Ärzte Zeitung online, 23.09.2011

Organspende: Bundesrat will erklären lassen

Viele Menschen würden ihre Organe spenden. Doch einen Spenderausweis haben nur wenige. Bald soll sich jeder einmal darüber Gedanken machen müssen. Trotz des großen Organmangels gibt es noch Bedenken gegen eine Erklärungslösung.

BERLIN (dpa). Angesichts des dramatischen Mangels an Spenderorganen in Deutschland sollen künftig voraussichtlich alle Bürger zu ihrer Bereitschaft zur Spende befragt werden.

Der Bundesrat forderte am Freitag in Berlin im Einklang mit ähnlichen Vorstößen im Bundestag eine entsprechende Regelung.

Die Menschen sollten über die Organspende informiert und zu einer persönlichen Erklärung aufgefordert werden, ob sie einer Organspende zustimmen, nicht zustimmen oder sich nicht erklären wollen.

Von rund 12.000 Patienten, die auf ein Spenderorgan warten, sterben jährlich etwa 3000.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will eine Entscheidung im Zuge der bevorstehenden Ausgabe der elektronischen Gesundheitskarte: Dabei sollten die Bürger über das Thema Organspende informiert und gebeten werden, eine Entscheidung zu treffen, wie er in Berlin mitteilte.

Erklärungslösung könnte "schwierige ethische Frage" lösen

Viele Menschen sind bereit zu einer Spende nach ihrem Tod, aber haben keinen Spenderausweis ausgefüllt.

Das stellt insbesondere die Angehörigen im Ernstfall vor das Problem, den Willen ihres gerade verstorbenen Familienmitglieds im Krankenhaus zu erklären, sofern sie ihn kennen.

Die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) sagte, jedem sei zuzumuten, sich einmal im Leben mit der Frage der Organspende auseinanderzusetzen.

Ohne Lösung würden weiterhin jeden Tag drei Menschen sterben, die auf der Warteliste für ein Organ stehen. Ihre rheinland-pfälzische Amtskollegin Malu Dreyer (SPD) meinte, die nun geforderte Erklärungslösung könne eine der derzeit schwierigsten ethischen Fragen lösen.

Die Bundesärztekammer war zuletzt von der Forderung nach einer Erklärungspflicht für die Organspende abgerückt; dies sei mit dem Grundgesetz kaum vereinbar.

Viele sind bereit, haben aber keinen Ausweis

Im Bundestag werben die Fraktionschefs von Union und SPD, Volker Kauder und Frank-Walter Steinmeier, derzeit ebenfalls dafür, dass Bürger stärker zu einer Entscheidung bewegt werden sollen - etwa beim Antrag auf einen Personalausweis, Führerschein oder die Krankenversicherungskarte, wie Steinmeier zuletzt gesagt hatte.

Es müsse der Widerspruch aufgelöst werden, dass 75 Prozent der Menschen laut Umfragen zur Organspende bereit seien, aber nur 15 Prozent tatsächlich einen Ausweis bei sich tragen.

Der Chef der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, Eugen Brysch, machte Bedenken gegen eine entsprechende Regelung geltend: "Wie ist Selbstbestimmung des potenziellen Spenders möglich, wenn er nicht über Hirntodkriterien und Verteilungspraxis aufgeklärt wird?"

Zumindest bei der Ausweisausgabe auf dem Bürgeramt könnten die Bürger nicht ausreichend beraten werden.

Auch etwa aus den Reihen der Grünen hatte es Zweifel gegeben, dass die Menschen vor einer Entscheidung, zu der sie gedrängt werden, ausreichend informiert werden könnten.

Die Länder sprachen sich auch für die Bestimmung einer Vertrauensperson aus, die nach dem Tod des Betroffenen anstelle von Angehörigen einer Organentnahme zustimmen oder widersprechen kann.

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