Ärzte Zeitung, 21.09.2009

Rationierungsdebatte: "Ärzte müssen sich stärker beteiligen!"

Der Tübinger Medizinethiker Professor Georg Marckmann übt Kritik: Die Debatte über Verteilung knapper Ressourcen müsse von Ärzten offensiver als bisher geführt werden.

KÖLN (iss). In der Diskussion über Rationierung und Priorisierung im Gesundheitswesen müssen Ärzte eine viel aktivere Rolle einnehmen als bisher. Davon geht der Medizinethiker Professor Georg Marckmann von der Universität Tübingen aus. "Die Ärzteschaft muss selbst Verantwortung übernehmen für die Verteilung knapper Ressourcen", sagte Marckmann auf dem PKV-Forum des privaten Krankenversicherers Continentale in Köln.

Da die Ärzte ihre Freiheit behalten wollten, beteiligten sie sich nicht an der gesellschaftlichen Debatte. "Sie müssen die Verantwortung übernehmen für die ökonomischen Folgen ihres Handelns."

Bei der Abwägung darüber, welche Leistungen künftig über das Krankenversicherungssystem finanziert werden, sollten nach Marckmanns Meinung drei Kriterien eine Rolle spielen: die medizinische Bedürftigkeit des Patienten, der zu erwartende Nutzen für den Einzelnen und das Kosten-Nutzen-Verhältnis.

Keinen Sinn mache es, Leistungsausschlüsse daran zu knüpfen, ob Patienten selbst für ihre Erkrankung verantwortlich sind. In der Regel gebe es keinen direkten kausalen Zusammenhang zwischen dem Verhalten und einer späteren Erkrankung. Hinzu komme die Frage, ob ein Verhalten wirklich selbst bestimmt und frei gewählt ist. "Armut in der Kindheit ist eine entscheidende Determinante für gesundheitsschädliches Verhalten", sagte Marckmann.

Bei der Debatte über eine Zwei-Klassen-Medizin spiele die Frage des Versicherungssystems, also ob jemand gesetzlich oder privat versichert ist, nicht die entscheidende Rolle. "Es gibt ein großes Problem in Hinblick auf die Gesundheitschancen."

Die gerade im Gesundheitswesen erforderliche Solidarität habe nichts mit Egalisierung zu tun, sagte der ehemalige Bundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker. "Nicht absolute Gleichheit ist das Ziel, sondern die höchstmögliche Annäherung an Chancengleichheit", so von Weizsäcker.

Mit der Chancengleichheit gebe es sowohl in der GKV als auch in der PKV Probleme, sagte der Gesundheitsökonom Professor Matthias Graf von der Schulenburg. An Rationierung führt seiner Überzeugung nach kein Weg vorbei. Die GKV habe mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss und dem IQWIG inzwischen Institutionen, um Rationierung nach transparenten und plausiblen Kriterien umzusetzen, sagte er.

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