Ärzte Zeitung, 09.04.2013

PKV zittert vor Bürgerversicherung

Studie verbreitet Angst und Schrecken

Eine von Verdi veranlasste Studie prognostiziert: Wenn die Bürgerversicherung kommt, könnten bis zu 100.000 Arbeitsplätze in der PKV wegfallen. Das sorgt für Aufregung in der Branche - und auch bei Verdi. Denn die Zahlen hätten nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollen.

Von Ilse Schlingensiepen und Anno Fricke

Studie verbreitet Angst und Schrecken

Jobkiller Bürgerversicherung?

© gradt / fotolia.com

KÖLN. Ein Gutachten über die Beschäftigungswirkung der Bürgerversicherung sorgt für Wirbel.

Es kommt zu dem Schluss, dass die Umstellung auf einen einheitlichen Krankenversicherungsmarkt mittel- und langfristig bis zu 100.000 Arbeitsplätze in der privaten Versicherungswirtschaft kosten könnte.

Das Problem: Die von der Gewerkschaft Verdi beauftragte Hans-Böckler-Stiftung hat das Gutachten noch nicht zur Veröffentlichung freigegeben, weil die Arbeit noch nicht abgeschlossen sei.

"Ersatz-Arbeitsplätze in der GKV nicht zu erwarten"

Dennoch hatte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" die wesentlichen Inhalte der als vorläufig und noch nicht abgenommen gekennzeichneten Expertise veröffentlicht.

Der Journalist und Berater Dr. Robert Paquet, der lange Jahre das Berliner Büro des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen geleitet hatte, kommt darin zu dem Ergebnis, dass durch den Stopp des Neugeschäfts in der privaten Vollversicherung 35.000 Arbeitsplätze bei den PKV-Unternehmen und bei Versicherungsvermittlern sofort bedroht würden.

"Kompensationsmöglichkeiten durch die Ausweitung des Zusatzversicherungsgeschäfts sind nicht ersichtlich", zitiert die FAZ Paquet. "Ersatz-Arbeitsplätze in der GKV sind nicht zu erwarten, weil die Krankenkassen einen allmählichen Zuwachs ohne zusätzliches Personal verkraften würden."

Wenn die Privatversicherten die Option erhalten sollten, in die neue Bürgerversicherung zu wechseln oder bei der PKV zu bleiben, werden nach Einschätzung des Gutachters nicht viele in der PKV bleiben.

Deshalb sieht er weitere Arbeitsplätze in Gefahr. "Insgesamt sind also durch die Bürgerversicherung die Arbeitsplätze von rund 60.000 Arbeitnehmern und die Erwerbsmöglichkeiten von bis zu 50.000 selbstständigen Versicherungsvermittlern in Frage gestellt."

Entwurf an Autor zurückgegeben

Verdi bezeichnet diese Zahlen als "nicht nachvollziehbar". Sprecher Stephan Schmitz verwies darauf, dass der Gutachtenauftrag bislang nur unvollständig erfüllt wurde. Mögliche Transformationsszenarien zur Bürgerversicherung seien nicht ausreichend berücksichtigt worden.

Für die Gewerkschaften seien aber gerade die Übergangszeiträume unter Berücksichtigung verschiedener Stellgrößen wie Beitragsbemessungsgrenzen, Wechselfristen, Wechselinteresse der Privatversicherten, Eigentumsrechte der PKV-Vollversicherten und der Beamten sowie das künftige Zusatzversicherungsgeschäft von Interesse gewesen, so Schmitz.

Auch die Hans-Böckler-Stiftung betont in einer Stellungnahme, dass es bislang keine belastbaren Ergebnisse gebe.

Der Entwurf sei an den Autor zurückgegeben worden, weil er dem Forschungsauftrag und den Standards der Stiftung noch nicht genüge. "Das liegt an der hohen Komplexität des Themas und am schwierigen Datenzugang."

Betriebsratsinitiative "Bürgerversicherung? Nein Danke"

Der Vorsitzende des PKV-Verbands Reinhold Schulte hat Verdi aufgefordert, das Gutachten zu veröffentlichen.

"Es wäre eine angemessene Reaktion auf die erschütternden Erkenntnisse dieses Gutachtens, wenn Verdi und der Deutsche Gewerkschaftsbund ihre ideologisch motivierten Gremienbeschlüsse für eine Bürgerzwangsversicherung überdenken und revidieren würden", betont Schulte.

