Ärzte Zeitung, 20.02.2013

Pflege-Bahr

Leistungsanspruch erst nach fünf Jahren

1,5 Millionen Bürger sollen nach Wunsch der Regierung 2013 den Pflege-Bahr abschließen. Dabei fangen die Versicherer gerade erst an, passende Angebote anzubieten. Verbraucherschützer warnen daher vor vorschnellen Abschlüssen.

Von Ilse Schlingensiepen

Leistungsanspruch erst nach fünf Jahren

Unterstützung im Alltag: Auch bei leichteren Pflegefällen soll der Pflege-Bahr Finanzlücken schließen.

© Miriam Dörr / fotolia.com

KÖLN. Die privaten Krankenversicherer (PKV) wagen sich nach und nach an das Geschäft mit der geförderten Pflege-Zusatzversicherung, den sogenannten Pflege-Bahr.

Im Dezember ist die Barmenia als erstes Unternehmen mit einem entsprechenden Angebot auf den Markt gekommen. Inzwischen verkaufen rund zehn Versicherer die neuen Policen.

Die Barmenia berichtet, dass die geförderte Pflege-Zusatzversicherung auf große Resonanz stößt. 1400 Kunden hätten bereits einen Vertrag gekauft.

Auch der PKV-Verband verzeichnet ein steigendes Interesse an den Policen: Immer mehr Versicherte und Versicherungsmakler informieren sich dort.

Ob sich allerdings die Erwartung der Bundesregierung erfüllt, dass die Versicherer dieses Jahr rund 1,5 Millionen Verträge verkaufen, steht in den Sternen. Dr. Volker Leienbach, Direktor des PKV-Verbandes, bezeichnet diese Zielmarke als "ehrgeizig, aber nicht unrealistisch".

Fünf Euro staatliche Förderung

Die Politik hat die staatlich geförderte private Ergänzung zur Pflegepflichtversicherung mit dem Pflege-Neuausrichtungsgesetz auf den Weg gebracht. Seit Januar erhalten Verbraucher ab 18 Jahren, die eine solche private Zusatzpolice kaufen, eine staatliche Förderung von fünf Euro im Monat.

Vorausgesetzt, dass sie noch keine Leistungen aus der Pflegeversicherung beziehen. Die Versicherten selbst müssen mindestens zehn Euro im Monat zahlen.

Der Gesetzgeber hat für die Policen Mindestleistungen vorgesehen: Die Versicherer müssen den Kunden im Pflegefall ein Monatsgeld von 600 Euro in Pflegestufe III zusagen.

Der Leistungsumfang darf auch höher liegen, aber nicht das Niveau der gesetzlichen Pflegeversicherung überschreiten. Auch in den Pflegestufen 0 bis II stehen den Versicherten Leistungen zu.

Versicherer müssen jeden nehmen

Bei den geförderten Policen müssen sich die PKV-Anbieter von ihren gewohnten Annahme- und Kalkulationsprinzipien verabschieden.

Sie sind verpflichtet, jeden Interessenten anzunehmen und dürfen nicht mit Risikozuschlägen oder Leistungsausschlüssen arbeiten. Die Höhe der Prämien ist allein altersabhängig.

Zum Schutz der Versicherer greift eine fünfjährige Wartezeit: Solange zahlen die Kunden zwar Prämien, haben aber im Pflegefall noch keinen Anspruch auf Leistungen. Diese Wartezeit ist nötig, sagt PKV-Chef Leienbach. "Ohne sie gäbe es einen zu starken Anreiz für Menschen, die nahe der Pflegebedürftigkeit sind, das Produkt zu kaufen."

Ohnehin gehen die meisten Experten davon aus, dass die geförderten Policen vor allem für diejenigen von Interesse sind, die aufgrund von Vorerkrankungen keine oder keine bezahlbaren normalen PKV-Pflegepolicen erhalten würden.

Wasem rät zu Versicherung

Leienbach begrüßt die Einführung des Pflege-Bahr als "wichtige Weichenstellung". "Es wird anerkannt, dass es eine Finanzierungslücke gibt und dass sie im Umlagesystem nicht geschlossen werden kann."

Da es keine politische Mehrheit dafür gebe, von der gesetzlichen Teilkaskoversicherung abzurücken, bleibe privater Absicherungsbedarf, argumentiert auch der Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem.

Er hält es für sinnvoll, dass die Bevölkerung privat vorsorgt und der Staat dies fördert. "Denn eines wissen wir: Die Menschen werden ohne Förderung keine hinreichende Vorsorge betreiben."

Und: "Bei einer Chance von 30 bis 40 Prozent, pflegebedürftig zu werden, ist es ideal, das über eine Versicherung abzusichern."

Die Tatsache, dass durch die Förderung auch sogenannte schlechte Risiken eine Zusatzversicherung kaufen können, spreche für das neue Modell.

Warnung vor Schnellschüssen

Doch weder Menschen mit einer Vorerkrankung noch andere Versicherte sollten vorschnell eine Pflege-Bahr-Police kaufen, empfiehlt Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. "Es gibt noch viel zu wenige Angebote, um entscheiden zu können, welche Produkte gut sind und welche nicht."

Außerdem sei es nötig, die geförderten Policen mit den nicht-geförderten zu vergleichen. Die fünf Euro monatlicher Zuschuss allein seien jedenfalls kein Argument für den Vertagsabschluss.

Verbraucher sollten unbedingt den Leistungsumfang der verschiedenen Angebote prüfen. Wortberg: "600 Euro in Pflegestufe III sind ein Witz".

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Ärzte können künftig Medizinalhanf verordnen

Nach jahrelanger Debatte regelt das Parlament heute den Umgang mit Cannabis als Medizin völlig neu. Krankenkassen müssen künftig die Kosten im Regelfall erstatten. mehr »

Kein Schmerzensgeld für die künstliche Ernährung des Vaters

Das Münchener Landgericht hat die Klage gegen einen Hausarzt, der einen Patienten vermeintlich unnötig lange künstlich ernähren ließ, abgewiesen. Gleichwohl attestierte es einen Behandlungsfehler. mehr »

Droht Briten eine zweite Creutzfeldt-Jakob-Welle?

In Großbritannien ist ein Mann an einer ungewöhnlichen Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung gestorben. Dies nährt Befürchtungen, wonach mehr als 20 Jahre nach der BSE-Krise eine zweite Erkrankungswelle ansteht. mehr »