Ärzte Zeitung online, 30.07.2011

BÄK-Präsident Montgomery für Ranglisten-Medizin

Weil die Geldmittel begrenzt sind, soll nicht mehr jeder Kranke künftig die bestmögliche Behandlung bekommen: Die Therapie könnte abhängig gemacht werden von der Schwere der Krankheit, vielleicht auch vom Alter des Patienten, schlägt Ärztepräsident Montgomery vor.

BERLIN. Das Thema ist nicht neu, aber immer für große Aufregung gut. Nun hat der Ende Mai frisch gewählte Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Dr. Frank Ulrich Montgomery, einen weiteren Vorstoß unternommen und für eine Art Ranglisten-Medizin geworben.

Danach soll die Behandlung bestimmter Krankheiten und Leiden Vorrang vor anderen haben - festgemacht an bestimmten Indikatoren, Patientengruppen oder Verfahren. Dies sei "die einzige Methode", die vorhandenen Gelder gerecht einzusetzen.

"Jeder wird behandelt, jeder wird versorgt, in der Rangfolge der Dringlichkeit", sagte Montgomery der Zeitschrift "Forschung & Lehre" (August). Er nannte das eine "ehrliche Priorisierung" medizinischer Behandlungen statt "heimlicher Rationierung".

Gesundheitsbeirat soll Ranglisten-Kriterien erarbeiten

Die Ranglisten-Kriterien und den dazu notwendigen Konsens sollte seinen Vorstellungen zufolge ein Gesundheitsbeirat erarbeiten, in dem Ärzte, Ethiker, Juristen, Gesundheitsökonomen, Theologen, Sozialwissenschaftler und Patientenvertreter gemeinsam Empfehlungen entwickeln. Schon dies ist ohne heftigen Streit nicht denkbar. Die letzte Entscheidung sei - so der BÄK-Präsident - politisch zu treffen und zu verantworten.

Bereits Montgomerys Amtsvorgänger Professor Jörg-Dietrich Hoppe hatte sich immer wieder für eine Priorisierung medizinischer Leistungen ausgesprochen. Er war damit aber erst jüngst beim Deutschen Ärztetag auch bei Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) abgeblitzt.

Der setzt darauf, dass die medizinische Versorgung so verbessert wird, "dass Debatten über Rationierung oder auch Priorisierung unnötig werden." Wie das geschehen soll, ist offen.

Jeder Gesundheitspolitiker weiß um die Brisanz des Themas. Jeder Spar- oder Rationierungsschritt sorgt bei den rund 70 Millionen gesetzlich Versicherten verständlicherweise für Unruhe.

Vor Jahren brach die Junge Union eine Debatte über Endoprothesen für Alte vom Zaun

Als vor Jahren der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder (CDU) darüber laut nachdachte, ob 85-Jährige auf Kassenkosten noch eine künstliche Hüfte erhalten sollten, erntete er einen Sturm der Entrüstung. Mißfelder musste unter dem Druck der eigenen Partei zurückrudern - immerhin sind Rentner häufig treue Wähler der Union.

Für das Problem der steigenden Kosten im Gesundheitssystem und die daraus folgenden Zwänge zum Sparen sind aus Sicht Montgomerys nicht Honorarzuwächse bei den Ärzten, sondern der immer umfangreichere Leistungskatalog, der medizinische Fortschritt und der demografische Wandel verantwortlich. "Wir haben also eine Leistungs- und mitnichten eine Kostenexplosion." (dpa)

[01.08.2011, 12:26:17]
Dr. Jürgen Schmidt 
Billard mit Bande
Die Problematik begrenzter Ressourcen einerseits und steigender Notwendigkeiten (Demografie, Fortschritt) und Ansprüche andererseits war vom Amtsvorgänger Hoppe bewusst zu einem Thema gemacht worden, über das die Gesellschaft debattieren sollte.

Hoppe hatte die Priorisierung als unausweislich erscheinende Lösung in den Raum gestellt.
Montogomery nun führt die Argumentation nicht nur ad absurdum, indem er nur eine Behandlungsreihenfolge nicht aber eine -begrenzung fordert, er läuft mit der provokant vorgetragenen These sogleich in den fälligen Konter, weil unausweislich die Frage aufgeworfen wird, ob nicht zunächst bestimmte, im Übermaß erbrachte medizinische Leistungen reduziert werden könnten: Koronarangiografien, MRT, Hausbesuche, um nur einige Beispiele zu nennen.

Hoppe hatte nicht unbedingt mit seinen Themen, aber mit geschickter und zurück haltender Rhetorik ein gewisses öffentliches Ansehen im Amt erworben. Dieser Stil war und ist Montgomerys Sache nicht.
Nun wird man sich fragen dürfen - und müssen -, ob diese Offensive nur unüberlegt und unvorsichtig vorgetragen worden ist, oder eine tiefere Absicht erkennbar wird. Dabei stößt man auf den Umstand, dass der provozierte Konter zur Priorisierung/Rationierung, nämlich die Rationalisierungsdebatte, wie vom Bundesgesundheitsminister und den Krankenkassen gefordert, angesichts der betroffenen Leistungssektoren vorwiegend das Leistungsgeschehen in der ambulanten Versorgung betrifft.

