Ärzte Zeitung, 19.01.2009

Seltene Arbeitsabläufe und viel Bürokratie: Projekt soll Transplantationen erleichtern

Das Uniklinikum Münster will Krankenhäusern, die selten transplantieren, mit geschultem Op-Personal im Fall einer Organspende unterstützen. Hilfe soll es auch bei Formularen und der Organisation geben. Die Akzeptanz für die Organspende soll so erhöht werden.

Von Ilse Schlingensiepen

Modellprojekt Organspende: Im Projekt von Professor Hartmut Schmidt (Mitte) sollen Krankenhäuser mehr Hilfe bei der Bürokratie bekommen.

Foto: UKM

Nach zwei Jahren mit vielen Aktivitäten zur Förderung der Organspende zieht Professor Norbert Roeder eine ernüchterte Bilanz. "Alle Werbung für die Spende hat bisher nicht das Ergebnis gebracht, das wir erwartet hätten", sagt der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Münster (UKM). Es sei frustrierend, dass es trotz aller Anstrengungen kaum gelungen ist, mehr Organspender zu gewinnen. "Aber wir sind nach wie vor motiviert und wollen weitermachen", betont Roeder.

Mit dem "Modellprojekt Organspende" will das UKM den Hebel diesmal nicht bei der Information der Bevölkerung und der Werbung für den Organspendeausweis ansetzen, sondern bei der Unterstützung der Krankenhäuser, auf die es im Fall des Falles schließlich ankommt, sowie bei der Verbesserung der Strukturen im eigenen Haus.

Oft fehlen eingespielte Arbeitsabläufe

Das Transplantationsteam des UKM übernimmt in rund 50 Krankenhäusern der Region die Explantation von Organen. Im Jahr 2008 führten die Mediziner insgesamt 67 Organentnahmen aus - das war ein stolzer Anteil an den 258 Eingriffen in ganz Nordrhein-Westfalen.

Bei einer Organtransplantation müssten die Häuser, die einen Organspender melden, sehr viele organisatorische und bürokratische Dinge regeln, sagt Roeder. Da die Mitarbeiter oft nur ein oder zwei Mal pro Jahr damit konfrontiert seien, fehlten eingespielte Abläufe. "Hier setzen wir an, weil wir glauben, dass die Regelungen die Häuser überfordern." Künftig schickt das UKM wenn gewünscht mit dem Transplantationsteam eine ausgebildete OP-Kraft mit. Sie hilft bei der OP, der Organisation und bei bürokratischen Dingen wie dem Ausfüllen der notwendigen Formulare.

Mit Hilfe der Entnahme-Assistenz könne auch vermieden werden, dass der Einsatz von Pflegekräften für die Transplantation die Dienstpläne der Krankenhäuser durcheinander bringt, sagt der Transplantationsbeauftragte des UKM Professor Hartmut Schmidt. "Die Personalunterstützung vor Ort ist das Kritische."

Dienstpläne sollen durch den Eingriff nicht beeinträchtigt werden.

Eine weitere Aufgabe der OP-Fachkraft sei die Dokumentation. Das UKM will mit Hilfe von Fotos die Art der Entnahme und die Qualität der Organe dokumentieren. Das solle helfen, das Risikoprofil der Spender zu erfassen. "Wir wissen oft nicht, welches Risiko wir mit dem Akzeptieren eines bestimmten Organs eingehen", erläutert Schmidt. Die Evaluation der Dokumentationen soll eine Langzeitbewertung der Organentnahmen ermöglichen. "Es gibt hier in Deutschland zurzeit keine ausreichende Transparenz."

Das Interesse an der neuen Aufgabe sei groß, berichtet Pflegedirektor Michael Rentmeister. "Wir brauchen fünf bis sieben Pflegekräfte, 33 haben sich sofort gemeldet." Hier schlage sich nieder, dass sich das UKM seit Jahren für die Organspende einsetze. Er wisse aus anderen Häusern, dass das Pflegepersonal dort sehr viel mehr Angst vor dem Thema habe, sagt Rentmeister.

Das UKM setze weiter auf die permanente Schulung und Information der Mitarbeiter, sagt die Organspendebeauftragte Dorothee Lamann. Sie ist zuständig für die Koordination der Entnahme-Assistenz und die internen Schulungen. "Unser Ziel ist es, jedem der auf der Intensivstation arbeitet, Sicherheit im Umgang mit Organspenden zu vermitteln." Die Uniklinik halte künftig ein Service-Telefon Organspende vor. "Das ist keine Hotline für alle, sondern für internes und externes Fachpersonal mit Fachfragen," sagt Lamann. Das Telefon ist 24 Stunden am Tag besetzt. "Es geht von einer Hand zur anderen."

Das Modellprojekt hat den UKM-Mitarbeitern eine weitere Neuerung gebracht: "Bevor die Akte eines gestorbenen Patienten geschlossen wird, muss dokumentiert werden, dass mit den Angehörigen über eine Organspende gesprochen wurde", sagt der Ärztliche Direktor Roeder.

Neue Strukturen brauchen Zeit, bis sie greifen

Das forschende Arzneimittelunternehmen Wyeth Pharma aus Münster unterstützt das "Modellprojekt Organspende" über drei Jahre mit jeweils 80 000 Euro. "Das ist ein bundesweit einmaliges Projekt", sagt Dr. Timm Volmer, Vorsitzender der Geschäftsführung von Wyeth Pharma. Beim Thema Organspende müssten viele Bausteine ineinander greifen. Die Förderung über drei Jahre sei sinnvoll, so Volmer. "Es dauert, bis die Strukturen eingespielt sind."

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