Ärzte Zeitung online, 26.08.2014

Qualitätsvergleich

Kassen wollen Ärzte-Rankings anschieben

Wie gut ein Arzt seine Arbeit macht, soll den Patienten klarer aufgezeigt werden, finden die Kassen. Ihnen schwebt ein Qualitätsvergleich mittels Scores vor.

Von Anno Fricke

Kassen wollen Ärzte-Rankings anschieben

Welcher Arzt arbeitet gut, welcher schlecht? Qualitätsreporte sollen das nach Ansicht der Kassen offenlegen.

© [M] RioPatuca Images / fotolia.com – Robert Kneschke/fotolia.com

BERLIN. Der GKV-Spitzenverband hat eine Zukunftsvision. Patienten sollen sich in Qualitätsberichten darüber informieren können, was der Arzt ihrer Wahl kann.

Dazu sollen in einem nicht näher bestimmten Zeitraum Daten des gerade erst aus der Taufe gehobenen Instituts für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen zielgruppengerecht aufbereitet werden.

Das geht aus einer vertraulichen Beratungsunterlage des Verwaltungsrats des GKV-Spitzenverbands hervor, die der "Ärzte Zeitung" vorliegt. Der Gesetzgeber sei gefordert, zu beschließen, dass die Daten der ambulanten Qualitätssicherung an die Vertragspartner und das neue Qualitätssicherungsinstitut übermittelt würden, heißt es darin.

Auch Patientenvertreter, Internetportale und die einzelnen Krankenkassen sollten Zugriff auf diese Daten bekommen, um sie "laienverständlich" aufbereiten und verbreiten zu können.

Und weiter: "Zur Datenaufbereitung gehören auch Konzepte für eine zusammenfassende Bewertung von Qualitätsindikatoren. Die Bildung von Scores oder Indizes erlaubt die Konzentration auf entscheidungsrelevante Kriterien und erleichtert so den Versicherten eine informierte Wahlentscheidung", schreiben die Autoren der Beschlussvorlage.

Kein Ranking nach dem Motto "Deutschlands bester Hausarzt"

Ein Ärzte-Ranking nach dem Motto "Deutschlands bester Hausarzt" werde es mit dem GKV-Spitzenverband nicht geben, relativierte Verbandssprecher Florian Lanz die in Medienberichten zugespitzten Interpretationen des Papiers gegenüber der "Ärzte Zeitung".

Man stehe noch ganz am Anfang der Diskussion, wie sich Qualität anhand fester Kriterien verlässlich messen und für alle verständlich darstellen lasse, sagte Lanz.

Die Reaktion der Ärzteseite erfolgte prompt: "Offenbar plagen die Krankenkassen Allmachtsfantasien", sagte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen.

Der GKV-Spitzenverband habe Probleme mit freiberuflich tätigen Ärzten, die nach dem medizinischen Wohl ihrer Patienten entscheiden und nicht nach der Diktion der Krankenkassen handeln wollen. Patienten wüssten sehr gut, was sie an ihren Ärzten haben, sagte Gassen.

Sie bräuchten keine Listen ihrer Krankenkassen. Viel eher brauche die Bevölkerung Rankings der Krankenkassen, um sich orientieren zu können, spielte Gassen den Ball zurück. Gassen kündigte an, das Instrument des Kassen-Navigators neu zu beleben.

Zweite Runde der Honorarverhandlungen am Mittwoch

"Jetzt auch noch Ärzte-Rankings der Krankenkassen - mit diesem Bürokratiewahn nehmen die Kassenfunktionäre auch noch dem letzten Medizinstudenten die Lust, sich als Landarzt niederzulassen", kommentierte der Präsident der Bundesärztekammer, Professor Frank Ulrich Montgomery das Kassenpapier.

Alle Studien zeigten, dass die Patienten mit der Arbeit ihrer Ärzte hochzufrieden seien, aber nicht immer mit der Arbeit ihrer Krankenkassen.

Eine Bewertung von Arztpraxen voranzutreiben ist ein Punkt von insgesamt zehn Positionen, die der Verwaltungsrat des GKV-Spitzenverbands am Mittwoch, 3. September, beschließen soll. Inhaltlich geht es dabei um Qualitätssicherung allgemein von Mindestmengen, Personalschlüssel, aber auch um die Qualitätssicherung in der Integrierten Versorgung.

Dass das Papier ausgerechnet heute durchsickerte, gehört auch zu den in Zeiten von Honorarverhandlungen üblichen Drohgebärden.

Am Mittwoch treffen sich die Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Gesetzlichen Krankenversicherung zur zweiten Runde der Verhandlungen. Noch liegen die Positionen der beiden Seiten weit auseinander.

