Ärzte Zeitung, 14.07.2008

"Widerspruchslösung in Deutschland ist undenkbar"

Medizinethiker: Kulturelle Prägungen in der EU variieren

BRÜSSEL (spe). Trotz Rechtssicherheit und hoher Qualität in der Transplantationsmedizin ist nur etwa jeder achte Bundesbürger zur Organspende bereit.

Die Gründe hierfür seien vielfältig, so Professor Dr. Eckhard Nagel, Leiter des Transplantationszentrums des Klinikums Augsburg und Mitglied im Deutschen Ethikrat, bei einem Diskussionsabend in Brüssel. So sei es nicht mehr alltäglich, sich mit dem Tod intensiv auseinanderzusetzen.

Die zunehmende Ökonomisierung der Medizin sowie kulturell unterschiedliche Prägungen der Menschen wirkten sich auf die Bereitschaft zur Organspende aus. Während beispielsweise in der christlich-abendländischen Tradition die Nächstenliebe im Vordergrund stünde, betone die angelsächsische Kultur die Freiheit des Einzelnen.

Dies erkläre auch, warum es in einigen europäischen Ländern die Widerspruchslösung gibt, wohingegen in anderen Staaten eine ausdrückliche Zustimmung zur Organspende erforderlich ist. "Eine Widerspruchslösung wie in Belgien, wäre bei uns undenkbar", sagte Nagel. Diese Unterschiede gelte es auch mit Blick auf die geplante Angleichung der Sicherheits- und Qualitätsstandards von Organtransplantationen in der EU zu berücksichtigen.

Die EU-Kommission hatte vor kurzem angekündigt, im Herbst eine Richtlinie zur Qualität und Sicherheit von Organspenden vorzulegen (wir berichteten). Auch will die Behörde die grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei Organspenden und -transplantationen stärken.

Dr. Bruno Meiser, Präsident der Stiftung Eurotransplant, fürchtet, dass allzu restriktive EU-weite Mindeststandards zur Qualität und Sicherheit von Organtransplantationen den Mangel verschärfen könnten. Eurotransplant beispielsweise würde in medizinisch vertretbaren Einzelfällen auch Organe von Hepatitis-positiven Spendern an Hepatitis-positive Empfänger vermitteln.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Medikamente auch einmal beherzt absetzen!

Viele Ärzte scheuen sich, Medikamente abzusetzen - obwohl sie wissen, dass dies Patienten oft hilft. Neuseeländische Wissenschaftler haben zwei paradoxe Gründe dafür gefunden. mehr »

Geht's auch etwas modischer in der Klinik?

Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler hat Verständnis für die Klinik-Kleidungsvorschriften. Doch mit ein klein wenig Fantasie könnte man auch den unvermeidlichen Kasack hübscher gestalten, meint sie. mehr »

Sport im Alter schützt vielleicht vor Demenz

Dass Sport nicht Mord bedeutet, wissen Forscher schon lange. Jetzt haben Alters- und Sportwissenschaftler messen können, wie Sport das Gehirn im Alter verändert. Dient Fitness als Demenzprävention? mehr »