Ärzte Zeitung, 31.12.2013

ZNS-Versorgung

Gemeinsame Visiten im Pflegeheim

Kooperative Versorgung von ZNS-kranken Heimbewohnern ist möglich, hängt aber auch von altruistischer Eigeninitiative ab. Das Beispiel Sophienhof im Kreis Düren zeigt die Chancen, aber auch die Grenzen.

Von Ilse Schlingensiepen

Gemeinsame Visiten im Pflegeheim

Ärztliche Untersuchung: Wenn Ärzte regelmäßig zu Bewohnern ins Pflegeheim kommen, können Klinikaufenthalte reduziert werden.

© stockbyte / thinkstock

KÖLN. Haus- und Fachärzte, die regelmäßig ins Pflegeheim kommen, sich über die Behandlung der Demenzkranken und anderer Patienten verständigen und dabei mit Apothekern, dem Pflegepersonal und der Heimleitung kooperieren - die Wohnanlage Sophienhof im Kreis Düren zeigt, wie medizinische Versorgung von Pflegeheimbewohnern aussehen kann.

"Krankenhauseinweisungen können wir inzwischen an einer Hand abzählen", sagt die niedergelassene Nervenärztin und Psychiaterin Dr. Hildegard Schain. Sie hat das interdisziplinäre Versorgungsmodell entwickelt.

Schain geht einmal pro Monat zur neuropsychiatrischen Visite in den Sophienhof, die Hausärzte kommen einmal in der Woche. Gemeinsame Visiten Schains mit den betreuenden Haus- und Fachärzten sind fester Bestandteil des Konzepts.

Einmal im Jahr sucht sie mit Hausarzt und Apotheker die Bewohner auf. Gemeinsam wollen sie Arzneimittel-Interaktionen vermeiden und die Zahl der Medikamente möglichst auf fünf pro Patient begrenzen.

Schain organisiert regelmäßig Fallkonferenzen mit dem Pflegepersonal, den Physio-, Logo- und Ergotherapeuten sowie den Sozialarbeitern.

"Die monatlichen Fallkonferenzen schaffen Hintergrundwissen und ermöglichen so, die Patienten besser zu verstehen." Die Treffen dienen auch dazu, Beinahe- und tatsächliche Fehler zu analysieren, um Wiederholungen zu vermeiden.

Kassen bleiben desinteressiert

Der Träger des Heims, eine private Stiftung, honoriert den zusätzlichen ärztlichen Betreuungsaufwand. Die Krankenkassen profitieren zwar von der besseren Patientenversorgung - insbesondere von der bis zu 80 Prozent niedrigeren Rate an Krankenhauseinweisungen -, unterstützen sie aber nicht finanziell.

Kollegen von Schain haben vergeblich versucht, das Konzept auf andere Heime zu übertragen. "Nur für Gottes Lohn kann man das nicht machen, und die anderen Träger sagen, dass sie kein Geld haben."

Die im Sophienhof praktizierte gute Kooperation bei der Versorgung von Heimpatienten verbessert die Lebensqualität der Bewohner, spart aber auch enorme Kosten, sagt der Sprecher des ZNS-Spitzenverbands Dr. Frank Bergmann.

Die Erfolge des Modells seien stabil. "Das sollte doch Grund genug für die Krankenkassen sein, entsprechende Modelle mit neurologisch-psychiatrischer Expertise zu fördern."

Die meisten Pflegeheim-Bewohner an neuro-psychiatrischen Erkrankungen

Der weit überwiegende Teil der Menschen in den Pflegeheimen leide an neuro-psychiatrischen Erkrankungen, sagt er. "Die Versorgungsstrukturen spiegeln das nicht ausreichend wider." Einzelne tragfähige Modelle wie das im Sophienhof lebten vom Engagement der Ärzte.

Notwendig seien Anreize, um die Kooperation von Neurologen, Psychiatern und Nervenärzten mit Haus- und weiteren Fachärzten flächendeckend voranzubringen, betont Bergmann.

"Die Überarbeitung des EBM wird solche Versorgungserfordernisse künftig stärker berücksichtigen müssen." Niedergelassene Ärzte hätten zurzeit kaum Möglichkeiten, Schulungsangebote für pflegende Angehörige abzurechnen. "Die Gebührenordnung hinkt den praktischen Bedürfnissen hinterher", sagt Bergmann.

Zum Erfolg von Schains Modell trägt sicher bei, dass die engagierte Ärztin auch einmal pro Jahr Informationsveranstaltungen für die Angehörigen anbietet. Sie ziehen zwischen 300 und 500 Besucher an.

Hohe Belastung für Pflegende

Nach Schätzungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft werden rund 80 Prozent der Demenzkranken von Angehörigen versorgt. Das ist für die meist weiblichen Pflegenden mit einer hohen körperlichen und seelischen Belastung verbunden.

Zwar gibt es eine Reihe von Unterstützungsangeboten, das Wissen darüber ist aber nach Angaben der Gesellschaft noch nicht weit genug verbreitet.

Zwar sollen hier die Pflegestützpunkte für Abhilfe sorgen. "Die Qualität und Verfügbarkeit ist je nach Region sehr unterschiedlich", sagt eine Sprecherin.

Ähnlich sehe es mit Einrichtungen wie der Tagespflege aus. "Es gibt zwar gute Angebote, aber längst noch keine Flächendeckung."

Schain empfiehlt den betreuenden Angehörigen, die regionalen Angebote der Selbsthilfe zu nutzen.

"Sie sehen dann, dass sie nicht allein stehen und erhalten dort auch konkrete Hilfe." Die Ärzte bemühten sich darum, die Angehörigen kennenzulernen und in die Behandlung einzubeziehen, sagt sie.

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