Ärzte Zeitung, 04.11.2012

Marktgesetze in der Medizin

"Ein großer Irrtum"

Die Gesetze des Marktes auf die Krankenversorgung anzuwenden war ein Fehler, sagt Medizinethiker Giovanni Maio. Er fordert von Ärzten, wieder den ganzen Menschen in den Blick zu nehmen.

"Ökonomie darf nur eine Dienerin der Medizin sein"

Mit dem DRG-System werden chronisch Kranke, Multimorbide und Patienten, die schwer zu behandeln sind, systematisch exkludiert: Professor Giovanni Maio.

© Dirk Schnack

KÖLN (iss). Der Freiburger Medizin-Ethiker und Arzt Professor Giovanni Maio warnt vor den Folgen der immer stärker werdenden ökonomischen Ausrichtung des Gesundheitswesens.

"Es war ein großer Irrtum, die Gesetze des Marktes einer sozialen Praxis wie der Krankenversorgung überzustülpen", sagt Maio in einem Interview mit dem "Rheinischen Ärzteblatt".

Maio: "Die Politiker haben aufgehört, selbst zu gestalten und überlassen alles der Wettbewerbsfähigkeit."

Die diagnose-bezogenen Fallpauschalen (DRG) für die Vergütung in den Kliniken zeigen nach Ansicht des Internisten und Philosophen, welche Folgen die ökonomische Ausrichtung der Gesundheitsversorgung hat.

Im Fallpauschalensystem werde jedes Krankenhauses bei den Patienten darauf achten, ob sie gut behandelbar und rentabel sind und ob bei ihnen viel Technik zum Einsatz kommen kann.

"Dagegen werden chronisch Kranke, Multimorbide und Patienten, die schwer zu behandeln sind, systematisch exkludiert."

Kritik an der Kolonialisierung der Medizin

Das habe mit einem sozialen System nicht mehr viel zu tun, sagt Maio. "Wir beobachten heute eine Kolonialisierung der Medizin durch die Ökonomie", kritisiert er.

Ökonomisches Denken sei zwar wichtig, die Ökonomie dürfe aber nur eine Dienerin der Medizin sein.

Der Arztberuf müsse ein freier Beruf bleiben, betont er. Die Freiheit versteht er als Verpflichtung, nur zum Wohle des Patienten zu entscheiden.

"Ärzte, die sich für die Ökonomie entscheiden, lassen sich nicht nur diese Freiheit nehmen, sondern geben das höchste Pfand aus der Hand, das sie besitzen: die Vertrauenswürdigkeit ihrer Profession", sagt Maio.

Für das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient sei es wichtig, dass Ärzte das Gefühl haben, für ihr persönliches Engagement belohnt zu werden. "Was wir heute jedoch erleben, ist die Bestrafung dieses persönlichen Einsatzes", so der Medizinethiker.

Realität sei eine auf Hochgeschwindigkeit getrimmte Medizin, in der nur noch auf Paragrafen oder Fallpauschalen geblickt werde und nicht mehr auf den ganzen Menschen, sagt Maio.

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[05.11.2012, 18:20:32]
Dieter Döring 
Marktgesetze in der Medizin "Ein großer Irrtum"
Ich kann Herrn Professor Giovanni Maio nur voll und ganz zustimmen. Eine der schlimmsten und folgenschwersten Fehlentscheidungen war es Marktgesetze bei den gesetzlichen Krankenkassen, sowie bei den Leistungs- erbringern im Gesundheitswesen einzuführen. Dies hat im Gesundheitswesen zu einer Entsolidarisierung geführt, und die gesetzlichen Krankenkassen sollten doch eine Solidargemeinschaft sein. Das die Ärzteschaft sich solche Verträge hat aufzwingen lassen ist schon schlimm. zum Beitrag »
[05.11.2012, 14:10:43]
Dr. Richard Barabasch 
Die Ärzte sollen . . .
Ja, wo leben Sie denn HEer Maio ? DIE (Krankenkassenpflichtversicherte betreuenden Vertrags-)ÄRZTE TUN mindestens seit Jahren und insonderheit in den letzten Monaten nichts anderes, als eben dieses zu leisten, zu fordern, rückzubesinnen, als nämlich mit diesem oberdämlichen (Frau "Gesundheits"-Ministerin Schmidt nämlich) Wettbewerbs-Gefasel die Misere anfing. Und nun wird der Professor auch endlich wach und bequemt sich vom professoralen Stuhl die Kollegenschaft aufzufordern, das zu tun, für das diese sich bereits die Finger wund geschrieben, die Schueh abgelaufen und die Hälse schier stimmlos geschrieen haben. Na tolle Leistung aus Freiburg!
Sehr schade, dass es ooooo lange dauerte bis auch ein professoraler Kollege zu spüren beginnt, was den Real-Tätigen bereits die Gurgel abdrückt,
meint

Dr. Richard Barabasch, Allgemeinarzt und Diabetologe u.v.a.m.
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[04.11.2012, 17:56:38]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ethik, Monetik und die Gesetze des "Freien Marktes" bei Gesundheit und Krankheit?
Was bleibt uns denn noch, wenn wir die Grundlagen ärztlichen Handelns, unseres professionellen Engagements und unserer ethischen Überzeugungen zu Gunsten rein ökonomisch bestimmten Tuns aufgeben würden?

