Ärzte Zeitung online, 07.11.2013

Zukunft der PKV

Experten warnen vor Schnellschüssen der Politik

Sollen Altersrückstellungen künftig von PKV-Kunden in einen neuen Vertrag mitgenommen werden können? Versicherungsexperten befürchten höhere Prämien. Auf der Agenda der Gesundheitspolitiker von Union und SPD steht dieses Thema bei den Koalitionsgesprächen in den kommenden Tagen.

Von Ilse Schlingensiepen

KÖLN. Ein Versicherungsexperte warnt davor, in der privaten Krankenversicherung die Alterungsrückstellungen beim Unternehmenswechsel grundsätzlich zur Mitgabe freizugeben.

Das könne manchen Anbieter in der Existenz bedrohen und zu steigenden Prämien führen, sagt Dr. Reiner Will, Geschäftsführer der Kölner Rating-Agentur Assekurata.

Bei Verträgen, die nach dem 1. Januar 2009 geschlossen wurden, können die Versicherten einen Teil der Alterungsrückstellungen mitnehmen. Bei älteren Policen verlieren sie dagegen das Angesparte, was einen Wechsel unattraktiv macht.

Die Portabilität der Alterungsrückstellungen ist deshalb Gegenstand der Verhandlungen von Union und SPD über eine Große Koalition.

In Kürze wird der PKV-Verband seine Vorstellungen über die künftige Gesundheits- und Pflegepolitik vorstellen. Auch dabei wird das Thema wohl eine Rolle spielen.

Induzierte Schieflage und Insolvenzen befürchtet

Gegen eine grundsätzliche Mitgabe der Alterungsrückstellungen spricht nach Ansicht von Will, dass in den Altverträgen der Tarifwechsel nicht einkalkuliert ist. Werden die Alterungsrückstellungen dennoch mitgegeben, entsteht im Risikodeckungskapital eine Lücke.

Da vor allem Gesunde die Unternehmen verlassen, verschlechtert sich die Risikomischung. "Mögliche Folgen hieraus wären gesetzlich induzierte Schieflagen bis hin zu Insolvenzen in einem bis dato sicheren und funktionsfähigen Versicherungszweig", warnt er. Den in den Tarifen verbleibenden Kunden drohen steigende Prämien.

Außerdem könnten Vertriebe wegen der Aussicht auf zusätzliche Provisionen Kunden gezielt zum Wechsel animieren.

Ein weiterer negativer Effekt sei, dass die meisten Kunden in billigere Tarife mit geringerem Leistungsumfang gehen. Das könne auf Dauer nicht wünschenswert sein, sagt Will.

"Handlungsbedarf innerhalb der PKV"

Auch er hält es für unbefriedigend, dass Kunden nicht wechseln können, wenn sie mit ihrem Versicherungsschutz nicht zufrieden sind. Deshalb sei es notwendig, dass die PKV-Unternehmen das interne Wechselrecht verbessern.

Zudem müsse die Branche noch mehr tun, was den Leistungsumfang der Tarife und die Aktualisierung der Musterbedingungen betrifft. "Wir sehen durchaus Handlungsbedarf innerhalb der PKV."

Die nach wie vor vorhandenen Probleme sollten aber nicht zu politischen Schnellschüssen führen. "Wenn man Wettbewerb will, muss man sich über die Konsequenzen bewusst sein und sie am Ende des Tages auch verantworten", sagt Will.

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