Ärzte Zeitung online, 20.08.2008

Einsatz von Langzeitarbeitslosen in der Pflege stößt auf geteiltes Echo

KÖLN (iss). Der geplante Einsatz von Langzeitarbeitslosen bei der Pflege von Demenzkranken hat kontroverse Reaktionen ausgelöst. Sie reichen von heftiger Ablehnung bis zur Begrüßung der zusätzlichen Betreuungskapazitäten. "Menschlicher Kontakt und Zuwendung sind für demente Menschen von enormer Bedeutung.

Foto: Klaro

Davon kann es nicht genug geben", sagte der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe Dr. Theodor Windhorst.

Allerdings müsse gewährleistet sein, dass der Einsatz der Arbeitslosen freiwillig ist, betonte Windhorst. "Für diese Arbeit braucht man Fingerspitzengefühl - und das lässt sich nicht von der Agentur für Arbeit verordnen." Die Pflegeassistenten dürften auf keinen Fall als kostengünstiger Ersatz für voll ausgebildete Pflegekräfte missbraucht werden, sagte er.

Das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz sieht die verbesserte Betreuung von Demenzkranken vor. Bis zu 10 000 Plätze für Pflegeassistenten sollen geschaffen werden, die Patienten begleiten und unterstützen. Dabei sollen Langzeitarbeitslose zum Einsatz kommen. Die Bundesagentur für Arbeit fragt zurzeit bei Pflegeeinrichtungen den Bedarf ab.

Eine vom GKV-Spitzenverband erarbeitete Betreuungskräfte-Richtlinie wird die Ausbildung der zusätzlichen Kräfte regeln. Im Gespräch ist eine Qualifizierung von 160 Stunden. "Es geht nicht darum, reguläre Arbeitsverhältnisse in der Pflege zu ersetzen oder zu verdrängen", teilte die Arbeitsagentur mit.

Für Personen, die keine Erfahrung im Gesundheits- oder Sozialbereich haben, müsste die Ausbildung auf 800 bis 900 Stunden aufgestockt werden, forderte der Paritätische Wohlfahrtsverband. Sie müssten verantwortungsbewusst auf die besonderen Herausforderungen des Umgangs mit Demenzkranken vorbereitet werden. "Alles andere wäre grob fahrlässig", sagte die Verbandsvorsitzende Heidi Merk.

Auch der Arbeiter-Samariter-Bund kritisiert die Pläne. "Jahrelange Bemühungen um eine hohe professionelle Qualität der pflegerischen Betreuung werden mit dem Vorhaben der Bundesregierung in Frage gestellt", heißt es in einer Stellungnahme.

Das Kuratorium Deutsche Altershilfe begrüßte den Einsatz zusätzlicher Kräfte. Man solle die Pläne nicht verdammen, bevor man nicht die konkrete Ausgestaltung der Richtlinie kenne, forderte Geschäftsführer Dr. Peter Michell-Auli. "Wir brauchen mehr Personal bei der Betreuung von Menschen mit Demenz", sagte er. "Aber natürlich muss die Auswahl der Bewerber sehr gewissenhaft erfolgen."

Aus Sicht der Caritas in der Diözese Münster können qualifizierte Langzeitsarbeitslose, die Demenzkranke begleiten, Pflegefachkräfte sinnvoll ergänzen und entlasten. Der Einsatz müsse aber freiwillig sein. Wer sich eine solche Tätigkeit nicht zutraue, dürfe nicht mit Sanktionen beim Arbeitslosengeld II bestraft werden.

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