Zunächst für alle, die sich ihr wohlverdientes Wochenende verderben wollen, hier der Link zum Gutachten von Prognos:
http://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/presse/pressekonferenzen_gespraeche/2012_2/120809_prognos_gutachten/PK_20120809_Gutachten_Orientierungswert_Prognos_AG.pdf
Ich habe mir die Mühe gemacht, das Ganze duchzulesen und zu verstehen zu wollen, was mir nicht in allen Einzelteilen, aber im Großen und Ganzen gelungen ist.
Die erste grundsätzliche Annahme, bei der sich mir die Haare sträuben, ist die, dass uns Ärzten nach Gusto der Kassen also schlicht kein höherer Reinertrag als 2008 zugestanden werden soll, also eine Gehaltserhöhung für uns Ärzte "nicht drin" ist. Das muss man erst mal sacken lassen.
Als nächstes bezieht sich Prognos darauf, dass ja bereits 2007 mit einem Reinertrag vor Steuern von durchschnittlich 105000 Euro das Gehalt des Oberarztes in einer Klinik erzielt wurde und man schreibt auch, dass dies einer Wochenarbeitszeit von 52 Stunden zu verdanken ist.
Und wenn man dann das derzeitige Grundentgeld für leitende Oberärzte nach dem Tarifvertrag des Marburger Bundes zugrunde legt und so bei 52 Wochen und 40 Wochenarbeitstunden einen Stundenlohn von 41,93 Euro ausrechnet, ja dann weiß man doch schon, wo unser Lohn für unsere Arbeit anzusiedeln ist: dividiert man nämlich die uns zugestandenen 105000 Euro "Reinertrag" durch die 52 Arbeitswochen und die uns ja bescheinigten 52 Wochenarbeitsstunden, dann verdienen wir doch immerhin 38,83 Euro pro Stunde- brutto. Und von denen dürfen wir dann unsere Sozialabgaben noch komplett finanzieren.
So viel nur mal zur Ausgangslage!!
Und dann beginnt Prognos mit seinen ökonomischen Berechnungen, die zum Beispiel besagen, dass, wenn sich die Zahl der Praxen reduziert, die GKV für diese nicht mehr existenten Praxen ja auch keine Fixkosten mehr zahlen brauche, die aber im Orientierungspunktwert enthalten seien und dass dies durchaus eine Reduzierung desselben rechtfertige.
Schön, dass sich diese Fixkosten laut Prognos (hier besonders zu erwähnen Personal und Energiekosten) überhaupt nicht verändert haben in den letzten fünf Jahren. Von den Spritpreisen reden wir lieber gar nicht erst - oder doch? Die Gehaltserhöhungen für MFA betrugen in diesem Zeitraum ca. 11 %, nachzulesen im deutschen Ärzteblatt von 2008 respektive 2012, Anstieg der Bruttostrompreise 2008- 2012 auf 118% (siehe wikipedia), Anstieg der Kraftstoffpreise auf 123% (nachzulesen beim ADAC), und die gestiegenen Sachkosten für Büromaterialien, Hard- und Softwarekosten lassen wir mal unberücksichtigt.
Aber die Fixkosten sind ja nicht gestiegen- halten die uns für komplett verblödet? Ich kann nur schwer hoffen, dass unsere KBV Vertreter dieses Gutachten auch lesen und ihre Argumentation entsprechend aufbauen.
Es geht weiter im Gutachten: dort wird darauf abgestellt, dass "die Stückkosten mit steigender Stückzahl sinken" und man da Wirtschaftlichkeitsreserven heben könne... der Patient ist ein Stück und der Arzt die Maschine, die gefälligst effizienter und mit größerer Auslastung zu arbeiten hätte, also entweder mehr "Stücke" pro Zeiteinheit oder eine Ausdehnung der Arbeitszeit, weil 52 Wochenarbeitsstunden nicht genug sind. Und die schämen sich nicht mal, dies zu veröffentlichen! Ich habe in den letzten zwölf Jahren meiner Niederlassung schon viel Unfug lesen müssen, aber das ist eine neue Stufe der Selbstherrlichkeit des Spitzenverbandes und zeigt die ganze Arroganz und Demütigung uns Ärzten gegenüber. Wir sind ja ziemlich leidensfähig, aber ich hoffe sehr, dass dieses Gutachten in vielen Medien diskutiert und besprochen wird, dass die Öffentlichkeit erfährt, dass Patienten nur noch "Stückzahlen" sind.
Besprochen wird weiterhin ein "Katalogeffekt", soll heißen, dass die tatsächliche Leistungsmenge gar nicht den Punktzahlen entspricht, weil durch Neubewertungen ein Punktanstieg für einzelne Leistungen erfolgt und damit die tatsächlich erbrachten Leistungen nicht so hoch seien, wie es den abgerechneten Punkten nach scheine. Gut, dass die meisten hausärztlichen Leistungen in den zwei Pauschalen versenkt sind, da kann man die tatsächlich erbrachten Leistungen so wunderbar verstecken, ist doch alles inklusive! Wie kann ein seriöses Unternehmen (und davon gehe ich jetzt einfach mal aus) mit diesen zur Verfügung gestellten Zahlen überhaupt arbeiten? Da sind doch schon die Grundannahmen falsch, nämlich die, dass die abgerechneten Leistungen den tatsächlich erbrachten entsprechen!
Mein persönliches Fazit: sollten die Kassen diese Honorarkürzung tatsächlich durchsetzen, dann überlege ich ernsthaft, ob ich mir diesen Wahnsinn noch weitere zwanzig Jahre antun muss oder es den vielen gleichtue, die diesem System den Rücken kehren. Leid täte es mir um meine Patienten, die im ländlichen Bereich wohnen und dann keinen Hausarzt mehr hätten, denn einen Praxisnachfolger wird es mit Sicherheit nicht geben, hat es in den letzten zwölf Jahren bei keinem meiner Kollegen, die ihre Praxis aufgegeben haben, und das waren vier!, nur in meiner Kleinstadt und den zwei umgebenden Dörfern.
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