Ärzte Zeitung, 02.11.2012

Lohmanns Pflege-Credo

"Nicht schneller, sondern anders arbeiten"

Immer mehr Aufgaben mit immer weniger Personal bewältigen, so kann die Zukunft der Pflege nicht aussehen. Experte Heinz Lohmann setzt auf Digitalisierung.

"Nicht schneller, sondern anders arbeiten"

Lösungen müssen aus der Pflege und nicht von Politikern kommen: Heinz Lohmann.

© Lohmann konzept

HAMBURG (di). Politische Einflussnahme kann helfen - aber sie allein wird Pflegeberufe nicht in die Lage versetzen, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

Wichtiger ist aus Sicht von Professor Heinz Lohmann, sich mit den ökonomischen Fragestellungen auseinander zu setzen und darauf Antworten zu finden.

Für Pflegeberufe bedeutet dies aus Sicht Lohmanns, dass sie sich auf zwei Entwicklungen einstellen müssen:

Die Preise für Pflegeleistungen werden für den Einzelnen wegen der knappen Ressourcen inflationsbereinigt steigen. Dabei ist eine stärkere Beteiligung des Staates - anders als bei der Rente - illusorisch. "Pflege ist rationierbar, Rente nicht", stellte Lohmann fest.

Die Ansprüche an die Pflegequalität werden weiter steigen, weil Patienten und Angehörige zunehmend wie Konsumenten auftreten. Um diese Entwicklung in Gang zu setzen, reichen nach Angaben Lohmanns schon 20 Prozent der Patienten aus.

Technische Unterstützung bringe Zeit

Pflegeanbieter werden diese Herausforderungen nach seiner Ansicht nicht lösen, indem sie auf Arbeitsverdichtung und Personaleinsparungen setzen. Sein Credo: "Wir müssen nicht schneller, sondern anders arbeiten."

Dazu gehört für ihn in erster Linie, Mitarbeiter in ihren Kernkompetenzen einzusetzen. Pflegefachkräfte etwa mit immer mehr Dokumentation zu frustrieren, sei kontraproduktiv - zielführend dagegen, Behandlungsabläufe für die Digitalisierung zugänglich zu machen.

Bedenken, dass dies zu einer "Entmenschlichung" der Pflege führen könnte, hält er für unbegründet. Denn erst durch technische Unterstützung bleibe den Pflegekräften Zeit, sich intensiv mit den Patienten auseinander zu setzen, argumentiert er.

Den Anstoß für solche Entwicklungen dürften Pflegeanbieter aber keinesfalls von der Politik erwarten. "Verplempern Sie nicht Ihre Kraft für den Klingelknopf der Politik, der hat an vielen Stellen keinen Anschluss", sagte er auf dem 10. Gesundheitspflege-Kongress.

Auch die Erwartungen an die eigenen Verbände dürften nicht zu hoch geschraubt werden - Einfluss hätten vielmehr die Vorstände von Pflegeeinrichtungen, weil diese die Arbeit vor Ort auf die Herausforderungen ausrichten können.

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Pflege (4712)
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Heinz Lohmann (85)
[03.11.2012, 23:51:04]
Ulrike Messerschmied 
Als ob es dieses ,,Credos'' bedurft hätte
Herrn Prof. Lohmanns Appell an die Pflege, nicht allzu hohe Erwartungen an die Politik zu stellen, wenn es darum geht, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern, scheint überflüssig wie ein Kropf:
Wirkungslose ,,Runde Tische'' 2005, Röslers verlorenes ,,Jahr der Pflege'' 2011 oder das Bahr'sche Pflegereförmchen dieses Jahres, das professionelle Pflege nahezu komplett ausspart, sind nur einige Beispiele dafür, warum Pflegende von der Politik schon seit langem kaum mehr etwas Nachhaltiges in Sachen Verbesserung der in der Branche seit Jahren vorherrschenden Mangelverhältnisse erwarten.
Allein die (Wahn)Vorstellung, Pflegepersonalnotständen mit Arbeitslosen (z.B. ,,Schleckerfrauen''), mit Straftätern (z.B. in NRW) oder mit vermeintlich anspruchslosen Zuwanderern (z.B. aus China oder Indien, denn die Osteuropäer arbeiten ja lieber in GB u. Skandinavien) begegnen zu können, sprechen für sich. Dass einige Politiker gar in dem aktuellen Vorschlag, pflegebedürftige Senioren in Thailand oder Spanien versorgen zu lassen, ein tragfähiges Alternativmodell zur kostenintensiven Heimpflege in Deutschland sehen, kommt nicht weniger als einer gesellschaftspolitischen Bankrotterklärung gleich. Wen wundert es da noch, dass die Hoffnung auf bahnbrechende politische Entscheidungen längst der Sorge um die Verschlimmbesserung der prekären Gesamtlage durch weitere politische Irrläufer gewichen ist.

Lohmanns Credo ist also bei Weitem keine neue Erkenntnis, lässt jedoch auch Zweifel aufkommen:
1. Sind steigende Ansprüche an die Pflegequalität mit der Rationierbarkeit von Pflege vereinbar? Wohl kaum, es sei denn, es soll künftig wieder in großen Bettensälen gepflegt werden. (Warum soll übrigens die Rente angesichts eines bereits auf 67 Jahre erhöhten Eintrittsalters und einer evtl. künftigen Niveauabsenkung auf 43 % nicht rationierbar sein?)
2. Wird die Zeit, welche ggf. durch die Optimierung von Arbeits-/Entbürokratisierungsprozessen für die intensivere Betreuung der Pflegebedürftigen gewonnen werden könnte, tatsächlich bei diesen ankommen? Wohl nur, wenn Vorstände von Pflegeeinrichtungen nicht gleichzeitig über gewinnbringende Personaleinsparungen nachdenken brauchen.

Enttäuschte Hoffnungen hin, zweifelhaftes Credo her:
Professionell Pflegende haben einen berechtigten Anspruch auf nachhaltige und wertschätzende Rahmenbedingungen für ihre Arbeit, welche durch ihre Vorstände allein nicht herzustellen sind. Hier muss auch Politik ihrem gesamtgesellschaftlichen Auftrag endlich nachkommen – und sollte dabei eines nicht vergessen: Auch Pflegende sind Wähler.
Und was die Pflegeverbände anbetrifft: Sie täten zumindest gut daran, die Interessen ihrer Mitglieder gegenüber politischen Entscheidern künftig mit etwas mehr Einigkeit zu vertreten - ob nun mit oder ohne Pflegekammer. Ansonsten laufen auch sie auf Dauer Gefahr, von Pflegekräften nicht mehr ernst genommen zu werden. zum Beitrag »

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