Ärzte Zeitung, 07.09.2016

Freier Arztberuf

Medizinethiker warnt vor "fataler Entwicklung"

Zunehmend müssen Ärzte ihre Freiberuflichkeit gegen die Ökonomisierung in der Medizin verteidigen. Das wurde beim Hessischen Ärztetag deutlich. Zum 60. Geburtstag der hessischen Kammer waren sich die Redner einig: Der Ärztekammer kommt dabei gerade heute große Bedeutung zu.

Von Jana Kötter

Medizinethiker warnt vor "fataler Entwicklung"

Welche Rolle spielt die Ärztekammer heute? Auf dem Podium (von links): Moderator Wolfgang van den Bergh, Dr. Alexander Markovic, Medizinethiker Professor Giovanni Maio und Kammerpräsident Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach.

© Kötter

FRANKFURT/MAIN. Angesichts der zunehmenden Ökonomisierung im Gesundheitswesen ist es für Ärzte wichtig, sich auf das Wesen ihrer Freiberuflichkeit zu besinnen. Diese sei nämlich keinesfalls ein Vorrecht, sondern in Wahrheit eine an Selbstregulierung gebundene Verpflichtung gegenüber den Patienten. Das betonte Medizinethiker Professor Giovanni Maio beim Hessischen Ärztetag.

Angesichts ihres 60-jährigen Bestehens als Körperschaft des öffentlichen Rechts hatte die Landesärztekammer Hessen (LÄKH) am Samstag zu diesem eingeladen. Die Freiberuflichkeit war bei dem Festakt in Frankfurt ein zentrales Thema: "Im Mittelpunkt ärztlichen Wirkens steht die Vertrauensbeziehung zwischen Arzt und Patient", erinnerte Kammerpräsident Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach. "Um diese Vertrauensbeziehung zu erhalten, ist der Arztberuf als freier Beruf zwingend notwendig."

Falsche Anreize im System

Tatsächlich warnte Maio davor, die Medizin technokratisch zu betrachten. Die Tendenz der Angleichung an die herstellende Industrie bezeichnete er als "fatale Entwicklung". Die wirtschaftlichen Interessen eines Arztes seien zwar nicht zu leugnen, so Maio. Jedoch dürfe die Gewinnorientierung nicht an die Stelle der Gemeinwohlorientierung treten: "Die Strukturen müssen erlauben, dass der Patient dem Arzt trotz Erwerbsdruck gut vertrauen kann." Es dürfe keine "moralische Zwickmühle" entstehen.

Aktuell jedoch identifiziert Maio diese in Teilen: "Es verdienen die Ärzte am besten, die am wenigsten Zeit mit dem Patienten verbringen", warnte er. Es seien neue Leistungskriterien nötig, die etwa auch abbildeten, wenn eine Leistung nicht erbracht würde. "Wenn eine Op verhindert wird, so ist das auch eine Leistung."

Doch wie kann diese "fatale Entwicklung", für dessen kritische Beschreibung der Medizinethiker in Frankfurt Bravo-Rufe geerntet hat, gestoppt werden?

"Als Ärzteschaft besinnen"

Maio sieht die Ärzteschaft selbst in der Pflicht, sich gegen das System zu stellen. "Wir als Ärzte müssen uns darauf besinnen, was wir sein wollen." Hessens Kammerpräsident betonte dabei die Rolle der geschlossenen Ärzteschaft: "Die Dissonanzen innerhalb der Ärzteschaft müssen intern beigelegt werden", appellierte von Knoblauch zu Hatzbach. "Nach außen müssen wir eine starke Stimme sein."Auch Maio betonte die Notwendigkeit dieser "Geschlossenheit". Diese herzustellen, müsse sich die Kammer zur Aufgabe machen, resümierte er.

Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) rief die hessischen Ärzte zum 60. Geburtstag dazu auf, sich in der Kammer zu engagieren: "Nur so kann der Grundgedanke der Selbstverwaltung aufrecht erhalten werden." Zugleich sprach sich der Minister deutlich für den Erhalt des Arztberufs als freien Beruf aus.

Dr. Alexander Markovic, Ärztlicher Geschäftsführer der Landesärztekammer, sieht dabei auch die Verantwortung für die kommende Generation: "Rücken wir immer wieder die Wirtschaftlichkeit in den Vordergrund, gewöhnen sich junge Ärzte schnell an diese Argumentation", erklärte er. "Wir müssen jungen Ärzten daher vielmehr mit auf den Weg geben, dass die Wirtschaftlichkeit nicht der Primat sein darf."

Dass es bereits neue Ansätze gibt, zeigte etwa Dr. Stefan Sahm: Er stellte die Initiative "Choosing Wisely" vor, die Über- und Unterversorgungen adressiert (die "Ärzte Zeitung" berichtete) und sich dem Thema der Ökonomisierung in der Medizin so aus einer anderen Perspektive nähert.

Tatsächlich, betonte von Knoblauch zu Hatzbach, sei es auch an der Kammer, solche Werte an junge Kollegen weiterzugeben. Der Präsident der LÄKH betonte das Anliegen, "so früh wie möglich" mit Medizinstudenten in Kontakt zu treten.

Das sei nicht nur wichtig, um die Freiberuflichkeit als Wert zu vermitteln, sondern auch im Sinne der Nachwuchsförderung: So appellierte Sozialminister Grüttner an die anwesenden Ärzte, Kontakt zu jungen Kollegen aufzunehmen und mit den Vorzügen und Chancen einer eigenen Niederlassung zu werben. Der Hessische Ärztetag habe dazu eine gute Möglichkeit geboten.

[07.09.2016, 13:15:46]
Richard Barabasch 
Seit gut 10 Jahren . . . .
Seit gut 10 jahren, als ich Maio erstmals in Karlsruhe bei seinem DIESBEZÜGLICHEN Vortrag hörte (und mir zugegebenermaßen das "Herz im Leibe hüpfte")warte ich auf eine RESONANZ dieses seines VÖLLIG KORREKTEN und DRINGLICHSTEN Anliegens im "ganz realen (Arzt-)Alltag" als Krankenkassenpflichtvresicherte betreuender Vertragsarzt und privatärztlich Tätiger. Jedoch : . . . "weites Feld" . . . nix los - ausser: immer wieder die wunderschönen allseits beklatschten Forderungen.
Ich bewundere Maio in seiner Geduld des (angenommen) "steten Tropfens". Und derweil geht die Zeit immer weiter - ohne Änderung ausser den Zeigern, die diese markieren . . ,
meint
R.B. zum Beitrag »
[07.09.2016, 08:04:17]
Dr. Henning Fischer 
Ärzte Freiberufler?

Das ist Hohn und Spott angesichts der Verhältnisse in Deutschland

"die Rolle der geschlossenen Ärzteschaft" Hä, habe ich was verpaßt?

"Erhalt des Arztberufs als freien Beruf" Erhalt? Ist doch schon ewig nicht mehr frei (spätestens seit Seehofer)

nichts als Funktionärsgeschwätz

sagt nach 35 Berufsjahren
Dr. med. Henning Fischer
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