Ärzte Zeitung, 18.03.2009

Pflege: Zeugnisausgabe mit Hindernissen

Heime bekommen künftig Zeugnisse: Noten gibt´s für Pflege und medizinische Versorgung, Umgang mit demenzkranken Bewohnern, soziale Betreuung, Verpflegung und Hygiene. Kritiker fürchten nun, schlechte Noten könnten durch gute übertüncht und Patienten auf die falsche Fährte gesetzt werden.

Von Thomas Hommel

BERLIN. Vertreter des GKV-Spitzenverbandes und des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) hatten sich zuletzt ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt. Wofür Pflegebedürftige und pflegende Angehörige bisher viel Zeit und Mühe hätten aufwenden müssen, werde schon bald auf einen Blick für jeden verfügbar sein: zuverlässige Informationen über die Qualität in Heimen - dargestellt mit Hilfe von Noten von sehr gut bis mangelhaft.

"Schritt für Schritt kommt jetzt die notwendige Transparenz in die Pflegequalität", kündigte K.-Dieter Voß, Vorstand des GKV-Spitzenverbandes, an. Schon Ende Mai würden die ersten Heime der neuen Prüfsystematik des MDK unterzogen, ergänzte Dr. Peter Pick, Geschäftsführer beim Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Kassen (MDS).

Bis Ende 2010 werde es für alle 10 400 Pflegeheime eine Gesamtnote geben, die sich aus Teilnoten für die Bereiche Pflege und medizinische Versorgung, Umgang mit an Demenz erkrankten Bewohnern, Soziale Betreuung sowie Wohnen, Verpflegung, Hauswirtschaft und Hygiene zusammensetze.

Die angekündigte neue Transparenz am Pflegemarkt wird inzwischen jedoch wieder in Frage gestellt. Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) etwa moniert, das von Anbietern und Kassen entwickelte Noten-System verfehle seinen Zweck. Mehr Transparenz und Vergleichbarkeit von Pflegeleistungen werde dadurch nicht geschaffen, da schlechte Bewertungen durch gute Noten wieder ausgeglichen werden könnten.

Steht ein Pflegeheim am Ende mit "gut" da, weil das Essen schmeckt?

Die Befürchtung der CSU-Politikerin: Ein Heim, das im Bereich Pflege und medizinische Versorgung schlecht abschneidet, kann am Ende trotzdem die Gesamtnote gut bekommen, weil Verköstigung und Ausstattung mit sehr gut bewertet werden. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) müsse den neuen Pflege-TÜV daher überarbeiten.

Aus den Reihen der Verbraucherschützer kommen ähnliche Forderungen. "Die Transparenz-Offensive in der Pflege ist gescheitert", kritisiert Dieter Lang, Pflegeexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Lebens- und Ergebnisqualität in den Heimen würden von den Kassenprüfern nicht hinreichend bewertet und benotet. "Deshalb muss dringend nachgebessert werden."

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat auf die Kritik reagiert und Pflegeanbieter und Kassenvertreter zu Gesprächen eingeladen. Gegenstand, so eine Sprecherin von Ministerin Ulla Schmidt, seien Darstellung der MDK-Prüfergebnisse und deren Gewichtung. Offenbar ist auch die Gesundheitsministerin in Sorge, dass eine schlechte Note für Pflege und medizinische Versorgung durch eine andere Note übertüncht wird und die zugesagte Pflegetransparenz zur Scheintransparenz mutiert.

MDS-Chef Pick kann solche Sorgen nur begrenzt nachvollziehen: "Natürlich gibt es in jedem Noten-System eine gewisse Ausgleichswirkung", gesteht auch er ein. Durch die Gewichtung der einzelnen Prüfkriterien des MDK sei aber sichergestellt, dass der Bereich "Pflege und medizinische Versorgung" maßgeblich für das Abschneiden der Pflegeeinrichtung sei.

"35 von insgesamt 64 Prüfkriterien beziehen sich auf Pflegequalität und medizinische Versorgung. Damit ist die Kernqualität eines Heimes gut abgedeckt. Und die Möglichkeiten, das wieder auszugleichen, sind nicht sonderlich groß", betont Pick.

Wo wird gute Pflege geleistet?

Für Laien ist es oft schwierig zu erkennen, in welcher Pflegeeinrichtung gute Pflege geleistet wird. Deshalb werden die Ergebnisse der MDK-Prüfungen künftig in Form von Noten öffentlich dargestellt. Ab Ende Mai sollen die ersten Pflegeheime benotet werden - anschließend folgen die rund 10 600 ambulanten Pflegedienste. Bis Ende 2010 will der MDK alle Pflegeeinrichtungen unter die Lupe nehmen. (hom)

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Notensystem nicht zerreden!

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