Vor Wochen war bereits eine Betriebsratsinitiative unter dem Motto "Bürgerversicherung? Nein Danke" an die Öffentlichkeit gegangen.

Die Betriebsräte aus einer Reihe von PKV-Unternehmen warnen, dass die Bürgerversicherung über 75.000 Jobs in der Assekuranz vernichte.

[09.04.2013, 12:55:21]
Dr. Birgit Bauer 
Schlüssellochblick?
Wieso ist in unserem Lande kaum noch jemand in der Lage sachlich nach wirklichen Lösungen zu suchen. Für mich ist die GKV genau so reformbedürftig wie die PKV. Keine von beiden Strukturen ist in der heutigen Struktur zukunftsfähig.Wenn Herr Maier feststellt, dass die PKV Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für hochbezahlte Versicherungsangestellte ist,kann ich nur feststellen, dass die GKV das in noch größerem Maße ist.
Denn wer bezahlt denn die über hundert Verwaltungsbehörden und Aufsichtsräte! Auch diese Verwaltungen haben mit Wirtschaftlichkeit so ganz und gar nichts zu tun !
M.f.G. B.Bauer zum Beitrag »
[09.04.2013, 11:59:19]
Carsten Windt 
Bürgerversicherung günstiger?
Es gibt kein System in der Welt, wo eine Bürgerversicherung zu einer besseren und günstigeren Versicherung geführt hat. In der Schweiz stegen die Beiträge schneller seit eine Einheitversicherung eingeführt wurde. In Großbritannien gibt es weder eine freie Arztwahl noch schnelle Termine (Im übrigen entscheidet bei größeren Operationen eine "Ethik"-Kommision und nicht der Arzt ob diese durchgeführt werden, dafür ist die Behandlung über die Steuer finanziert. In den Niederlanden weichen die Bewohner verstärkt nach Deutschland aus um sich behandeln zu lassen. Insgesamt haben alle diese System unter dem Strich eine schlechtere Versorgung zur Folge gehabt. Aber wer Geld hat der kann sich ja eine bessere Leistung erkaufen, wird sofort und besser behandelt. Das ist Zwei-Klassenmedizin par exellance.

Herr Dr. Reins natürlich hat die PKV nur die Möglichkeit Beiträge zu erhöhen (oder soll sie das Geld selber drucken), dafür haben die Versicherten eine Leistungsgarantie. Anders als in der GKV können nicht nach Kassenlage Leistungen gestrichen werden. Oder wollen Sie erklären, dass das Angebot der GKV gleich geblieben ist? zum Beitrag »
[09.04.2013, 10:45:29]
Thomas Maier 
Die PKV muss endlich weg
Die PKV hat sich ihr Grab über Jahre selbst geschaufelt. Wenn junge Versicherte mit Dumpingtarifen in die PKV gelockt werden um dann im Alter mit unbezahlbar hohen Beiträgen (trotz Altersrückstellungen)konfrontiert zu sein und gleichzeitig immens hohe Provisionen an die Versicherungsvermittler gezahlt werden, ist das irgendwann nicht mehr tragbar.
Die wenigen unzureichenden Wechselmöglichkeiten werden systematisch so verkompliziert und boykottiert, dass jemand ohne juristische Ausbildung irgendwann aufgibt (echter Wettbewerb ist somit ausgeschlossen).

Wenn 100.000 Arbeitsplätze gefährdet sein sollen zeigt das nur wieviel Geld in diesem Bereich verschwendet wird ohne das es den Versicherten selber zugute kommt. Mit diesem Geld könnte man in der GKV wesentlich mehr erreichen. Die Annahme, dass so viele Versicherte aus der PKV in die GKV wechseln würden (wenn man sie denn ließe) zeigt doch nur wie unzufrieden die PKV Kunden sind.
Als PKV Versicherter habe ich selbst erlebt wie man in vielen Fällen schlechter gestellt ist als GKV Versicherte (Hilfsmittel, Prävention).

