Ärzte Zeitung, 04.12.2008

Für die Pflege demenzkranker Migranten fehlt angepasste Hilfe

Für Migranten ist es nicht einfach, demenzkranke Verwandte zu pflegen. Helfen könnten geschulte Betreuer oder Selbsthilfegruppen, in denen Türkisch gesprochen wird.

Von Simone Reisdorf

Über sieben Millionen Menschen ohne deutschen Pass leben in Deutschland -der Anteil der Senioren unter ihnen nimmt zu.

Foto: dpa

In Deutschland leben derzeit 7,3 Millionen Menschen ohne deutschen Pass, das sind 8,8 Prozent der Gesamtbevölkerung. Jeder vierte Ausländer ist türkischer Abstammung. Dabei nimmt die Zahl der Senioren unter den Migranten stetig zu - auch wenn die wenigsten von ihnen sich das so vorgestellt hatten: "Den Lebensabend wollten sie eigentlich, finanziell abgesichert, im Ursprungsland verbringen", konstatiert Dr. Murat Ozankan, Oberarzt an der Migrantenambulanz Langenfeld beim Alzheimer-Kongress in Erfurt. "Sie haben aber die endgültige Rückreise aus den verschiedensten Gründen immer wieder hinausgeschoben."

Alt und krank - ohne Großfamilie

So finden sich heute viele Migranten in Deutschland mit alterstypischen Erkrankungen konfrontiert, ohne auf ihre angestammten sozialen Netze zählen zu können. Denn das Zusammenleben in traditionellen Drei-Generationen-Großfamilien ist nach einer langen Zeit in Deutschland nicht mehr selbstverständlich.

"Bei psychiatrischen Erkrankungen kommt noch hinzu, dass diese oft aus Scham verschwiegen, als ‚Strafe Gottes‘ oder als ‚Schicksal‘ angesehen werden", erklärt Fatma Sürer, Diplom-Psychologin am Bezirkskrankenhaus Augsburg. Mit Menschen außerhalb der Familie werde über psychiatrische Krankheiten, etwa eine Demenz, im Allgemeinen nicht gesprochen.

Filiz Küçük, Diplom-Pflegewirtin aus Berlin, hat dennoch einige pflegende Angehörige - meist Töchter -türkisch-stämmiger Demenzpatienten ausfindig gemacht und mit ihnen gesprochen. Auf der Grundlage der Interviews fand sie heraus, dass sie sich durchweg mehr Hilfe und Entlastung wünschten, vor allem

  • Beratungsstellen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar sind,
  • Berater/innen mit viel Zeit und türkischen Sprachkenntnissen,
  • Informationen über Demenz und den angemessenen Umgang mit den Demenzkranken, Rechtliches und Entlastungsangebote,
  • gedruckte Informationsmaterialien auch in türkischer Sprache,
  • die Thematisierung von Demenz in den türkischen Massenmedien,
  • Selbsthilfegruppen und Pflegekurse unter fachkompetenter Leitung, nach Geschlechtern der pflegenden Angehörigen getrennt,
  • Wohngemeinschaften, Tagesstätten und Kurzzeitpflegeeinrichtungen mit gut ausgebildetem türkisch-sprachigem Personal.

Die Probleme entstehen aber früher: Wenn der Erkrankte nicht Deutsch als Muttersprache spricht, wird schon die Diagnose einer Demenz schwierig. "Übersetzungen herkömmlicher Screening-Instrumente, etwa des Mini Mental Status Tests, haben sich nicht bewährt", so Ozankan, Oberarzt aus Langenfeld.

Demenztest ohne lese- und schreiblastige Module

Einen Ausweg kann das eigens entwickelte "Transkulturelle Assessment" - kurz: TRAKULA - bieten: Es richtet sich an Migranten, aber auch an Patienten mit individuellen Lese- und Schreibproblemen. "Der Test kommt ohne lese- und schreiblastige Module aus", so Ozankan. In einem Pilotprojekt wurde TRAKULA bereits an mehr als 100 türkisch-stämmigen Personen im Alter von 50 bis 69 Jahren getestet. In einer Studie an weiteren 400 Personen mit Migrationshintergrund soll der Test nun validiert werden.

Nach Meinung von Küçük, Diplom-Pflegewirtin aus Berlin, ist das ein erster Schritt in die richtige Richtung: "Insgesamt sollte die kulturelle Vielfalt in Deutschland stärker berücksichtigt und sollten Zugangsbarrieren für Menschen mit Migrationshintergrund abgebaut werden", fordert sie. Auch die beiden anderen Experten stimmten ihr dabei zu.

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