfalls eine sinnvolle Gebühr mit der gewünschten Steuerungswirkung.
 zum Beitrag »
[10.12.2011, 17:03:09]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Da gehen selbst mir die Argumente aus!
Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob Grundvoraussetzung für eine vertiefende Diskussion von GKV-Themenkomplexen die vorherige Selbstextraktion von Verstand und Logik ist?

Stichwort Arzt- und Praxiskontakte: Um die valide Durchschnittszahl von 18 Arzt-Patienten-Kontakten pro GKV-Versicherten in jedem Jahr "schönzureden", sollen "Laborfälle" herausgerechnet werden. Durch einen mir Unbegabtem verschlossen gebliebenen magischen Modus operandi bewegen sich materie- und schwerelos Blutproben aus Patientenkörpern zielsicher zur geeigneten Laboranalytik. Vergessen sind schwierige Venenpunktionen, kollabierende Schwerathleten, ängstliche Kinder, notwendige Beaufsichtigungen, arztrechtliche Absicherungen und rational-rationeller Laboreinsatz. Am besten gleich irgendwie Alles machen, was die Blutröhrchen hergeben, nur damit keine vernunftgeleitete Arzt-Patienten-Kommunikation entsteht. Ab dem Jahr 2009 werden wir übrigens keine zuverlässigen Praxiskontakt-Zahlen mehr bekommen. Diese werden nicht mehr über EBM-Ziffern einzeln dokumentiert. I. d. R. wird Alles mit 2 bis max. 3 erstkontaktabhängigen Gebührenziffern im Regelleistungsvolumen des Quartals versenkt.

Stichwort Praxisgebühr: Wenn diese nie eine Steuerungsfunktion hatte (viele Patienten sind auch gebührenbefreit), müsste sie konsequenter weise abgeschafft werden. Sollten BGM D. Bahr (FDP), J. Spahn (CDU), J. Singhammer (CSU), L. Lindemann (FDP), Prof. J. Wasem und Dr. T. Drabinski, die ja allesamt mächtig viel Erfahrung bei "Vertragsärzten" haben sollen und prima mit Patienten umgehen könnten, die Praxisgebühr durch eine kontaktabhängige, mehrfache Zuzahlung von z. B. 5 € ersetzen und damit atomisieren wollen, ist ein Pferdefuß dabei: Chronisch und schwer Kranke, Multimorbide werden unzulässig diskriminiert, unser Buchungs- und Verwaltungsaufwand extrem augmentiert.

Stichwort Anspruchshaltung in der GKV: Es sind teilweise die Patienten s e l b s t, die, angestachelt durch Politik, Medien, öffentliche (Fehl-)Meinung und GKV-Kassen nach uneingeschränkter Vollversorgung und absoluter Beschwernisfreiheit, nach Zweitmeinungen trotz Budgetierung, nach Hotline-, Internet- und Telemedizin, nach Zuzahlungsbefreiung und besinnungslosem Abgreifen von Medizin-Ressourcen bei uns Vertragsärzten/-innen nachsuchen. Und in "flatrate"- bzw. "all-you-can-eat"-Manier 18 mal jährlich bei uns aufschlagen.

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass uns Ärztinnen und Ärzten trotz gedeckelter Gesamtvergütung und Wirtschaftlichkeitsgebotes nach SGB V immer wieder unterstellt wird, ohne z w i n g e n d e medizinische Indikation Dauerpatienten zu häufig einzubestellen. Doch schon seit der Jahrtausendwende müsste jeder Kollege verrückt sein, wenn er o h n e Krankheits- und Leidensanlass mehrere Quartalskontakte induzieren wollte. Das Wirtschaftlichkeitsgebot gilt übrigens auch für Krankenkassen und unsere Patienten.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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[10.12.2011, 16:28:05]
Dr. Zlatko Prister 
Pseudoziffer 99990 in Hessen
In Hessen können wir sehr wohl die Anzahl der Arzbesuche ausrechnen. Wir haben eine Pseudoziffer für Kontakte bei denen keine EBM-Ziffer abgerechnet wurde.
Au diese Weise kann man genau die Anzahl der Arztbesuche ausrechnen.
Ich glaube die KV-Hessen wird das auch machen, weil sie von uns verlangt diese Ziffer zu benutzen.

Ich werde es für meine Praxis an diesem Wochenende ausrechnen.

Z. Prister
Papierlose Hausarztpraxis
Prozessoptimiert
Effizienz und Qualität
www. prister.de
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