[27.08.2014, 10:28:11]
Dr. Ilona Köster 
Mehr Transparenz, die Patienten nützt und die sie verstehen
Es ist die Zeit der Honorarverhandlungen. Da geraten schon mal die Sachdiskussion und auch die Interessen der Patienten aus dem Fokus. Fakt ist, dass die Information über die zu erwartende Behandlungsqualität in Krankenhäusern oder auch in einer Arztpraxis für Patienten sehr wichtig wäre. Es würde ja auch niemand wissentlich beispielsweise zu einer Autowerkstatt gehen, von der bekannt ist, dass sie Mängel am Auto nicht findet oder nicht sachgerecht beseitig. Nun ist die Messung der Qualität im medizinischen Bereich ungleich schwieriger. Für Krankenhäuser werden in ca. 30 Behandlungsbereichen ca. 500 Indikatoren erhoben, um Qualität zu messen. Da ist es sicher eine gute Idee, neben den Einzelergebnissen auch Scores zu bilden, die für eine Indikation das Gesamtergebnis widerspiegeln.
Im ambulanten Bereich ist die Lage noch undurchsichtiger. Aus der Qualitätsprüfung wissen wir, dass es Leistungsbereiche wie konventionelles Röntgen oder Arthroskopie gibt, in denen Stichproben deutliche Qualitätsmängel bei einem erheblichen Anteil der Ärzte zeigen - nur weiß kein Patient, welcher Arzt diese Probleme hat und welcher nicht. Als Konsumenten würden wir eine solche Situation jedenfalls nicht tolerieren.
Und jenseits jeder Polemik ist auch eine Bewertung der Krankenkassen nach ihrer Leistung eine gute Idee. Es geht nämlich nicht nur darum, ob auch Homöopathie gezahlt wird, sondern vor allem darum, ob die Kasse im Ernstfall anstandslos wichtige Leistungen zahlt oder beispielsweise bei Krankengeld oder Hilfsmitteln für Menschen mit Behinderung den Rotstift ansetzt. Insofern wäre es gut, wenn beide Seiten, Kassen wie Ärzte, ihre aktuellen Drohszenarien auch nach den Honorarverhandlungen noch ernst nehmen würden und Transparenz für Patienten und Versicherte verbessern würden. Dann würden bei all dem nämlich endlich auch die Patienten profitieren. zum Beitrag »
[27.08.2014, 09:24:11]
Dr. Ragi Chita 
Hat da denn keiner wirklich Ahnung, wie die Praxis ausieht?
Das also als Nächstes...
Ich bin auf die Kriterien für das Rankinng gespannt. Da schneidet evtl. der IGeL-verkaufende Luxusarzt, der sich ohne Wartezeit 1 Stunde Zeit für seine ausgewählten Patienten nimmt und für die Dauer der Massagetherapie krank schreibt besser ab als der einsam kämpfende Landarzt, der täglich 180 anströmende Patienten eines überalterten morbiden Landkreises rundum versorgen muss. Werden da die Patientenmeinungen verwertet oder wird für jede einzelne Praxis die Patientenzahl und Morbidität berücksichtigt?

Fragt sich eigentlich auch mal jemand, warum die Hausärzte die neue Geriatrie-/ Gesprächsziffer nur so wenig abgerechnet haben? Weil bei der Versorgung von 2000 Patienten/ Quartal schlicht nicht genug Zeit ist für so viele 10min-Gespräche oder dafür, dass man in der Patientenakte schon lange bekannte und vom Arzt behandelte behandelte Zustände nochmal im geriatrischen Assessment dokumentiert. Die kleinen Praxen in Ärztehäufungsgebieten haben dafür mehr Zeit.

Und wozu soll man "eilige Überweisungen" bürokratisieren. Ich kenne keinen Facharzt, der den Patienten nicht gleich annimmt, wenn der Hausarzt telefonisch um sofortige Untersuchung bittet - will ja auch schließlich keiner Hilfe unterlassen oder seinen Zuweiser verprellen. Stattdessen wird demnächst Geld für eine Koordinierungsstelle abfließen und ich muss nochmal was ausfüllen??

Und wozu gibt es die bürokratische regional gegliederte Niederlassungsbeschränkung? Die KBV kennt doch die Patientenzahl jeder einzelnen Praxis. Wenn sich ein Kollege niederlassen will oder jemand eine Zulassung für einen Praxispartner beantragt, kann man doch einfach nachsehen, wieviele Patienten von jeder Praxis in der Gegend versorgt werden und weiß sofort, ob da noch Bedarf für einen weiteren Arzt ist?!

Warum fragt nicht mal jemand einen Arzt, der täglich mit der Sache zu tun hat? zum Beitrag »
[27.08.2014, 08:17:49]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Wie wär's denn mal ...
mit Entwicklung von Leitbild-Kultur, interner und externer Supervision, Beschwerde-Management, positiver Fehlerkultur, Prozess-, Ablauf- und Ergebnis-Dokumentation mit quantitativer und qualitativer Evaluation, Management-Schulung und Optimierungsstrategien bei den "Kranken" Kassen der GKV?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »
[27.08.2014, 07:28:40]
Dr. Ulrich Hänsel 
Ranking auch bei Mangel?
Wird es auch ein Ranking bei bald nicht mehr vorhandenen Landärzten (wie ich ohne Nachfolge-Aussichten) geben? Wir haben in D offenbar ein Luxusproblem, in einigen Facharzt-Bereichen ist die Nachfolgeregelung auch nicht immer rosig. zum Beitrag »
[26.08.2014, 23:03:51]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Da die GKV von Medizin wenig Ahnung hat, vermute ich mal,
sollen dann die Patienten über ihren Dr. abstimmen.
Das heist dann z.B. länger krank schreiben, das gibt Punkte. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »