Ärzte Zeitung, 11.10.2016

Pfeilscharfe Kritik vom DGU-Kongress

Deutsches Gesundheitssystem leidet an "Überdosis Ökonomie"

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie feuerte eine scharfe Salve auf das deutsche Gesundheitswesen. Seine Kritik: Ärzte befänden sich in einem chronischen Konflikt aus ökonomischen Zwängen und dem Versuch, gute Medizin zu betreiben.

Von Thomas Meissner

Deutsches Gesundheitssystem leidet an "Überdosis Ökonomie"

Alles dreht sich ständig um Geld: Auf dem DGU-Kongress gab es scharfe Kritik an der deutschen Gesundheitsversorgung.

© bluedesign / fotolia.com

LEIPZIG. Der weltweit drittgrößte urologische Fachkongress des Jahres, die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU), stand im Zeichen scharfer Kritik am deutschen Gesundheitssystem. Dieses leide unter einer "Überdosis Ökonomie", sagte DGU-Präsident Professor Kurt Miller in Leipzig.

Die politischen Bemühungen, das Gesundheitssystem unter anderem mit der Einführung der Fallpauschalen effizienter zu machen, erklärte Miller für gescheitert: Die Fallzahlen steigen seit Jahren kontinuierlich an und die Gesundheitsausgaben seien nicht verringert worden.

Man befinde sich in einem chronischen und sich steigernden Konflikt aus ökonomischen Zwängen und dem Versuch, gute Medizin zu betreiben. Die DGU unterstreicht damit die Kritik, wie sie auch andere Fachgesellschaften, etwa die Internisten und die Chirurgen in jüngster Zeit geäußert haben.

Miller: Qualitätseinbusen schon sichtbar

Miller warnte vor einer Dekompensation des Gesundheitssystems unter dem ökonomischen Druck. Wenn Krankenhausverwaltungen gegenüber Klinikchefs darauf drängten, ökonomische Jahresziele "mit allen Mitteln", so Millers Zitat aus einem Originalbrief, zu erreichen, überrasche es nicht, wenn etwa Op-Zahlen stark stiegen. Qualitätseinbußen würden bereits jetzt sichtbar:

Der "Durchsatz" an Patienten in Krankenhäusern sei gewachsen und die Arbeit sei fehlerträchtiger geworden, stellte Miller fest. Er forderte mehr Mitbestimmung von Ärzten im Gemeinsamen Bundesausschuss. "Ich fühle mich durch die Deutsche Krankenhausgesellschaft und die Kassenärztliche Bundesvereinigung im GBA nicht richtig repräsentiert."

Unterstützung erhält die DGU vom Berufsverband Deutscher Urologen (BDU). Dessen Vorsitzender, Dr. Axel Schroeder, möchte Ärzte an maßgeblich verantwortlicher Stelle in die Leitung der Krankenhäuser eingebunden sehen.

Forderung: Ärzte sollen Geschäftsführung kontrollieren

"Als Berufsverband fordern wir Anpassungen in den Leitungsstrukturen der Krankenhäuser, bei der kaufmännischen Leitung, der ärztlichen Direktion und der Pflegeleitung." Ärzte müssten die Geschäftsführung kontrollieren und Missbrauchsmöglichkeiten eindämmen.

So dürften ökonomische Anreize nicht Bestandteil von Bonuszahlungen sein. Schroeder: "Gelten muss wieder der Grundsatz: Ethik vor Ökonomie. Ärztlich-medizinische Entscheidungen müssen Vorrang haben".

Schroeder konstatierte in Leipzig ebenso wie Miller einen Qualitätsverlust im Zuge der Ökonomisierung des Gesundheitswesens. Qualitätsdiskussionen auf die Ergebnisqualität zu reduzieren, reiche nicht: "Ärztliches Handeln kann kein Ergebnis garantieren, nur intendieren!", sagte er.

