Ärzte Zeitung online, 07.01.2015

Lästiger Papierkram

Entbürokratisierung in Praxen läuft schleppend an

Knapp einen Arbeitstag in der Woche verlieren Vertragsärzte durch den Kampf mit Formularen und Kassenanfragen. Das soll sich perspektivisch ändern. Daran arbeiten die Barmer GEK und die KV Westfalen-Lippe.

Von Anno Fricke

Entbürokratisierung in Praxen läuft schleppend an

Zu viel Bürokratie! Darüber klagen viele Ärzte.

© J. Schmalenberger / fotolia.com

BERLIN. Der "Papierkram" in der Praxis hält viele junge Mediziner offenbar davon ab, sich niederzulassen.

58 Prozent der für den Ärztemonitor der Kassenärztlichen Bundesvereinigung befragten Jungmediziner gab die Bürokratie als eines der Haupthindernisse für eine selbstständige Tätigkeit in eigener Praxis an.

Die bereits niedergelassenen Ärzte rechneten in der Befragung vor, dass sie knapp acht Stunden in der Woche damit verbringen, sich durch die Flut an Formularen zu kämpfen.

Rund 500 Informationspflichten sind den Praxen insgesamt vorgegeben. Rund zehn Prozent lohnten sich, unter die Lupe genommen zu werden - mit dem Ziel, sie verschwinden zu lassen, sagte Wolf-Michael Catenhusen, der stellvertretende Vorsitzende des Normenkontrollrats bei einer Pressekonferenz von Barmer GEK und der KV Westfalen-Lippe am Mittwoch in Berlin.

Bürokratiekosten reduzieren

Kontrollrat kündigt Ergebnisse an

Noch in der ersten Jahreshälfte will der Normenkontrollrat Ergebnisse seiner Analyse des Bürokratieaufwands in Arztpraxen vorlegen. Das hat der stellvertretende Vorsitzende des Gremiums, Wolf-Michael Catenhusen, in Berlin angekündigt. An dem Projekt „Mehr Zeit für Behandlung – Vereinfachung von Verfahren und Prozessen in Arzt- und Zahnarztpraxen“ sind Akteure des Gesundheitswesens und das Statistische Bundesamt beteiligt. Für das Ausmaß an Bürokratie seien Bund, Länder und die Selbstverwaltung auf allen Ebenen verantwortlich, sagte Catenhusen. Umfragen unter Ärzten haben ergeben, dass Praxisärzte knapp acht Stunden in der Woche mit dem Ausfüllen von Formularen und der Beantwortung von Kassenanfragen verbringen.

Der Rat prüft derzeit die Bürokratiebelastung von Praxen. Noch in der ersten Jahreshälfte wolle der Rat Vorschläge zur Reduzierung der Bürokratiekosten unterbreiten, hat Catenhusen angekündigt.

Die Bürokratie im Gesundheitswesen verschlingt nach einer Hochrechnung der KV Westfalen-Lippe rund 3,2 Milliarden Euro im Jahr.

Gesundheit gehöre zu den am meisten von Bürokratie belasteten Politikbereichen, stellte Barmer GEK-Chef Dr. Christoph Straub fest.

 "Wir setzen und dafür ein, dass künftige Formulare nicht mehr dekretiert werden, sondern die Praxis der ärztlichen Tätigkeit, die der Kassen und Medizinischen Dienste mit einbezieht", sagte Straub.

Er räumte ein, dass die Kritik der Ärzte an der Bürokratiewut der Kassen nicht selten berechtigt sei.

Dr. Bernhard Gibis von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung betonte, dass viele Formulare dafür da seien, um Leistungen nicht gewähren zu müssen. Als Beispiel nannte er den Krankentransport.

Für tief greifende Änderungen bedürfe es eines politischen Impulses. So könnten zum Beispiel Bürokratieabbauziele vereinbart werden, um Handlungsdruck aufzubauen.

Jetzt sind Anzeichen einer Gegenbewegung zu erkennen. Ärzte und Kassen arbeiten Hand in Hand an der Verschlankung des Formularwesens. Testregion ist bislang der KV-Bezirk Westfalen-Lippe.

Auch Bayern und Niedersachsen preschen vor

Bayern und Niedersachsen haben sich ebenfalls auf den Weg gemacht.

Erste Erfolge lassen sich bereits ausmachen. Es sei gelungen, eine Reihe von im Praxisalltag sehr häufig genutzten Formularen deutlich zu vereinfachen, berichtete Dr. Thomas Kriedel aus dem Vorstand der KV-Westfalen-Lippe.

So seien die Vordrucke für Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigungen und Krankengeld zusammengeführt worden. Dieses Formular ist nach Auskunft der KBV im vergangenen Jahr rund 76 Millionen Mal ausgestellt worden.

Ein Formular, um Rehabilitationen zu beantragen, sei um die Hälfte eingedampft worden.

"Es geht darum, die Arbeitsbedingungen für Ärzte zu verbessern", sagte Kriedel.

Dafür erarbeiten Barmer GEK und die KV Westfalen-Lippe in Zusammenarbeit mit weiteren Kassen in drei Formularlaboren bürokratieärmere Versionen als heute, die zudem noch logischer aufgebaut und verständlicher formuliert sein sollen.

In Tests werden diese Formulare schon eingesetzt, ohne dass die teilnehmenden Ärzte verpflichtet sind, auch die Alt-Versionen auszufüllen.

Stellen sich die neuen Formulare als praktikabel heraus, werden sie Kassen und KVen angeboten.

"Die Bürokratie ist nicht alleine ein Problem der Ärzte, sie bindet auch Kapazitäten in den regionalen Geschäftsstellen der Krankenkassen", sagte Kriedel.

Für Catenhusen ist klar: "Klare Erfolgsfaktoren für die Reduzierung von Bürokratie sind die gemeinsame Analyse und die gemeinsame Entwicklung von Vereinfachungsmaßnahmen durch alle relevanten Akteure."

[07.01.2015, 14:35:35]
Dr. Wolfgang Bensch 
Neuer Vordruck Bürokratie
im Vorfeld oder mit Nachdruck abschaffen?
Was kann man von Bürokraten dabei erwarten?
Bleiben wir realistisch - nichts! zum Beitrag »

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