Ärzte Zeitung online, 06.08.2013

Kommentar

Steinbrück im Pflegestellen-Dilemma

Wahlkampf ist die Zeit, in der mancher Politiker etwas verheißt, was in der politischen Realität nur schwer umzusetzen ist. Davor ist auch ein als hanseatisch kühl geltender Sozialdemokrat wie Peer Steinbrück nicht gefeit.

Von Anno Fricke

"Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit!" Diesen Satz des Sozialdemokraten Kurt Schumacher sollte sich Peer Steinbrück einmal von allen Seiten genau betrachten.

Geht es nach Steinbrück, sollen Krankenhäuser, Pflegeheime und ambulante Pflegedienste in der kommenden Legislaturperiode 125.000 zusätzliche Pflegekräfte einstellen.

Das Geld dafür will Steinbrück über eine Anhebung des Beitragssatzes zur Pflegeversicherung um 0,5 Prozentpunkte bereitstellen. Letzteres ist jeder Regierung zuzutrauen.

Da verspricht Steinbrück nichts Unrealistisches. Nur, woher binnen vier Jahren 125.000 ausgebildete Pflegekräfte kommen sollen, ist schwer nachzuvollziehen. Bislang gibt es ja nicht einmal ein Pflegeberufsgesetz, das den Bewerbern um Ausbildungsstellen in der Pflege neue berufliche Perspektiven aufzeigen könnte.

Kein Wort verliert der Kandidat auch darüber, wie die in seinem Pflegekonzept zentrale wohnortnahe Organisation von Dienstleistungen für Pflegebedürftige denn in der Praxis aussehen soll. Auf dem Land werden Pflegebedürftige in Zukunft nicht überall einen Hausarzt und eine Apotheke in der Nähe haben. Hier fehlt noch ein Baustein im Gedankengebäude der Sozialdemokraten.

Gleichzeitig sehen Vorschläge des Kuratoriums Deutsche Altershilfe und der Friedrich-Ebert-Stiftung vor, über Prävention und Rehabilitation Pflegebedürftigkeit so lange wie möglich hinauszuschieben oder ganz zu vermeiden.

Zudem sollen die vorhandenen medizinischen, pflegerischen und sozialen ambulanten und stationären Versorgungseinrichtungen zu "integrierten medizinisch-pflegerischen Versorgungszentren" weiterentwickelt werden. Das klingt gut.

Nur: In der jüngeren Vergangenheit hat die Entwicklung einer wie immer gearteten integrierten Versorgung eher stagniert als Fortschritte gemacht. Auch die think tanks der Sozialdemokraten gehen mit ihrem richtigen Vorschlag den zweiten Schritt vor dem ersten.

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