Die hohen Qualitätsansprüche würden durch einen Mangel an Zeit für den einzelnen Patienten konterkariert. Schroeder sprach von einer "Verwahrlosung" des Arzt-Patienten-Verhältnisses. "Wo sind die Wertschätzung, der wirkliche Kontakt, die Empathie geblieben?"

Ärzte seien "Gefangene des pauschalisierten Systems". Die Fallpauschalen im Krankenhaus und Budgets in der vertragsärztlichen Versorgung setzten Fehlanreize.

[11.10.2016, 13:17:06]
Jürgen Schmidt 
Jedes Ding hat zwei Seiten
Zu Fragen der Gesundheitsökonomie gibt es eine vielschichtige Diskussion, die man an dieser Stelle nicht aufrollen kann.

Ob Ärzte, die wohl zugleich in leitender ärztlicher Position tätig sind, auch Verantwortung für den kaufmännischen Teil der Krankenhausführung übernehmen sollen, ist so einfach nicht zu beantworten. Tatsache ist jedoch, dass die Leitenden Ärzte und natürlich auch die niedergelassene Ärzte zur kaufmännischen Verantwortung bereits von diversen Seiten gedrängt werden und zum Teil für Kosten verantwortlich gemacht werden, ohne adäquate Steuerungsmittel in der Hand zu haben.
Immer wieder kommt das Spannungsverhältnis zwischen bürgerlich rechtlichem Sorgfaltsgebot und sozialgesetzlich auferlegten Pflichten ins Spiel, nicht selten in unerträglicher Weise.
Gleichwohl müssen wir Ärzte uns damit abfinden und darauf einstellen, dass wir in einem Verteilungsstaat leben und uns Rechtfertigung für die Verwendung von Ressourcen abverlangt wird.
Hier liegt der kritische Punkt, denn diese Position wird nicht ausreichend angenommen, oft sogar abgelehnt, auch mit Scheindebatten.
Insbesondere die Berufsverbände, aber auch die Körperschaften haben es versäumt, betriebswirtschaftliche Abteilungen aufzubauen, die nachvollziehbare Kostenanalysen in Zusammenarbeit mit interessierten Mitgliedern liefern. Deshalb fehlt es auf ärztlicher Seite an dem argumentativen Unterbau in der Gesundheitsökonomie.
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[11.10.2016, 11:15:08]
Detlef Bunk 
Gesundheitsökonomen für Qualitätsverluste haftbar machen.
Hat man Mitte der 80er noch den gesundheitsökonomischen Ansatz begrüßt und sich Transparenz und Gerechtigkeit in der Kostenentwicklung und -verteilung erhofft, so hat die fachfremde Personengruppe der Wirtschaftsexperten im Gesundheitswesen innerhalb von 30 Jahren nunmehr das gesamte Gesundheitswesen okkupiert. Sie führt ein diktatorisches Regime mit inquisitorischen Methoden. Die Leistungserbringer sind zu Lämmern geworden, die bei Aufmucken beliebig zur Schlachtbank zum finanziellen Aderlass geführt werden können.
Die Kranken, um die es eigentlich geht, sind den Tresorwächtern der Beitragsgeldberge gnadenlos ausgeliefert: Z. B. beträgt die Liquidität des Gesundheitsfonds über 10 Milliarden Euro (Reserve 4 Milliarden). Das Geld stammt fast komplett von den Beitragspflichtigen und wird in fragwürdigen Aktionen und kostspieligen Reformen der letzten Jahre versenkt, anstelle es in eine humane Versorgung mit geringen Wartezeiten und genügend zeitlicher Zuwendung für den Patienten in der stationären und ambulanten Versorgung zu investieren und gelichzeitig die Pharmaindustrie mit der überhöhten Medikamentenpreise an die Kandare zu nehmen. Nichts dergleichen passiert.
Die Leistungserbringer sitzen aber am längeren Hebel: Behandelt die Gesundheitsökonomen so, wie diese meinen, dass es einem Kassenpatienten zusteht.

Dr. phil. Detlef Bunk,
Dipl. Psych., Essen
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