Ärzte Zeitung, 22.02.2012

Heftige Kontroverse: Wann ist ein Mensch tot?

Organspende bleibt ein heikles Thema. Dass der Hirntod das endgültige Ende des Lebens ist, wird von Angehörigen nicht als selbstverständlich akzeptiert.

Von Christian Beneker

Heftige Kontroverse: Wann ist ein Mensch tot?

Die Diagnose Hirntod ist Voraussetzung für eine Organentnahme. Doch das sehen nicht alle Ärzte so.

© Andrea Danti / fotolia.com

HANNOVER. Wann ist der Mensch tot? Was macht ihn zum Menschen - das Hirn? Im Vorfeld der Bundestagsentscheidung zur Organspende diskutierte das Podium bei der Talkshow "Tacheles" der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) in der Hannoveraner Marktkirche die Organspende.

Renate Greinert von der Initiative Kritische Aufklärung Organspende (KAO) verlor ihren 15-jährigen Sohn Christian durch einen Unfall. Hirntot lag der Teenager in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Was dann folgte, war ein trauriges Beispiel misslungener Kommunikation. "Ihr Sohn war doch ein sozialer Typ, haben die Ärzte mir gesagt, jetzt sitzen andere Mütter an den Betten ihrer Kinder und warten auf ein rettendes Organ", so Greinert auf dem Podium.

"Wann ist ein Mensch tot?"

Sie reagierte auf solchen Druck, willigte in die Organentnahme ein und bereute es später sehr. Der Eindruck des operierten Leichnams ihres Sohnes lässt sie heute zu dem Schluss kommen: Organentnahme bedeutet, dass Sterbende "in aggressiver Weise zerteilt" werden.

Die Frage des Moderators, Pfarrer Jan Dieckmann, "Wann ist ein Mensch tot" wurde kontrovers diskutiert. Für BÄK-Chef Frank-Ulrich Montgomery ist ein Mensch dann tot, wenn zwei Ärzte im Abstand von 24 Stunden unabhängig voneinander fest gestellt haben, dass ein Mensch keine Hirnaktivität mehr hat.

"Die Hirnleistung macht uns zu Menschen. Hirntoten ist die Rückkehr ins Leben nicht mehr möglich!", so Montgomery. Dr. Paolo Bavastro, Internist aus Stuttgart, widersprach. Die Vorstellung, dass nur die Hirnaktivität den Menschen zum Menschen mache und der Tod des Hirns auch den Tod des Menschen bedeute, sei überholt, so Bavastro.

Hirntod ist umstritten

"Sterben ist ein Prozess. Und er ist erst dann abgeschlossen, wenn alle Organe sich desintegriert haben."

Einig war sich das Podium, dass vor einer Organentnahme ausführlich informiert werden muss. "Bei jeder Katheter-Untersuchung muss der Patient viele Seiten lesen und unterschreiben", so Bavastro gegen die Haltung Montgomerys. "In der Aufklärung über den Hirntod müsste auch stehen, wie umstritten er ist."

Der Braunschweiger Landesbischof Friedrich Weber, Befürworter der Organspende, betonte, dass es Angehörigen möglich sein muss, sich würdig zu verabschieden.

Aber es blieb offen, wie die Sterbebegleitung und Verabschiedung bis zur Organentnahme aussehen könnte.

[22.02.2012, 18:55:07]
Dipl.-Psych. Roberto Rotondo 
Hirntod
Prof. Bavastro postuliert also eine "extreme Meinung". Kritiker des Hirntodkonzepts haben oft damit zu tun, dass sie in eine extreme Ecke gestellt werden. Der Rechtsmediziner und Ethiker Prof. Dr. med. Hans-B. Wuermeling war 1998 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer. In einem Gespräch mit dem Radio Vatikan im Jahr 2008 sagte er: „Beim Menschen ist es so, dass das Gehirn die zentrale biologische Steuerungsfunktion für alle Organe übernimmt. Und wenn dieses zentrale Organ ausgefallen ist, dann kann man nicht mehr von einem lebenden Organismus sprechen, sondern nur noch von einer künstlich lebend konservierten Leiche, wenn man das ganz brutal ausdrücken soll. […] Der Hirntod ist eine rein biologische Angelegenheit und den Hirntod können auch Tiere – höhere Tiere jedenfalls – erleiden. Das ist alles sehr schwer zu verstehen und Fundamentalisten wehren sich wie die Wilden dagegen.“ Quelle: Vatikan: Hirntod in der Diskussion, (rv 07.11.2208 vp). Internet: http://storico.radiovaticana.org/ted/storico/2008-11/243207_vatikan_hirntod_in_der_diskussion.html.

