Ärzte Zeitung online, 05.11.2010

Pflegeprotest: Schon Zehntausende Gelbe Karten an Merkel verschickt

BERLIN (hom). Der Frust über die schlechten Arbeitsbedingungen in Kliniken, Heimen und Pflegediensten sitzt bei Deutschlands Pflegekräften offenbar tief: Binnen weniger Tage nach dem Start der Kampagne "Gelbe Karte an die Bundeskanzlerin" haben sie weit 10 000 Protestkarten allein über das Internet verschickt.

Pflegeprotest: Schon Zehntausende Gelbe Karten an Merkel verschickt

Gelbe Karte für die Bundeskanzlerin: DBfK-Geschäftsführer Franz Wagner bei der Präsentation der Kampagne.

© dpa

Hinzu kämen "viele Tausende von Karten auf dem Postweg", teilte der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) in Berlin mit. Bereits am dritten Tag nach Beginn der Aktion am 1. November seien die 200 000 gedruckten Gelben Karten vergriffen und ein umfangreicher Nachdruck erforderlich gewesen.

"Das zeigt, wie drängend das Problem ist, das wir aufgegriffen haben", sagte DBfK-Sprecherin Johanna Knüppel. Neben Pflegekräften können sich auch Patienten, deren Angehörige sowie interessierte Bürger an der Aktion beteiligen.

Der DBfK will damit auf die seiner Ansicht nach "eklatanten" Missstände in der Pflege aufmerksam machen und die Bundesregierung, allen voran Kanzlerin Merkel und Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) zum Handeln bewegen.

Die Bevölkerung mache sich offenbar große Sorgen wegen der Situation in der Pflege, sagte Knüppel. "Viele Bürger rufen an und wollen der Bundesregierung mitteilen, dass endlich gehandelt werden muss."

Die Menschen hätten schon seit langem den Eindruck, dass die politisch Verantwortlichen den Ernst der Lage ignorierten. "Viele Pflegekräfte berichten, durch jahrelange Überlastung im Beruf inzwischen krank und ausgebrannt zu sein", so Knüppel weiter.

Das Thema Pflege sorgt derzeit auch in der Koalition für Ärger. Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) warf Minister Rösler vor, er vernachlässige die Probleme in der Pflege und lege bei dem Thema eine gewisse "Taten- und Lustlosigkeit" an den Tag.

FDP-Abgeordnete nahmen ihren Minister derweil in Schutz und wiesen die Kritik des Koalitionspartners CSU zurück. Haderthauer werfe sich bei der Pflege "hinter den fahrenden Zug", sagte der FDP-Pflegeexperte Heinz Lanfermann.

Die Pflege werde 2011 "eines der dominierenden Themen von Bundgesundheitsminister Philipp Rösler sein." Der Minister habe noch vor Weihnachten eine Reihe von Fachleuten und Verbandsvertretern aus dem Bereich Pflege ins Gesundheitsministerium eingeladen, sagte Lanfermann. Auch die interministerielle Arbeitsgruppe zur Reform der sozialen Pflegeversicherung werde er "noch in diesem Jahr" einsetzen.

Laut Koalitionsvertrag wollen Union und FDP die Finanzierungsbasis der Pflegeversicherung erweitern. Dies soll über eine Art Prämie geschehen, die Pflegeversicherte ergänzend zu ihren Beiträgen aufbringen sollen.

Unions-Fraktionschef Volker Kauder hatte die Bundesbürger erst kürzlich auf höhere Beiträge zur Pflegeversicherung eingestimmt. Ohne eine Form der Kapitaldeckung ließen sich die steigenden Ausgaben der Pflegeversicherung nicht mehr abdecken, so Kauder.

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