Ärzte Zeitung, 13.03.2013

Bundskabinett plant

Babyklappen sollen Auslaufmodell werden

Die vertrauliche Geburt soll Babyklappen überflüssig machen, lautet das Ziel von Familienministerin Schröder. Ärzte befürchten jedoch, dass Kindstötung nicht verhindert werden kann.

Von Johanna Dielmann-von Berg

Babyklappen sollen Auslaufmodell werden

Babyklappen, hier eine gestellte Szene in Karlsruhe, sollen durch die vertrauliche Geburt überflüssig werden.

© Uli Deck / dpa

BERLIN. Anstelle des Namens tragen Ärzte und Hebammen künftig ein Pseudonym in die Akten von Schwangeren ein, die nach der Geburt geheim bleiben wollen. Geburtsdatum und -ort des Kindes müssen sie der Schwangerenberatungsstelle melden.

Das sieht der Gesetzentwurf zur vertraulichen Geburt vor, den das Bundeskabinett am Mittwoch beschließen soll. So würden Geburten ohne medizinische Hilfe vermieden, beschreibt das Bundesfamilienministerium ein Ziel der neuen Regelung.

Evaluation nach drei Jahren geplant

Entgegen früheren Plänen hat Familienministerin Kristina Schröder (CDU) darauf verzichtet, Babyklappen und anonyme Geburt strenger zu regulieren.

Nach drei Jahren soll eine Evaluation aber prüfen, wie sich die vertrauliche Geburt auf Babyklappen und anonyme Geburt ausgewirkt hat.

Ziel ist es, diese Angebote entbehrlich zu machen. Auch deren Qualität soll einheitlicher werden. "Mit Experten entwickelt das Ministerium momentan Standards für Angebote wie die Babyklappen", sagte eine Ministeriumssprecherin der "Ärzte Zeitung".

Im Gegensatz zu anonymen Angeboten sollen die Namen der Mütter bei der vertraulichen Geburt nur vorübergehend geheim bleiben. Dazu wählen sie ein Pseudonym - auf einen Umschlag geschrieben, bleiben so die Angaben zu Namen, Geburtsdatum und Anschrift der Mutter versiegelt.

Viele Mütter wollen, dass ihr Umfeld nichts erfährt

Im Alter von 16 Jahren können Kinder den Umschlag einsehen. Dies können sie, wenn nötig, auch vor dem Familiengericht einklagen. Verhindern können Mütter dies lediglich in Härtefällen, etwa wenn ihr Leben dadurch gefährdet würde.

Dazu müssen sie die Gründe nach 15 Jahren bei einer Beratungsstelle darlegen.

Den meisten Müttern gehe es aber nicht darum, dem Kind keine Auskunft zu geben, sondern dass ihr soziales Umfeld nichts erfahre, begründete eine Ministeriumssprecherin die Regelung. Das habe eine Studie des Deutschen Jugendinstituts gezeigt.

Erst auf Hilfsangebote hinweisen

Bundesweit gibt es 1600 Schwangerschaftsberatungsstellen - auf sie setzt der Entwurf zur vertraulichen Geburt. Ein Notruftelefon sowie Webseiten sollen Schwangere in Notlagen dorthin lotsen. Berater sollen mit den Frauen Wege suchen, das Kind behalten zu können.

Sie sollen Hilfsangebote und die Vorteile einer Adoption aufzeigen. Erst wenn die Schwangeren dennoch anonym bleiben wollen, sollen Berater ihnen die vertrauliche Geburt anbieten.

Sie vermitteln die werdenden Mütter dann nicht nur an Kliniken, sondern übernehmen auch die Abstimmung mit den Behörden wie dem Standesamt oder dem Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben.

Länder sollen Kosten für vertrauliche Geburt tragen

Dr. Gabriele du Bois vom Deutschen Ärztinnenbund fürchtet aber, dass auch die vertrauliche Geburt nicht die "Frauen erreicht, die ihr Kind aussetzen oder töten". Hilfsangebote müssten bekannter werden.

Zu diesem Zweck stellt das Ministerium pro Jahr 2,1 Millionen Euro bereit. Die Länder sollen die Kosten der vertraulichen Geburt tragen, etwa 119.000 Euro pro Jahr.

Das Ministerium rechnet pro Jahr mit 50 vertraulichen Geburten und 100 Frauen, die zur vertraulichen Geburtberaten werden. Geschätzt geben 70 von ihnen die Anonymität auf (vor oder nach der Geburt).

Opposition begrüßt Gesetzentwurf

Caren Marks (SPD) lobt, dass der Entwurf Kindern die Kenntnis über ihre Herkunft ermöglicht. "Inkonsequent ist jedoch, dass das Betreiben der Babyklappen nicht eingeschränkt wird. Damit wird das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung unterlaufen."

Jörn Wunderlich (Die Linke) befürwortet, dass Frauen besser beraten werden sollen und durch Geburtshilfe Mutter und Kind geschützt werden. "Man wird dadurch aber anonyme Geburten nicht völlig vermeiden können."

Ekin Deligöz (Grüne) sieht es als notwendig an, dass Frauen Rechtssicherheit haben und klare Regelungen Vertrauen schaffen. "Dazu gehört, dass ihnen auf Wunsch auch volle Anonymität gewährleistet wird."

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