Kritiker des Hirntodkonzepts vertreten "extreme Meinungen", sind "Fundamentalisten" und "Wilde".

Aber auch ehemalige Hirntod-Konzept-Befürworter zweifeln am Hirntod-Konzept. Prof. Dr. med. Hans-B. Wuermeling im Juli 2010 (JUNGE FREIHEIT. 29/10, 16.07.2010):

„Diese Begründung der These, der Hirntod sei der Tod des Menschen, war unwissenschaftlich und lediglich zweckgerichtet. Dennoch wurde sie weltweit akzeptiert, um Organtransplantationen möglich zu machen.“

Wuermeling bezieht sich auf den Aufsatz von Dr. Sabine Müller, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie CCM der Charité in Berlin, aus der Zeitschrift "Ethik in der Medizin" aus dem Jahr 2010 und stellt fest, dass ihr „Alarm […] kaum wahrgenommen [wurde]. Sie weist darauf hin, daß Dieter Birnbacher 2007 zu dem Schluss gekommen ist, daß „bei der Explantation von Organen von Hirntoten (...) einem lebenden Organismus Organe entnommen (werden)“, und folgert, die Entnahme geschehe an einem „lebenden menschlichen Individuum."

Eine Übersicht der Debatte findet man auch in der Ärztezeitung. Insbesondere im Beitrag: "Anlass zu zweifeln: Wie sicher ist die derzeitige Diagnostik des Hirntodes?".

Wenn wir mit "extremen Meinungen" in der Wissenschaft nicht um gehen könnten, würde wohl noch heute das geozentrischen Weltbild gelten. Im Themengebiet der Transplantation sind es vielleicht doch die Menschen mit "extremen Meinungen", die wissenschaftlich fundiert argumentieren.

Wer sind eigentlich in diesem Zusammenhang die Fundamentalisten ? zum Beitrag »
[22.02.2012, 15:59:33]
Prof. Dr. Volker von Loewenich 
Hirntod
Wenn Kollege Bavasto postuliert, die Definition, der Tod des Gehirns sei gleichbedeutend mit dem Tod des Individuum, sei überholt, dann vertritt er eine wieder neu aufgekommene extreme Meinung, die keineswegs breite Akzeptanz beanspruchen kann. Im Gegensatz zu Organen wie Nieren, Leber, Herz, Lunge usw. ist ein Gehirn nicht transplantierbar, technisch. Und wenn es doch ginge? Wenn ich eine Spenderniere erhalte, werde ich nicht zu einem anderen Individuum. Machen wir einmal das Gedankenexperiment, ich bekäme als Mann das Gehirn einer Frau: was wäre ich dann? In der Tat hängt meine Individualität von meinem Gehirn ab. Richtig ist, daß nach dem Tod des Gehirns im Sinne des von Bovasto angeführten "Sterbeprozesses" nach einander andere Körperteile sterben, der Darm, später die Nieren, und noch später vielleicht die Haarwurzeln. Man kann das bei der Begegnung mit einem Hirntoten auf auch emotional verstehbare Weise beobachten: der Kopf ist schon kalt, der die Organe umschließende Stamm ist noch warm. Das Gehirn ist hier im Sterben vorausgegangen. Man muß nicht auf die Auflösung aller Organe warten, um das Verscheiden des Menschen als menschliche Person festzustellen.  zum Beitrag »

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