Ärzte Zeitung online, 14.10.2009

Geburt im Wachkoma - Junge vom Jugendamt betreut

NÜRNBERG (dpa). Sie lag monatelang im Wachkoma und bekam dennoch ein gesundes Kind: Die Uniklinik Erlangen hat am Mittwoch den Fall einer 41-Jährigen beschrieben, deren Hirn von der 13. Schwangerschaftswoche an irreparabel geschädigt war. Gut fünf Monate später hatten die Ärzte per Kaiserschnitt einen gut zwei Kilogramm schweren Jungen auf die Welt geholt.

Der Fall sei hinsichtlich des Alters der Mutter, der langen Restdauer der Schwangerschaft sowie zusätzlicher Risikofaktoren weltweit einzigartig, sagte der Direktor der Frauenklinik, Professor Matthias Beckmann.

Das Kind ist mittlerweile eineinhalb Jahre alt. "Der Kleine ist völlig in Ordnung", betonte Beckmann. Der Junge befindet sich in der Obhut eines Jugendamtes, weil sich sein Vater nicht um ihn kümmern kann. Auch die beiden älteren Kinder der Frau werden vom Jugendamt betreut. Ihr Vater ist bereits gestorben.

Die allein erziehende Mutter zweier Kinder hatte im Dezember 2007 einen Herzinfarkt erlitten und war ins Wachkoma gefallen. Ihre Herzleistung liege nur noch bei 25 Prozent, ihr Gehirn sei zu 70 Prozent geschädigt, nur das unter anderem für die Atmung zuständige Stammhirn funktioniere noch, erklärte Beckmann. In Absprache mit einem Ethik-Komitee hielten Ärzte der Uniklinik die Schwangerschaft aufrecht. Tests hätten gezeigt, dass sich der Junge im Mutterleib normal entwickelte.

Die weltweit rund 25 veröffentlichten Fälle von Schwangeren im Wachkoma oder mit Hirntod hätten oftmals mit Frühgeburten oder ernsten Schädigungen des Kindes geendet, erläuterte Beckmann. Einfach sei auch die Betreuung der 41-Jährigen nicht gewesen: Die übergewichtige Frau sei starke Raucherin gewesen und habe Diabetes. "Das war ein Risikofaktor neben dem anderen", erklärte der Arzt. Zwölf Tage nach der Geburt ihres Sohnes sei die Frau in eine spezielle Pflegeeinrichtung verlegt worden. Dort lebe sie noch immer, sagte Beckmann. "Aber es geht ihr nicht gut."

Es sei zu begrüßen, dass eine Diskussion über die Frage ausgelöst worden sei, was medizinisch machbar und ethisch richtig ist, hatte der Professor für Ethik in der Medizin, Andreas Frewer, vor einigen Tagen in einer Erklärung betont. Nachdem die Uniklinik vergangene Woche erstmals über die Wachkoma-Geburt berichtet hatte, war zudem eine Debatte über die Frage der Einzigartigkeit des Falls entbrannt. Das Klinikum Nürnberg hatte erklärt, es habe dort in diesem Sommer ebenfalls eine Geburt einer Wachkoma-Patientin gegeben.

Stichwort: Wachkoma und Hirntod

Patienten im Wachkoma haben zwar die Augen geöffnet, ihr Blick geht jedoch ins Leere. Während die lebenswichtigen Zentren des Gehirns noch funktionieren, ist die Großhirnrinde ausgefallen. Das Großhirn ist Sitz des Bewusstseins, Verstandes und Gedächtnisses.

Das Wachkoma (apallisches Syndrom) tritt meist als Folge eines schweren Sauerstoffmangels im Hirn auf. Zu den Ursachen zählen Hirnverletzungen oder -entzündungen, Vergiftungen, Herz- oder Atemstillstand und Schlaganfall. Behandeln lässt sich nur die Grunderkrankung, die zum Wachkoma geführt hat. Darüber hinaus werden Wachkoma-Patienten künstlich ernährt und bekommen Krankengymnastik sowie einen Blasenkatheter.

Eine Rückkehr des Bewusstseins nach mehr als drei Monaten gilt als unwahrscheinlich. Die meisten Patienten sterben nach zwei bis fünf Jahren an Komplikationen wie Lungen- oder Harnwegsinfektionen.

Bei Hirntoten sind die Gesamtfunktionen des Großhirns, Kleinhirns und Stammhirns unwiederbringlich erloschen. Ursachen sind beispielsweise Schädel-Hirn-Verletzungen, Hirnblutungen oder Herz-Kreislauf-Stillstand. Der Mensch atmet nicht mehr. Durch künstliche Beatmung kann der Blutkreislauf aber erhalten werden.

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