Ärzte Zeitung online, 21.12.2011

Hospiz-Stiftung kritisiert Organspende-Reform

BERLIN (dpa). Die Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung hat die geplante Neuregelung der Organspende scharf kritisiert.

Problematisch sei etwa die Definition, wann ein Mensch wirklich tot ist, machte der Geschäftsführende Vorstand, Eugen Brysch, am Mittwoch in Berlin deutlich. Das Hirntod-Konzept sei verfassungsrechtlich mehr als zweifelhaft.

Laut EU-Vorgabe muss der Bundestag bis Mitte 2012 ein neues Transplantationsgesetz verabschieden.

Nach einer Einigung der Fraktionen soll nun künftig die Bereitschaft der Bürger zu einer Organspende regelmäßig abgefragt werden, um die Spendenbereitschaft zu erhöhen. Bisher muss ein Spender aus eigener Initiative sein Einverständnis geben.

Patientenverfügung steht im Weg

Die Patientenschützer gehen aber davon aus, dass die Neuregelung die Spendenbereitschaft nicht erhöhen wird.

Der Organmangel entstehe dadurch, dass Krankenhäuser viele Hirntod-Fälle nicht melden. Die Stiftung kritisierte zudem, dass private Organisationen wie Eurotransplant und die Bundesärztekammer über die Organvergabe entscheiden.

Darüber hinaus könnten die meisten der rund zehn Millionen Patientenverfügungen eine Organentnahme verhindern, auch wenn der Betroffene sein Organ eigentlich spenden will.

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[21.12.2011, 19:16:00]
Lutz Barth 
Hirntodkonzept und Verfassungsrecht
Dass das Hirntodkonzept verfassungsrechtlich mehr als zweifelhaft sei, wird in der Tat seit mehreren Jahrzehnten von einigen Verfassungsrechtlern vertreten (wobei gelegentlich gerne darauf hingewiesen wird, dass dies der herrschende Lehre entspreche). Wenn dem so ist, fragt sich natürlich der interessierte Bürger, welche Antworten die Verfassungsrechtswissenschaft auf die Frage gibt, wann der Mensch "tot" sei.
Mit einem Hinweis auf eine mögliche Schwangerschaft einer Hirntoten oder den Wachkoma-Patienten dürfte es wohl nicht gedient sein, mal ganz davon abgesehen, dass sich hinter der anbahnenden Debatte mal wieder ein Streit um das im Grundgesetz vermeintlich enthaltene "Menschenbild" verbirgt. Das der parlamentaische Gesetzgeber und nicht die BÄK gefordert ist, ist indes nicht zweifelhaft und in diesem Sinne muss dann die Verfassungsrechtswissenschaft im Zweifel auch Antworten liefern, wie das Problem der Organtransplantation gelöst werden kann. Apodiktisch zu behaupten, dass eine Patientenverfügung im Zweifel einer Organspende hinderlich sei, ist schlicht zu platt und offenbart eher ein gespaltenes Verhältnis zum Selbstbestimmungsrecht der schwersterkrankten Patienten, die ggf. sich auch zur Organspende entschlossen haben. Entscheidend sind nicht die denkbaren "Menschenbilder" in unserer Verfassung, sondern die Besinnung auf ein fundamentales Freiheitsrecht der Patientinnen und Patienten, die aus ihrer Binnenperspektive heraus betrachtet den "Tod" markieren können. Sofern dies akzeptiert wird, erscheint es weit weniger problematisch, ggf. auch um des Erfolges einer Transplantation willen am Ende eines sich neigenden Lebens in eine punktuelle intensivmedizinische Betreuung und Behandlung einzuwilligen, um so die Organe erhalten zu können!  zum Beitrag »

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