Unter dem Diktat der Ökonomie werden auch wir im Bereich der niedergelassenen Vertragsarzttätigkeit immer weiter rationiert, reglementiert, dirigiert, pauschaliert, regressiert, redressiert und mundtot gemacht. Unter dem Eindruck zunehmender gesellschaftlicher Widersprüche im Gesundheitswesen sollen wir einerseits als medizinische Dienstleister immer höher, besser, weiter und kompetenter springen und zugleich immer schneller, billiger, beschränkter und tauglicher für jede Art von Massenabfertigung werden. Zugleich sollen die Praxisumsätze sinken, während die Finanzreserven von GKV-Kassen und Gesundheitsfonds auf 24 Milliarden Euro in diesem Jahr anschwellen.

Beispiele aus meiner Praxis:
„David“ kam als Akutfall von der Straße direkt in meine Praxis. Ein 17-jähriger junger Mann aus Mecklenburg-Vorpommern. In Dortmund auf Montage als Maler-Azubi. Trotz massivem Leistungseinbruch, dick geschwollenen Beinen, Blässe und diffusen Schmerzen im li Oberbauch hatte er weiter gearbeitet. Zwei Ärzte, bei denen er schon vorher war, hatten ihn nur flüchtig angeschaut. Ich habe nur „Hose bitte ausziehen“ gesagt und sofort untersucht, weil ihn meine Helferin direkt rein gebeten hatte. Er kam nach telefonischer Vorankündigung und später bestätigter akuter myeloischer Leukämie sofort stationär in die örtliche Onkologie: Nach Stabilisierung Verlegung zur Maximaltherapie und Knochenmarktransplantation in die Uniklinik Rostock. Dieser junge Mann brauchte auf der Stelle maximale und teuerste Spitzenmedizin, o h n e dass alle an seiner Versorgung Beteiligten auch nur eine Gedankensekunde daran verschwendet hätten, dass David erst seit einem Jahr GKV-Mitglied zum geringsten Beitragssatz war.
Zweites Beispiel „Herr X“, 45 Jahre alt, leitender Angestellter, auf dem Sprung in die Selbständigkeit, völlig überarbeitet: Langjähriges Schlafdefizit, 14-Stunden-Arbeitstag, depressive somatisierte Erschöpfung. Hausärztliches Komplettlabor völlig o. B. In den Fängen eines ärztlichen Diagnostik- und Therapieunternehmens waren Schädel-MRT und Ganzkörper-CT natürlich o. B. Minimaler Testosteronmangel bei endokrinologisch und serologisch vollständiger Abklärung. Kardiologische und pulmonologische Durchuntersuchungen unauffällig. Nach Hyperdiagnostik die Chaostherapie: Morgens „upper“, abends „downer“. Testosteron-Langzeitinjektionen und DHEA, Arginin tagsüber zum Aufputschen, nachts Melatonin und GabaNight. Aber kein vernünftiges fachärztliches Aufklärungsgespräch.
Drittes Beispiel, Frau Z. aus Angola, 51 Jahre, Freitag gegen 10 Uhr akut mitten im Vormittagsgetümmel, begleitet von einer Verwandten, die Deutsch spricht und in den portugiesischen Dialekt übersetzt. Beinschwellung rechts bei Z. n. tiefer Unterschenkelverletzung, chronisch venöse Insuffizienz, arterielle Pulse gut tastbar, chron. Stauungsekzem. Ich verordne Kompressionsstrümpfe, wegen der Hitze in Angola nur stundenweises Tragen. Die groß gewachsene Frau hat mehrere Kinder geboren, fasst Vertrauen, berichtet vom Druckschmerz im li Unterbauch. Die Untersuchung ergibt einen Uterus myomatosus, der gegen das Sigma drückt. Abdomen sonst o. B. Die Patientin soll eine Laboruntersuchung bekommen. Da sie auch auffällig große Füße, Finger und Hände, eine relativ tiefe Stimme und etwas grobe Gesichtszüge hat, würde ich auch eine Akromegalie abklären wollen. Ihr Rückflug geht aber schon am Montag! Meine umsichtige MFA hat die Situation voll im Griff, macht das Labor fertig. Wir vereinbaren Besprechung der Ergebnisse und Konsequenzen mit der Verwandten und Nachsendung der Befundberichte nach Angola.
Vierter Fall ist Herr B., 71 Jahre alt. Vor 29 Jahren hatte er als KFZ-Meister bereits meine Autos gewartet und repariert. Jetzt mit schwerer COPD Stufe IV und Emphysembronchitis zuletzt mit Sauerstofftherapie zu Hause etwas stabilisiert, ist er hart im Nehmen. Beim letzten dringlichen Hausbesuch kam er mit einer beidseitigen Pneumonie sofort stationär. Telefonierte jetzt mit angespannter Stimme, ein Bein sei über Nacht massiv angeschwollen, kühl, schmerzhaft und nicht beweglich. Mit dem RTW kam er sofort in die nächste Gefäßchirurgie. Dort fanden sich zwei wandständige Thromben und ein flottierender Thrombus in den Beinvenen.
Letztes Beispiel: Frau K., 59 Jahre alt, langjährige Mitarbeiterin in einer Klinik-Verwaltung. Seit 17 Jahren in meiner Praxis wegen schwerer Depressionen. REHA wurde von der DRV abgelehnt, auf kostengünstige, aber undurchführbare ambulante Psycho- und Sozialtherapie verwiesen. Die Patientin ist alleinerziehend, eine Tochter mit chronischem Asthma bronchiale, die ältere Tochter in München. Die Pat. lebt wegen eines früheren Anlagebetrugs am Rand des Existenzminimums. Jetzt Diagnosen: kleinzelliges Bronchialkarzinom, Lungenteilresektion, PAVK mit Teilamputation eines Unterschenkels. Desolate Prognose bei psychosozialer Stigmatisierung und multimorbiditätsbedingtem Teilhabeverlust. Die 2. Tochter ist zur Unterstützung nach Dortmund gekommen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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