Mein Fazit:
Das Geld der PKV Versicherten wäre in der GKV wesentlich besser investiert und könnte die Versorgung für alle verbessern. Das Thema "Zwei-Klassen-Medizin" wäre endlich vom Tisch. Das gesparte Geld würden die Versicherten für Zusatztarife und andere Dinge ausgegeben, wodurch anderweitig neue Arbeitsplätze entstehen.
Schlussendlich: Die PKV kann nicht als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für hochbezahlte Versicherungsangestellte missbraucht werden. Das wissen auch die Gewerkschaften.
 zum Beitrag »
[09.04.2013, 10:12:21]
Dr. Hans-Albert Reins 
Zeit für Veränderung
Die PKV hat sich wegen lange übefälliger (z.B. faktisches Wechsel- und Kündigungsverbot)Anpassungen an ein modernes, patientenorientiertes
Gesundheitsmanagement ins Abseits gestellt. Die einzige praktizierte
Lösung der PKV - Beiträge hoch ! - ist mittlerweile auch kurzfirstig nicht mehr darzustellen. Die Angst der PKV vor massivem Mitgliederverlust bei
Einführung einer Bürgerversicherung zeigt doch, das große Mängel im PKV-System vorhanden sind.
Ich bin gespannt auf die Alternative. zum Beitrag »
[09.04.2013, 09:26:37]
Dr. Erik Luyckx 
Gewerkschaft als Feind von Arbeitnehmern
Maggie Tatcher rettete Großbrittanien vor den Gewerkschaften.
Das Thema "Arbeitsplatzvernichtung durch Gewerkschaften " wird gerade in den Zeitungen ausgiebig dokumentiert anlässlich den Tod dieser einmalige Politikerin. Auch Sie hat die " Wende" geschaft. zum Beitrag »
[09.04.2013, 07:49:37]
Carsten Windt 
Gewerkschaft als Feind von Arbeitnehmern oder wohin die Ideologie führt
Wenn jemand vor 13 Jahren erzählt hätte, dass Gewerkschaften sich aktiv gegen ihre Mitglieder stellen, so hätte ich ihn für verrückt erklärt. Aber seit Ver.di gegründet wurde ist alles möglich. Aus ideologischen (nicht logischen) Gründen will Ver.di eine ganze Branche und die dort vertretenen Mitglieder opfern. Die 100000 Arbeitnehmer und Aussendienstler sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Die Auswirkungen die ein Wegfall der PKV für das Gesundheitswesen hat sind in keiner Weise betrachtet worden. Viele Mediziner sind auf die Einnahmen aus privatärztlicher Behandlung angewiesen. Ohne Sie fällt die gesamte Praxisfinanzierung wie ein Kartenhaus zusammen. Entlassungen von Arzthelferinnen wäre erste Folgen Insolvenzen von Medizinern die Nächste. Mit Wegfall der PKV würde ein ungeliebter Konkurent entfallen und Poltik und Kassen würden nur noc nach ihrem Gusto verfahren.
Aber wir brauchen uns keine Sorgen machen. Schliesslich hat Ver.di die Studie unter Verschluss und nach entsprechender Korrektur gibt es mehr Arbeitsplätze und blühende Landschaften im Gesundheitswesen... Ehrlich!? zum Beitrag »
[09.04.2013, 06:11:49]
Hannelore Grasmeier 
Gewerkschaften und Wahrheit
Ich habe persönlich in einer Sitzung vor über 25 Jahren bereits folgendes erlebt. Thema: Unterschiedliche Kosten durch Männer und Frauen. Vorgelegt wurde eine Statistik des PKV-Verbandes, die deutlich höhere Kosten für Frauen auswies. Kommentar eines Mitglieds des damaligen DGB Landesvorstandes Bayern: Wenn es solch eine Statistik gibt, dann muss dafür gesorgt werden, dass diese Daten künftig nicht mehr erhoben werden dürfen. Offensichtlich dürfen nach wie vor nur Zahlen bestehen, die in die ideologischen Zielsetzungen passen. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Ärzte können künftig Medizinalhanf verordnen

Nach jahrelanger Debatte regelt das Parlament heute den Umgang mit Cannabis als Medizin völlig neu. Krankenkassen müssen künftig die Kosten im Regelfall erstatten. mehr »

Kein Schmerzensgeld für die künstliche Ernährung des Vaters

Das Münchener Landgericht hat die Klage gegen einen Hausarzt, der einen Patienten vermeintlich unnötig lange künstlich ernähren ließ, abgewiesen. Gleichwohl attestierte es einen Behandlungsfehler. mehr »

Droht Briten eine zweite Creutzfeldt-Jakob-Welle?

In Großbritannien ist ein Mann an einer ungewöhnlichen Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung gestorben. Dies nährt Befürchtungen, wonach mehr als 20 Jahre nach der BSE-Krise eine zweite Erkrankungswelle ansteht. mehr »