Ärzte Zeitung, 01.02.2010

In der Pflege tickt die Zeitbombe

Wann und wie wird ein neuer Begriff von Pflegebedürftigkeit eingeführt? Die Koalition dürfe das Thema nicht auf die lange Bank schieben, warnen Experten. Ansonsten drohe ein Pflegenotstand.

Von Rebecca Beerheide und Thomas Hommel

In der Pflege tickt die Zeitbombe

Das ist der heiß umworbene Nachwuchs: Jeder vierte junge Mensch müsste 2025 einen Pflegeberuf ergreifen, damit der Bedarf gedeckt wird. ©Jose Manuel Gelpi/fotolia.com

BERLIN. Vertreter der Pflegeverbände drängen auf eine rasche Umsetzung eines erweiterten Pflegebedürftigkeitsbegriffs. "Wir haben gar keine Zeit mehr, damit zu warten. Wenn wir nicht rasch etwas ändern, rasseln wir in ein Desaster ungeahnten Ausmaßes hinein", sagte der Präsident des Deutschen Pflegerates (DPR), Andreas Westerfellhaus, auf dem Fachkongress "Pflege 2010" am vergangenen Wochenende in Berlin.

Der geltende Begriff von Pflegebedürftigkeit sei "zu verrichtungsbezogen und somatisch ausgerichtet", kritisierte Westerfellhaus.

Begutachtet würden von den Mitarbeitern der Medizinischen Dienste der Krankenkassen (MDK) derzeit lediglich körperliche Fähigkeiten, die ein älterer Mensch noch hat, nicht aber seine kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten. Nur wenn bei der Einstufung der ganze Mensch in den Blick genommen werde, könne eine sachgerechte Pflege erbracht werden.

"Wird zum Beispiel nur die Wunde bei der Begutachtung gesehen, nicht aber die Tatsache, dass der ältere Mensch auch unter Flüssigkeitsmangel leidet, kann das fatale Konsequenzen haben." So könne es zu einer Verschlechterung des körperlichen Zustands des Patienten kommen, was wiederum einen Krankenhausaufenthalt notwendig mache. "Das ist ethisch fragwürdig und kostet uns viel Geld", so Westerfellhaus.

Der Geschäftsführer des Deutschen Pflegeverbands (DPV), Rolf Höfert, sagte, wegen des verengten Blickwinkels bei einer Pflegebegutachtung stünden derzeit vor allem Demenzpatienten "im Abseits, wenn es um die Inanspruchnahme von Pflegeleistungen geht". Die Zahl Demenzkranker steige aber dramatisch an. Heute schon seien rund eine Million Bundesbürger betroffen.

Union und FDP sprechen sich in ihrem Koalitionsvertrag für "eine neue, differenzierte Definition der Pflegebedürftigkeit" aus. Unklar bleibt, wie und wann. Der pflegepolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Willi Zylajew, sagte, die Koalition werde noch in dieser Legislaturperiode einen erweiterten Pflegebedürftigkeitsbegriff einführen. "In diesem Jahr nicht mehr, aber auch nicht am Ende der Legislaturperiode."

Der noch von der Vorgängerregierung eingesetzte Beirat zur Überprüfung des geltenden Pflegebegriffs habe mit seinen Empfehlungen eine "hervorragende Grundlage" geschaffen, "um eine umfassendere und gerechtere Einstufung zu erreichen", betonte Zylajew. Zuvor müsse aber geklärt werden, was die Umsetzung "in Euro und Cent" koste.

Der Beirat hatte dazu vier Kostenszenarien durchgespielt, das teuerste Szenario belief sich auf rund 3, 6 Milliarden Euro. Zylajew stellte klar, dass die Pflege langfristig mehr finanzielle Mittel benötige. "Darauf muss sich die Gesellschaft einstellen." Über ehrenamtliche Helfer "wie Mütter oder Töchter" könne eine professionelle Pflege nicht funktionieren.

Der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender Pflegepersonen (BALK), Peter Bechtel, sagte einen Bedarf an zusätzlichen Pflegekräften von rund einer Million bis zum Jahr 2030 voraus. "Das würde bedeuten, dass im Jahr 2025 etwa jeder vierte Schulabgänger einen Pflegeberuf ergreifen müsste."

Dass dies gelingt ist unwahrscheinlich. Nach Angaben der OECD sind die Anstrengungen in Deutschland, Pflegenachwuchs auszubilden, unterdurchschnittlich und geringer als bei den Medizinern.

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