Ärzte Zeitung online, 18.08.2008

Langzeitarbeitslose ins Pflegeheim? Schmidt-Pläne stoßen auf Skepsis

BERLIN (dpa). Für die Betreuung Demenzkranker in Pflegeheimen sucht die Bundesagentur für Arbeit (BA) unter Langzeitarbeitslosen bis zu 10 000 Bewerber für Pflegeassistenten-Jobs.

Foto: Klaro

Nach einer kurzen Fortbildung sollen sie zusätzlich zu den regulären Pflegefachkräften eingesetzt werden, diese aber nicht ersetzen, sagten Sprecher der BA und des Bundesgesundheitsministeriums am Wochenende.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder (CDU), verteidigten den geplanten Einsatz gegen Kritik aus Verbänden und der FDP. Die Finanzierung der 10 000 neuen Betreuungsstellen ist in der seit dem 1. Juli geltenden Reform der Pflegeversicherung vorgesehen.

Die Pflegeassistenten sollen zusätzlich zu regulären Fachkräften eingesetzt werden, um den meist altersverwirrten Patienten vorzulesen, mit ihnen zu sprechen oder kleine Besorgungen für sie zu übernehmen. Dafür sollen sie mit 160-Stunden-Kursen und in Praktika vorbereitet werden. Die Richtlinie für die Ausbildung soll in dieser Woche vom Spitzenverband der Pflegekassen beschlossen werden.

Laut BA sollen für Fortbildungen solche Bewerber ausgewählt werden, die bereits Erfahrungen mit Pflege haben. Unter den gemeldeten Arbeitslosen seien etwa 30 000 mit entsprechender Qualifikation. Als langzeitarbeitslos gilt jeder, der mehr als zwölf Monate ohne Job ist.

Ein Sprecher der Deutschen Alzheimergesellschaft kritisierte die Pläne. "Demenz gleichzusetzen mit Basteln, Vorlesen und Spazierengehen ist eine Unverschämtheit", sagte Helmut Wallrafen-Dreisow vom Kuratorium Deutsche Altenhilfe der "Süddeutschen Zeitung". Er forderte auch für die Alltagsbetreuer eine intensive Schulung. "Die Pflegekasse will es immer möglichst billig haben, aber die Heime sollen weiterhin die hohen Qualitätsstandards erfüllen."

FDP-Generalsekretär Dirk Niebel sagte der "Bild am Sonntag": "Allein der Umstand der Arbeitslosigkeit ist keine Qualifikation für einen Pflegeberuf. Die Pflege alter und kranker Menschen ist zu wichtig für eine solche arbeitsmarktstatistische Scharlatanerie".

Ministerin Schmidt verteidigte die Pläne. "Für viele Arbeitslose ist der Einsatz in einem Pflegeheim die Möglichkeit des Wiedereinstiegs in den alten Beruf", sagte sie am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin. "Dies gilt vor allem für Frauen." Die Kritik wies sie zurück. "In dieser Debatte schwingt auch Arroganz gegenüber Arbeitslosen mit", sagte Schmidt. "Viele Arbeitslose zeigen sich ausgesprochen engagiert, wenn es um soziales Engagement auch im Pflegebereich geht". Auch verfügten viele Arbeitssuchende über gute Vorkenntnisse.

Schmidt wies darauf hin, dass viele Demenzkranke bislang von ehrenamtlichen Helfern betreut werden, die keinerlei Schulung von der Arbeitsverwaltung erfahren hätten. Die neue Betreuung von Demenzkranken in Pflegeheimen sei "ein großer Schritt voran".

Sie werde von vielen Heimen gewünscht und von den Angehörigen vieler Demenzkranker erwartet. "Wir wollen ein flächendeckendes Angebot gut geschulter Menschen, so dass eine Betreuung unter Anleitung des Fachpersonals erfolgreich durchgeführt werden kann", sagte Schmidt. Unionsfraktionschef Kauder sagte der "Bild am Sonntag": "Wenn die Menschen für diese Aufgabe qualifiziert sind, ist das in Ordnung."

Der pflegepolitische Sprecher der Unions-Fraktion im Bundestag, Willi Zylajew (CDU), nannte die Debatte ein "unseriöses PR-Spektakel". Er sagte dem Berliner "Tagesspiegel", er finde es "schlimm", wenn nun der Eindruck erweckt werde, dass Langzeitarbeitslose in die Pflegeheime "abkommandiert" werden sollten. Für den Umgang mit dementen Menschen müsse man die notwendigen fachlichen und persönlichen Fähigkeiten mitbringen. "Das ist ein Job, in dem man schnell an seine Grenzen stößt."

Zylajew regte an, bundesweit eine einjährige Ausbildung zum Pflegeassistenten einzuführen. Eine Arbeitsgruppe der Unions-Bundestagsfraktion wolle dazu Vorschläge machen. "Pflegeassistenten sollten gut ausgebildet und anständig bezahlt werden."

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