Montag, 20. Oktober 2014
Ärzte Zeitung, 25.01.2013

Leitartikel zum Pflegebeirat

Segensbringer oder Verzögerer?

Ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff muss her - das wussten Politik und Wissenschaft auch schon vor vier Jahren. Seither gibt es viele Versprechungen, nur passiert ist wenig.

Von Sunna Gieseke

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Eine junge Pflegekraft füttert eine pflegebedürftige Frau.

© britta60/fotolia.com

Er tagt und tagt und tagt: Der aktuelle Expertenbeirat der Bundesregierung, der einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff ausarbeiten soll, sitzt nun auch schon seit gut einem Jahr zusammen.

Bereits im Frühjahr 2009 hatte der alte Pflegebeirat - damals noch unter dem Vorsitz von Dr. Jürgen Gohde - einen entsprechenden Bericht vorgelegt. Von dem damals erarbeiteten Pflegebegriff sollten vor allem Demenzkranke finanziell profitieren.

Zudem sollte es fünf Bedarfsgrade anstelle von drei Pflegestufen geben. Schon damals galt eine Renovierung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs als längst überfällig.

Fakt ist: Trotz vieler Ankündigungen und Pflegedialoge auf Ministerebene gibt es einen Pflegebedürftigkeitsbegriff, mit dem gearbeitet werden kann, immer noch nicht.

Im März endlich soll es soweit sein: Also ziemlich genau vier Jahre nach dem ersten Bericht - eine sehr lange Zeitspanne, vor allem vor dem Hintergrund, dass es bereits eine Vorlage gab. Und die von Fachkreisen auch als sehr gut bewertet worden ist.

Bis März hat der Expertenbeirat noch einen weiten Weg vor sich. Nach wie vor gibt es Detailfragen, die zu klären sind ...

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[08.02.2013, 15:31:49]
Ingrid Langschwert 
Vielen Dank, dass Sie den Finger wieder in die Wunde legen -
ein Aufrütteln der Politik ist längst überfällig - besonders wenn es sich um Behinderungen im psychischen Bereich handelt. Der Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker e.V.; München hat dazu deshalb folgendes Statement verfasst:

Die Belange psychisch Kranker und ihrer pflegenden Angehörigen stärker in die Diskussion über die Reform der Pflegeversicherung einbeziehen

Auch für psychisch kranke Menschen soll es Leistungen aus der Pflegeversicherung geben

