Ärzte Zeitung, 23.09.2008

Hintergrund

Zahl der Organspender sinkt, die Ursachen sind unklar

Die Statistik lässt keinen Zweifel: In Deutschland sinkt die Bereitschaft, Organe zu spenden. Experten suchen nach Erklärungen.

Von Christoph Fuhr

Zahl der Organspender sinkt, die Ursachen sind unklar

Foto: DSO

Noch vor knapp sechs Monaten hätte Dr. Klaus Jahn vom Hessischen Sozialministerium bei einem Vortrag zum Thema Organspenden mit Top-Ergebnissen aus seinem Bundesland glänzen können. Hessen schien auf einem guten Weg und hatte in der Organspende-Statistik 2007 im Vergleich zum Vorjahr hervorragend abgeschnitten.

Von 2006 auf 2007 war die Zahl der Organspender um 25 Prozent angestiegen (von 69 auf 86). Doch das ist inzwischen Schnee von gestern. Dramatisch sind die Spenderzahlen in den ersten acht Monaten zurückgegangen, wie Jahn jetzt bei einem Treffen der DSO-Region Mitte in Mainz eingestehen musste. Kamen in Hessen im ersten Halbjahr 2007 noch 14,2 Spender auf eine Million Einwohner, so waren es im gleichen Zeitraum 2008 nur noch 7,7 Spender. Krasser kann ein Absturz kaum sein.

Der Rückgang der Spenderzahlen ist zwar deutschlandweit zu beobachten, aber nirgendwo ist er so ausgeprägt wie in Hessen.

Insgesamt 586 Menschen haben in Deutschland bis Ende Juni nach ihrem Tod Organe gespendet. Das sind 81 Spender weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Damit ist auch die Zahl der zur Verfügung stehenden Organe von 2074 auf 1923 gesunken. Wurden in den ersten sechs Monaten in 2007 noch 2142 Transplantationen gemacht, waren es im ersten Halbjahr 2008 nur noch 1984.

Dass Hessen besonders stark vom Rückgang betroffen ist, irritiert nicht nur Experten. Unermüdlich ist in diesem Bundesland für Organspenden getrommelt worden. Mehr als 260 000 Ausweise sind allein 2007 verteilt worden, Ministerpräsident Roland Koch und Sozialministerin Silke Lautenschläger haben Krankenhäuser besucht, Probleme diskutiert, Perspektiven erarbeitet. Eine Koordinierungsstelle im Sozialministerium wurde eingerichtet, selbst in Schulen wurde Werbung gemacht. Und jetzt? Alles umsonst?

Hessen ist besonders stark vom Rückgang betroffen.

Privatdozent Dietmar Mauer, Geschäftsführender Arzt der DSO-Region Mitte, warnt vor voreiligen Schuldzuweisungen "Wir brauchen eine Schwachstellenanalyse, die auf Daten basiert", sagt Mauer. Zwei Tendenzen hat der Arzt, dessen Arbeitsgebiet die Bundesländer Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland umfasst, in den vergangenen Monaten verstärkt beobachtet:

Bei festgestelltem Hirntod lehnen immer häufiger Angehörige eine Entnahme von Organen ab. Die Mehrzahl der Entscheidungen stützt sich immer noch auf den vermuteten Willen des Organspenders. Blockieren die Angehörigen, gibt's kein Spenderorgan für Patienten auf der Warteliste. Warum diese Tendenz zu beobachten ist, dafür gibt es bisher noch keine schlüssige Erklärung. Klar scheint: In manchen Kliniken ist der jeweilige Gesprächspartner nicht gut genug für die entscheidende Beratung der Angehörigen ausgebildet. Aber auch Presseberichte über illegalen Organhandel oder eine angebliche Bevorzugung von Privatpatienten bei der Vergabe von Organen verunsichern offenbar die Bevölkerung.

Hinzu kommt, dass deutlich weniger potenzielle Spender von Intensivstationen an die DSO-Koordinierungsstelle gemeldet werden. Eine Ursache könnte der zunehmende Personalmangel auf den Intensivstationen sein, wird bei der DSO vermutet. Kliniken stehen unter einem immensen Kostendruck. Viele Häuser fahren einen harschen Sparkurs, und die Sensibilisierung für Organspenden lässt nach.

Dietmar Mauer appellierte in Mainz, unter keinen Umständen zu resignieren. Seine Botschaft: "Wir müssen aus diesem tiefen Tal wieder raus!"

Deutsche Stiftung Organtransplantation

Die DSO hat seit dem Jahr 2000 die Funktion einer Koordinierungsstelle für Organtransplantationen in Deutschland. Sie stimmt grundsätzlich die Zusammenarbeit zwischen den bundesweit rund 1400 Krankenhäusern mit Intensivstation und den etwa 50 Transplantationszentren ab.

Lesen Sie dazu auch:
Bürger sind bei Organspenden verunsichert

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