Ärzte Zeitung, 28.11.2011

"Von einer Pflegekammer wären Sie enttäuscht"

Seit Jahren fordern Pflegeverbände eine eigene Kammer für ihre Profession. Beim Gesundheitspflegekongress in Hamburg wurden sie schwer enttäuscht. Befürworter und Gegner einer Verkammerung prallten heftig aufeinander.

Von Dirk Schnack

Ruhen zu hohe Hoffnungen auf einer Pflegekammer?

Eine Pflegerin kümmert sich um einen Heimbewohner: Eine Pflegekammer soll nach dem Willen der Berufe künftig die Geschicke leiten.

© INSADCO / imago

HAMBURG. Unermüdlich trommeln Pflegeverbände für eine eigene Kammer. Auf dem neunten Gesundheitspflegekongress von Springer Medizin in Hamburg wurden pro und contra ausgetauscht.

"Sie wären fürchterlich enttäuscht und ernüchtert von Ihrer Kammer." Gesundheitsexperte Professor Heinz Lohmann spielte auf dem Pflegekongress den Advocatus Diaboli.

Die von Pflegeverbänden geschürten Erwartungen der Pflegekräfte an eine eigene Kammer sind nach seiner Auffassung überzogen.

Der frühere Klinikmanager und jetzt mit Veranstaltungen in der Gesundheitswirtschaft erfolgreiche Unternehmer hält schon die mit dem Ruf nach einer Kammer verbundene Einstellung für falsch.

Mehr Einfluss "ist eine Illusion"

Eigeninitiative und Mut seien persönliche Eigenschaften, die die Pflegekräfte deutlich weiter bringen könnten als das Warten auf eine Institution, die mit vielen Bestimmungen zwar innere Angelegenheiten der Berufsgruppe regeln, nach Lohmanns Ansicht aber auch für viel Bürokratie und wenig Flexibilität sorgen wird.

"Eine verkammerte Pflege macht Sie nicht flexibler. Damit können Sie sich nicht an die Spitze neuer Entwicklungen stellen", glaubt Lohmann, der sein Urteil auf auch seine Erfahrungen mit den bestehenden Kammern in den Heilberufen stützt.

Hoffnungen von Pflegekräften, die sich von einer eigenen Kammer positive Einflüsse auf Vergütungen und eine Schutzfunktion erhoffen, erteilte er eine Abfuhr: "Das ist Illusion."

Denn die Entwicklungen im Gesundheitswesen werden nach seiner Auffassung künftig noch stärker als bislang von der Ökonomie bestimmt, weil die Kosten zum entscheidenden Treiber der Gesundheitspolitik geworden seien. Kammern, so Lohmann, könnten in dieser Entwicklung wenig ausrichten.

Größe Berufsgruppe im Gesundheitswesen ohne Kammer

Lohmanns Auffassung steht im krassen Widerspruch zu den Hoffnungen von vielen Pflegekräften und ihren Verbänden. Rolf Höfert spielte in Hamburg Lohmanns Gegenpart.

Der Geschäftsführer des Deutschen Pflegeverbandes hielt ein flammendes Plädoyer für die Einrichtung von Pflegekammern. Er verwies auf Umfragen, wonach 70 Prozent der Pflegekräfte für eigene Kammern sind, und auf einen Schulterschluss von 14 Verbänden in dieser Frage.

Dass ausgerechnet der größten Gruppe von Beschäftigten im deutschen Gesundheitswesen Kammern - und damit ein Agieren auf Augenhöhe mit anderen Berufsgruppen - verwehrt sind, hält er für untragbar.

Die seit 15 Jahren mit zunehmender Vehemenz vorgetragene Forderung ist nach Darstellung Höferts nicht nur wichtig für die Berufsausübenden. Pflegekammern könnten auch für die Patienten wichtige Funktionen übernehmen, indem sie vor unqualifizierter Pflege schützen.

Beispiel von den Psychotherapeuten

Mögliche Aufgaben, die eine Pflegekammer übernehmen könnte, wären etwa das Setzen und Überprüfen von Qualitätsstandards, Berufsaufsicht, Fort- und Weiterbildung.

Die von den Pflegekräften dafür aufzubringenden Beiträge wären vergleichsweise gering. Höfert präsentierte Berechnungen, wonach der Beitrag je nach Einkommen zwischen 20 und 60 Euro im Jahr liegen dürfte.

Dass trotz der breiten Einigkeit und viel Unterstützung noch keine Kammergründung erfolgt ist, führt Höfert auf die Politik zurück.

Zwar hätten in vielen Bundesländern Parteien Initiativen unterstützt - stets aber nur so lange, wie sie in der Opposition waren. Lohmann blieb bei seiner Auffassung, dass Pflegekräfte deshalb keine Nachteile haben.

Er verwies auf die Gründung von Kammern durch die Psychotherapeuten. Sein Fazit: "Ein Aufbruch hat seitdem für die Psychotherapeuten auch nicht stattgefunden."

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