Mit Bedauern stellen wir fest, dass in den Diskussionen über die Reform der Pflegeversicherung regelmäßig die Demenzkranken, nicht aber alle psychisch kranken oder psychisch behinderten Menschen einbezogen werden. Ihre Behinderung ist zwar auf den ersten Blick nicht immer erkennbar. Sie betrifft aber Handeln, Wollen, Fühlen und den Antrieb. Die persönliche Dynamik ist eingeschränkt, die Aktivität beeinträchtigt oder übertrieben.
Diese Menschen müssen nicht unbedingt gewaschen oder zur Toilette geführt werden, sie müssen aber rund um die Uhr betreut, getröstet, motiviert und angeleitet werden. Betroffene haben Schwierigkeiten, eigenständig zu leben, einer geregelten Tätigkeit nachzugehen, ihre Freizeit zu gestalten, oder häufig auch sich selbst zu pflegen, weil ihnen dazu der nötige Antrieb oder die Einsicht in die Notwendigkeit fehlt. So kann es vorkommen, dass sie ohne den Zuspruch und die Begleitung durch Angehörige das Essen und Waschen völlig vergessen und immobil im Bett verharren.
Die pflegenden Angehörigen sind oftmals die einzigsten Bezugspersonen, die dem Kranken bleiben. Sie leisten Hilfe, damit ihre Kranken nicht völlig vereinsamen, innerlich und äußerlich verwahrlosen. Ihre Arbeit ist nicht mit Gängen zum Arzt, zum Therapeuten, oder zum Einkaufen erledigt. Sie sorgen für die Medikamenteneinnahme, wozu häufig eine sich täglich wiederholende Diskussion über den Sinn derselben gehört. Sie überreden den Kranken, endlich das Bett oder die Wohnung zu verlassen. Sie räumen in manchen Fällen das Zimmer, die Wohnung auf, damit das kranke Kind nicht der Verwahrlosung verfällt und sie beruhigen überforderte Familienmitglieder mit oft stundenlangen Gesprächen.
Angehörige leisten täglich Überzeugungsarbeit, wenn es um Körperpflege, Arztbesuche oder Beschäftigungen geht. Sie rufen den Notarzt in Krisenzeiten und kümmern sich um die diversen Rehabilitations- und Wiedereingliederungsmaßnahmen.
Im Gegensatz zur dementiellen Erkrankungen, treten psychische Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie oder Borderline-Syndromen oft schon in der Jugend auf und führen im Verlauf einer chronischen Erkrankung zunehmend zur Pflegebedürftigkeit des Erkrankten. Automatisch werden dann Eltern, Geschwister oder Partner, in manchen Fällen auch Kinder, lebenslang zu pflegenden Angehörigen. Die Dauer der Pflegebedürftigkeit ist nicht absehbar und erstreckt sich oft über Jahrzehnte.
Oft ist die Pflege eines psychisch kranken Menschen ein Vollzeitjob - allerdings derzeit ohne Bezahlung, ohne Wochenende, ohne Urlaubsanspruch – und ohne Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung! Ein Mitglied der Kleinfamilie– meist die Mutter– muss den Beruf ganz oder teilweise aufgeben, um das kranke Familienmitglied ständig pflegen zu können.
Daher wünschen wir uns angemessene Leistungen aus der Pflegeversicherung. In Zeiten sich auflösender Familienstrukturen und immer mehr allein erziehender Eltern können es sich inzwischen immer weniger Menschen leisten, das geliebte Kind, den Bruder, die Schwester zu Hause zu pflegen. Eine Pflege zu Hause ist aber für viele Kranke förderlich, da sie in einer vertrauten Umgebung mit weniger Ängsten zu kämpfen haben. In jedem Fall ist aber eine Pflege zu Hause sehr viel billiger als eine stationäre Pflege.
Deshalb wünschen wir uns nicht nur die Anerkennung der besonderen Pflegebedürftigkeit psychisch kranker Menschen in der Pflegeversicherung, sondern auch weitere Maßnahmen zur Unterstützung pflegender Angehöriger. Zum Beispiel eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, oder Rentenanwartschaften, um die Altersarmut pflegender Frauen und Männer künftige zu vermeiden.
Seit 1. Juli 2008 gibt es das zusätzliche Pflegegeld bei eingeschränkter Alltagskompetenz bei der Eingruppierung in die Pflegestufe 0. Doch Pflegestufe 0 bedeutet keine finanzielle Entlastung für Angehörige. Der zu pflegende Mensch bekommt zwar Geld zur Verfügung gestellt, für das er/sie sich Leistungen von externen Anbietern, wie Pflegediensten einkaufen kann. Dies soll der Entlastung der Angehörigen in zeitlicher Hinsicht dienen. Diese Geldsumme hilft Angehörigen aber nur in Ausnahmefällen, da psychisch Kranke häufig Angst vor fremden Menschen oder fremden Situationen entwickeln und sich deshalb weigern, mit einem „Unbekannten“ zum Arzt zu fahren, oder zum Einkaufen zu gehen.
Wir Angehörige sind deshalb all jenen dankbar, die bei der Pflegereform mitarbeiten, die uns im Verständnis für unsere Lage zur Seite stehen und so für soziale Gerechtigkeit sorgen.



Der Landesverband der Angehörigen psychisch Kranker Bayern setzt sich für die psychosozialen Belange psychisch kranker und psychisch behinderter Menschen und deren Angehörigen ein.
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