Ärzte Zeitung, 24.02.2016

Flüchtlinge

Künftig attraktiv für Kassen?

Die AOK Bremen zeigt sich nicht bange vor den Kosten der Versorgung von Flüchtlingen. Die Leistungsausgaben für diese Gruppe sind geringer als bei der heimischen Bevölkerung. Voraussetzung ist die Integration in den Arbeitsmarkt.

Von Christian Beneker

Künftig attraktiv für Kassen?

Ein Flüchtling aus Syrien hält seine Gesundheitskarte empor.

©dpa

BREMEN. Flüchtlinge könnten, wenn sie in den Arbeitsmarkt integriert werden, für Krankenkassen eine attraktive Versichertengruppe sein. Das geht aus den Zahlen der AOK Bremen/Bremerhaven für die Jahre 2012 bis 2014 hervor.

Danach gab die Kasse pro betreutem Flüchtling bisher rund 180 Euro pro Monat für die medizinische Versorgung aus, sagte Jörn Hons, Sprecher der AOK Bremen/Bremerhaven der "Ärzte Zeitung".

Das durchschnittliche AOK-Mitglied kostete die Kasse im gleichen Zeitraum monatlich 270 Euro. Wenn die betreuten Flüchtlinge eines Tages Versicherte bei der AOK wären, würde die Kasse möglicherweise Geld sparen.

Die Rechnung zeigt nicht nur, dass die Flüchtlinge im Vergleich zu den Versicherten in Bremen erheblich weniger Kosten verursachen, sondern auch im Vergleich zu den Bundesländern, in denen das so genannte "Bremer Modell" nicht gilt.

Im Rahmen des Bremer Modells erhalten die Flüchtlinge als sogenannte "Betreute" eine AOK-Gesundheitskarte und können damit fast alle medizinischen Leistungen in Anspruch nehmen. Die AOK Bremen/ Bremerhaven zahlt damit für rund 28.000 Betreute in Hamburg und Bremen die Kosten ihrer medizinischen Versorgung.

Die 180 Euro pro Betreutem erhält die Kasse von der Kommune zurück, zuzüglich eines Verwaltungsaufschlags von zehn Euro. Mit den insgesamt 190 Euro liegt man in Bremen und Hamburg niedriger als andernorts, wo das Bremer Modell nicht gilt.

Wo Flüchtlinge keine Gesundheitskarte haben und sich auf dem Sozialamt Behandlungsscheine holen müssen, fallen Kosten von durchschnittlich rund 200 Euro pro Flüchtling an, heißt es - ohne Verwaltungskosten.

Mit diesen Zahlen wird eine Rechnung aufgemacht, die sonst in der Gesetzlichen Krankenversicherung nicht angestellt werde. "Denn wir stufen keinen Versicherten nach der Kostendeckung ein. Der Gesundheitsfonds zahlt ohne Rücksicht darauf, was der Einzelne beigetragen hat. Und das gilt auch für die Betreuten."

Tatsächlich verdanken sich die geringeren Versorgungskosten für die Betreuten ihrer geringeren Krankheitslast. Diese ergebe sich vor allem daraus, dass die Neuankömmlinge rund zehn Jahre jünger sind, als der Schnitt der AOK-Versicherten in Bremen. "Dabei sind wir eigentlich schon eine junge Kasse", sagt Hons.

Der Zuzug der jungen Leute bedeute auch, dass in dieser Gruppe weniger Fälle von Diabetes, Schlaganfällen oder Krebserkrankungen vorkommen. "Außerdem gibt es unter den betreuten Flüchtlingen weniger ,Arzt-Hopper' als unter den übrigen Versicherten. Das spart Geld", so Hons.

Allerdings liegen noch keine Zahlen für 2015 vor und damit für das Jahr, in dem die meisten Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, so der Sprecher: "Es spricht derzeit nichts dafür, dass die Versorgungskosten bei den 2015 Angekommenen grundsätzlich anders sein werden."

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