Ärzte Zeitung online, 05.08.2013

Britische Studie

Pflege in Zeitnot

Personalmangel mit Folgen: Weil in der Pflege Personal fehlt, leidet nicht selten die Qualität. Eine Studie zeigt jetzt: Beinahe jede Pflegekräft hat schon einmal wichtige Arbeiten liegen lassen. Die Ergebnisse sind auch auf Deutschland übertragbar.

Von Arndt Striegler und Anno Fricke

Zeitdruck macht Pflegekräften schwer zu schaffen

Aufklärungsgespräche mit einer Patientin: Dafür fehlt vielen Pflegern in der Klinik inzwischen die Zeit. Das hat eine Studie in Großbritannien jetzt bestätigt.

© Miriam Dörr / fotolia.com

LONDON. Je weniger Zeit die Pflegekräfte in staatlichen britischen Kliniken für ihre Patienten haben, desto häufiger unterlaufen offenbar Pflegefehler und desto schlechter ist die Patientenversorgung.

Das geht aus einer aktuellen Studie aus England hervor, die jetzt im BMJ Quality and Safety veröffentlicht worden ist (BMJ Qual Saf 2013; online 29. Juli). Die Ergebnisse sind laut Experten durchaus auch auf andere Länder wie Deutschland übertragbar.

Einen Mangel an Pflegekräften im Krankenhaus haben auch deutsche Stellen längst erkannt. Zwar hat Deutschland kein staatliches Gesundheitssystem, die gesetzliche Krankenversicherung ist aber Teil der mittelbaren Staatsverwaltung.

Von 2009 bis 2011 hat die GKV insgesamt 1,1 Milliarden Euro dafür aufgewandt, neue Pflegestellen in rund 1100 Krankenhäusern aufzubauen. Der in diesem Jahr vorgelegte Abschlussbericht wies aus, dass das Sonderprogramm rund 13.600 bestätigte Vollzeitstellen in Kliniken geschaffen hat. Für weitere 1700 Stellen liegen der GKV noch keine Bestätigungen vor.

Vertreter der Verbände der Pflege und der Pflegeberufe sehen in den von der Regierung als Erfolg verbuchten Zahlen eher die Fortschreibung eines seit Jahrzehnten bestehenden Mangels an Pflegekräften im Krankenhaus.

Nicht erwähnt werde nämlich, dass zwischen 1996 und 2008 mehr als 50.000 Vollzeitstellen in der Pflege in Krankenhäusern abgebaut worden seien, klagt der Bundesverband Pflegemanagement.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) sieht in dem Programm sogar das Trojanische Pferd, mit dem noch mehr Zeitdruck und Arbeitsverdichtung in die Kliniken Einzug gehalten hätten.

"Ohne Verpflichtung, die neu eingestellten Pflegefachpersonen auch tatsächlich für pflegerische Aufgaben einzusetzen, blieb die Verwendung der Mittel den Klinikleitungen überlassen", stellt Johanna Knüppel vom DBfK fest.

Im Förderzeitraum seien daher vorher ärztliche Aufgaben in großem Umfang auf die Pflege übertragen worden.

Das wiederum habe dazu geführt, dass den Patienten Gesprächspartner fehlten, Medikationsfehler und Hygienemängel zunähmen, aktivierende pflegerische Maßnahmen, Prophylaxen und Vitalzeichenkontrollen nicht im erforderlichen Umfang geleistet würden.

Von den bei den Kassen eingereichten 522 Verdachtsfällen auf Pflegefehler in Krankenhäusern haben sich laut Medizinischem Dienst der Krankenkassen (MDK) 280 bestätigt.

Die Bestätigungsquote von 53,6 Prozent deute darauf hin, dass Patienten oder deren Angehörige Pflegefehler leicht feststellen könnten, zum Beispiel bei Dekubiti.

Personalmangel führt zu schlechter Pflege

Insgesamt hat sich trotz des Förderprogramms das Verhältnis zwischen Voll- und Teilzeitbeschäftigten Pflegekräften in den Kliniken verschlechtert.

Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten und geringfügig Beschäftigten (162.450) in Relation zur Gesamtzahl des beschäftigten Pflegepersonals (341.452) ist im Jahr 2011 auf 47,6 Prozent angestiegen. Im Jahr 1994 hatte diese Relation noch bei 29,4 Prozent gelegen.

Wie Mitarbeiter der National Nursing Research Unit (NNRU) in London herausfanden, gibt es offenbar einen direkten Zusammenhang zwischen Personal- und Zeitmangel auf den Stationen und Pflegefehlern beziehungsweise mangelhafter Pflegequalität.

Befragt wurden mehr als 2900 Pflegekräfte in 46 Krankenhäusern des staatlichen britischen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS). Die Ergebnisse erschrecken.

86 Prozent der Pflegekräfte gaben zu, dass eine oder mehrere Pflegeaktivitäten "mangels Zeit" während der jüngsten Schicht unverrichtet blieb.

Fehlt den Pflegern die Zeit, so bleiben vor allem "reden und trösten", "aufklären" sowie "aufstellen und updaten von Pflegeplänen" auf der Strecke. Mit anderen Worten: wenn die Zeit fehlt, werden Krankenhauspatienten regelmäßig nicht ordentlich versorgt.

Die NNRU-Experten stellen fest, dass es in staatlichen britischen Kliniken mittlerweile zur Tagesordnung gehört, bestimmte Pflegeleistungen nicht mehr zu erbringen, da es an Pflegern fehlt.

"Das ist ein Teufelskreis. Je weniger Pflegekräfte auf den Stationen, desto größer der Zeitdruck und desto schlechter werden die Patienten versorgt", so ein Sprecher der britischen Krankenpflegergewerkschaft (Royal College of Nursing, RCN) zur "Ärzte Zeitung" in London.

Und: "Das ist besorgniserregend und hat sicherlich auch etwas mit den Budgetkürzungen im Gesundheitsdienst zu tun."

Das Londoner Gesundheitsministerium bestreitet das. In den vergangenen Jahren sei "viel getan" worden, um die Krankenpflege im Königreich zu verbessern, hieß es.

Das Ministerium wies darauf hin, dass trotz Wirtschaftskrise die Gesundheits-Ausgaben in Großbritannien in den vergangenen Jahren "vor Kürzungen geschützt" worden seien. Anekdotische Hinweise deuten laut RCN freilich auf das Gegenteil. Die Gewerkschaft spricht von "Pflegennotstand".

Interessant: Gesundheitsminister Jeremy Hunt sagte in jüngster Zeit mehrfach öffentlich, häusliche Pflege solle zukünftig stärker in den Vordergrund rücken und vom Gesetzgeber mehr als bislang "auch finanziell gefördert" werden.

Gesundheitspolitische Beobachter wiesen darauf hin, dass Hunts jüngste Äußerungen darauf hindeuteten, dass die Regierung Cameron die häusliche Pflege von Patienten stärker als bislang priorisieren wolle.

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