Ärzte Zeitung, 25.01.2010

Training macht pflegende Angehörige fit

Damit sie für die Zeit nach dem Klinikaufenthalt eines nahestehenden Menschen besser gerüstet sind, wird Angehörigen in Hamburg ein ganz besonderes Hilfskonzept angeboten.

Von Dirk Schnack

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Besuch bei der Ehefrau in der Klinik. Wie geht’s nach der Entlassung weiter? ©Claudio’s Pics/www.fotolia.de

HAMBURG. Sie heben und tragen ihren Ehepartner, sie füttern und wickeln ihre Eltern: pflegende Angehörige stellen den größten Anteil an der Pflegeleistung in Deutschland. Darauf vorbereitet und gar geschult sind sie in den seltensten Fällen.

Mit einem Projekt der AOK, der Universität Bielefeld und mehrerer Hamburger Kliniken soll dies in der Hansestadt geändert werden. Ziel des Projektes "Familiale Pflege" ist es, den Übergang vom Krankenhaus auf die Zeit zu Hause so problemlos wie möglich zu gestalten.

Schulungen unabhängig von Kassenzugehörigkeit

Damit dies gelingt, bieten die Asklepios Kliniken Barmbek und Harburg, das Katholische Marienkrankenhaus, das Bethesda Krankenhaus Bergedorf, das Berufsgenossenschaftliche Unfallkrankenhaus und das Evangelische Amalie-Sieveking-Krankenhaus Angehörigen von Patienten Schulungen an, unabhängig von ihrer Krankenversicherung.

In jeder der sechs Kliniken sind Pflegekräfte von der Uni Bielefeld darin geschult worden, wie sie Angehörigen den Umgang mit Pflegebedürftigen in der Familie erleichtern können. Dazu gehören nicht nur Hebegriffe und technische Tricks, sondern auch Tipps, wie sie etwa den möglichen Ekel beim Wechseln einer Windel überwinden können. "Wir wollen die Menschen dazu befähigen, mit der neuen Situation umzugehen", sagte Case-Manager Philipp Störtzel aus dem Barmbeker Krankenhaus.

Die beteiligten Kliniken haben Mitarbeiterpools gebildet, aus denen sie auswählen, wer einen Angehörigen anleitet. Deutet sich an, dass ein Patient nach der Entlassung häusliche Pflege benötigt, sprechen Pflegekräfte die Angehörigen noch am Krankenbett an und informieren über das Pflegetraining. Bis zu sechs Wochen nach der Entlassung kann die Anleitung in Anspruch genommen werden.

Wirksame Strategie gegen den "Drehtüreffekt"

Siegfried Jähne, Regionaldirektor bei der AOK Rheinland/Hamburg, verspricht sich von dem Projekt nicht nur höhere Lebensqualität für Patienten und Angehörige, sondern auch einen Rückgang der Wiederaufnahmen. Denn ein Teil des so genannten Drehtüreffektes führen Experten auf eine unzureichende Nachsorge zurück.

Dass dieses Ziel erreicht werden kann, zeigen die Erfahrungen mit dem Projekt in Nordrhein-Westfalen, wo nach Angaben von Professor Katharina Gröning von der Uni Bielefeld die Resonanz auf das Angebot hoch ist. Die hohe Bereitschaft von Angehörigen, sich der Herausforderung Pflege zu stellen, stellt nach ihrer Ansicht auch unter Beweis, dass es in Deutschland neben dem Trend zu Einzelhaushalten auch so etwas wie eine "späte Familie" gibt.

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