Ärzte Zeitung, 09.04.2015

Einzelleistungsvergütung

Ärzte brauchen noch Geduld

Einzelleistung statt Pauschale: Das sehen Pläne der TK zu einem neuen Vergütungssystem vor, die die Kasse vor neun Monaten vorgestellt hat. Warum sich das Vorhaben nicht schneller umsetzen lässt, erklärt TK-Vize Thomas Ballast im Interview mit der "Ärzte Zeitung".

Das Interview führte Dirk Schnack

Thomas Ballast

Ärzte brauchen noch Geduld

Thomas Ballast

© Schnack

Seit Juli 2012: stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse

Januar 2008 bis Juni 2012: Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Ersatzkassen (vdek); davor Stationen beim IKK Bundesverband und dem früheren Verband der Angestellten-Krankenkassen (VdAK)

Studium der Volkswirtschaftslehre an der Uni Köln (1984 bis 1989)

Jahrgang 1962

Ärzte Zeitung: Herr Ballast, seit dem TK-Vorschlag, ein Modell mit Einzelleistungsvergütung zu erproben, sind neun Monate vergangen. Wann ist mit einer Umsetzung zu rechnen?

Thomas Ballast: Da kann man noch keinen Termin nennen. Bei einem solchen Projekt kann man nicht Montag den Vorschlag machen und Freitag Vollzug melden. Der Teufel steckt auch hier im Detail.

Die Resonanz auf den TK-Vorstoß war insgesamt positiv. Warum geht es denn jetzt nicht weiter?

Ballast: Es stimmt, wir haben viele positive Rückmeldungen von KVen, KBV und Ärzteverbänden erhalten. Wir müssen aber auch möglichst viele, am besten alle Krankenkassen ins Boot holen.

Einige Kassen haben schon die Neigung erkennen lassen, mitzumachen. Wir sind derzeit noch auf Werbetour und außerdem dabei, die näheren Voraussetzungen für ein Modell zu klären. Diese werden derzeit vom IGES-Institut erarbeitet und uns demnächst vorgelegt.

Welche Rahmendaten brauchen Sie, um andere Kassen zu überzeugen?

Ballast: In erster Linie fragen die Krankenkassen natürlich, wie teuer die Umstellung für sie werden könnte. Entscheidend ist aber auch, ob und in welchem Ausmaß die Ärzte ihre Sprechstunden anpassen werden.

Wir müssen außerdem klären, ob alle Ärzte einer Region mitmachen sollten, und ob wir das mit dem bestehenden EBM machen können oder inwieweit wir den EBM überarbeiten müssen.

Die TK hat ja bereits deutlich gemacht, dass sie mit einem Honoraranstieg von fünf bis sechs Prozent im Falle einer Umstellung leben könnte…

Ballast: Aber nur im ersten Jahr. Danach sollte sich der Anstieg im Rahmen der üblichen Anpassungen bewegen. Ein dauerhafter Anstieg in dieser Größenordnung würde das Projekt zum Scheitern verurteilen.

Aber man darf davon ausgehen, dass es teurer wird für die Kassen - warum ist es für sie dennoch erstrebenswert?

Ballast: Weil wir uns mehr Transparenz und mehr Gerechtigkeit als vom derzeitigen System erhoffen. Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist: Viele Versicherte bekommen im jetzigen Pauschalvergütungssystem oftmals nicht die Versorgung, die sie benötigen und erwarten.

Hinzu kommt, dass die Leistungsanreize für die Ärzte derzeit nicht ausreichend ausgeprägt sind. Das bestehende System ist aus unserer Sicht nicht auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet und deshalb nicht überlebensfähig.

Die Einzelleistungsvergütung ermöglicht hingegen eine bessere Versorgung, eine Entschärfung der Wartezeitproblematik sowie eine Konvergenz von gesetzlicher und privater Krankenversicherung.

An Modellregionen dürfte es Ihnen nicht mangeln - Schleswig-Holstein hat sich gemeldet und die Falk-KVen haben auch Interesse signalisiert.

Ballast: Das stimmt, aber hier ist noch keine Vorentscheidung gefallen. Ob und wo wir die Einzelleistungsvergütung erproben, ist auch von den Rahmenbedingungen abhängig, die ich eben genannt habe.

Einiges versprochen haben sich viele Ärzte auch von den Hausarztverträgen. Die TK hat einen bundesweiten Hausarztvertrag, der aber regional sehr unterschiedlich angenommen wird. Woran liegt das?

Ballast: In erster Linie an den Hausärzten selbst. Es gibt zum Beispiel KV-Bezirke, in denen die Hausärzte mit den Rahmenbedingungen, die die KV ihnen bietet, ganz zufrieden sind. Dort besteht natürlich weniger Drang, in die Hausarztverträge zu gehen.

Insgesamt sind wir zufrieden mit der Resonanz. Zur Wahrheit gehört aber auch: Von den Versicherten wird das nicht überragend nachgefragt.

Wir evaluieren die Hausarztverträge derzeit, und stellen bisher fest: Die Versorgung unterscheidet sich nicht signifikant von der ohne Hausarztverträge. Wir entwickeln die Verträge daher eher vorsichtig weiter.

Aber es gibt Bestrebungen, den bestehenden Vertrag anzupassen?

Ballast: Wir arbeiten an einem Zusatzmodul für die psychotherapeutische Versorgung. Hausärzte könnten damit in die Lage versetzt werden, akuten psychotherapeutischen Versorgungsbedarf schnell zu erkennen und Termine zu vermitteln.

Warum ausgerechnet psychotherapeutische Versorgung?

Ballast: Die ist ein Mysterium für uns. Wir stehen vor der Situation, dass wir lange Wartezeiten haben. Zugleich nehmen viele Patienten dann aber nur ein oder zwei Sitzungen in Anspruch.

Wir wissen nicht, wie das zu erklären ist. Von dem Zusatzmodul erhoffen wir uns unter anderem neue Erkenntnisse über den tatsächlichen Bedarf.

Hohe Nachfrage Ihrer Versicherten gab es auch bei der Osteopathie. Sie haben die Honorare gesenkt - würgen Sie damit nicht ein sinnvolles Versorgungsangebot ab?

Ballast: Wir zahlen noch 40 Euro je Behandlung - für maximal drei Sitzungen im Jahr. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich dadurch die Honorare für die Osteopathie, die aufgrund der hohen Nachfrage gestiegen sind, wieder anpassen.

Wir haben hier die Situation, dass die Preise nicht geregelt sind und eine große Spannbreite aufweisen. Wir können auch nicht bestätigen, dass die Osteopathie dabei hilft, andere Leistungen wie etwa Operationen zu vermeiden.

Auf der anderen Seite stehen Einzelfälle mit positiven Effekten. Langfristig brauchen wir sicher eine Grundsatzentscheidung, ob alle Krankenkassen die Osteopathie einheitlich zahlen.

[13.04.2015, 10:44:33]
Waldemar Gutknecht 
Ärzte brauchen noch Geduld, (Einzelleistungsvergütung)
Irgendwie klingt es komisch, ausgerechnet ein KK-Funktionär (Thomas Ballast) macht sich sorgen um Ärztehonorare. Es muss ja ein Grund für diesen Sinneswandel geben. Kann es sein, dass KK-Funktionäre mit dem Ausmisten des KK-Leistungskataloges so weit getrieben, dass es zu Problemen geführt hat, das KK-System erstickt am Geld, die KH und Praxen probleme haben ihre Rechnungen zu begleichen??
Grüß
Zeuys
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