Billard mit Bande also, vom ehemaligen MB-Vorsitzenden subtil und noch rechtzeitig in die Debatte um die Versorgungsgesetze eingespielt. zum Beitrag »
[31.07.2011, 12:01:53]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Montgomery im Minus?
Nach seiner Wahl als neuer Präsident der Bundesärztekammer sah es zunächst so aus, als würde sich Kollege Dr. med. Montgomery aus den Tiefen der pathologischen Anatomie zu den Höhen der klinischen Entscheidungsfindungen aufschwingen. Von der Kontemplation zur Aktion zuzusagen.

Doch unter der Überschrift "Montgomery: GKV-Beitragssenkungen sind absurd" berichtete das 'Deutsche Ärzteblatt' am 21. Juli 2011:

http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=46698#comments

Dies bestätigt die seit Karsten Vilmar ("Häuptling Silberlocke")gefestigte Tradition, dass der jeweilige Präsident der Bundesärztekammer (BÄK) immer zuerst über Probleme der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) mit der GKV, und alle Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zuvörderst über Moral, Ethik und Sinnhaftigkeit ärztlichen Handelns parlieren. Es verwirrt aber die erstaunte Öffentlichkeit, Medien, Bundes- und Landespolitiker gleichermaßen, wenn ärztliche Standesorganisationen durcheinander und über Kreuz schwadronieren.

Das gilt auch hier für die von Montgomery ohne Not vom Zaun gebrochene 'Priorisierungsdebatte', mit der sein Amtsvorgänger ebenfalls nicht punkten konnte. Wer von "heimlicher Rationierung" negativ und von "ehrlicher Priorisierung" medizinischer Behandlungen positiv spricht, hat das Solidarprinzip einer beitragsfinanzierten Umlagekasse GKV nicht verstanden. Gesetzliche Krankenversicherungen (GKV) können als betriebswirtschaftliche Umlagekassen jederzeit über Beitragserhöhungen, Verbreiterung der Beitragsbemessung und Erhöhung des Bundeszuschusses (derzeit über 15 Milliarden € jährlich) sowohl Kosten- als auch Leistungssteigerungen ausgleichen. Nur als Bonmot am Rande: Die Private Krankenversicherung (PKV) muss auch ständig bei Altverträgen mit massiven Prämiensteigerungen nachschießen, weil sie die medizinischen und demografischen Trends nicht rechtzeitig sehen wollte. Sie ist eine 'larvierte Umlagekasse' mit volatilen Prämien!

Dass sich eine Diagnostik- und Therapieindikation primär nach der Dringlichkeit orientiert, ist in Klinik und Praxis nicht zuletzt angesichts der vielen Bagatellerkrankungen, Befindlichkeitsstörungen und alkohol-, nikotin-, bewegungsmangel- bzw. adipositasbedingten Morbiditäten eine fast allgegenwärtige Erkenntnis. Die Gesetzlichen Krankenkassen fördern einen fragwürdigen Trend, indem sie multimedial verbreiten, jederzeit müssten deutschlandweit immer und überall in allen Fachrichtungen unverzüglich Untersuchungs-, Beratungs- und Therapietermine vorgehalten werden, um jede Art von Patientenanliegen kompetent befriedigen zu können. Sogar wenn es sich nur um die auch von vielen Ärzteverbänden propagierten Zweit- oder Drittmeinungen zu demselben Krankheitsproblem handeln sollte.

Dies korrespondiert auch mit einer weit verbreiteten 'Flatrate'-Mentalität bei GKV- wie PKV-Versicherten, mit der jede(r) Gesundheits- und Krankheitsdienstleistungen, ambulante, stationäre, konservative, operative und palliative Medizin beliebig oft abgreifen könnte, ohne dass ärztliche Vernunft und Augenmaß gefragt wären. Die Schwer- und Schwerstkranken bleiben bei diesen irregeleiteten Anforderungsprofilen auf der Strecke, weil sie sich auch zu wenig Gehör verschaffen können.

Helfen, Heilen, Lindern, Schützen, d a s ist unsere ärztliche Kernkompetenz, Herr Präsident, und n i c h t Rationierung und Priorisierung!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM (z. Zt. Bergen aan Zee)

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Im Sushi war der Wurm drin

Der Hinweis aufs Sushi brachte die Ärzte auf die richtige Spur. Statt den Patienten wegen Verdachts auf akutes Abdomen zu operieren, führten sie eine Gastroskopie durch. mehr »

Alle wichtigen Videos vom Ärztetag

Digitalisierung, Angst vor Veränderung, Wunschminister: Die Ärztezeitung fasst für Sie die wichtigen Themen des Ärztetags in kurzen Videos zusammen. mehr »

Importierte Infektionen führen leicht zu Diagnosefehlern

Wann muss ein Arzt für eine Fehldiagnose gerade stehen? In einem aktuellen Fall entschied das Oberlandesgericht Frankfurt gegen einen Arzt. mehr »