Ärzte Zeitung online, 06.03.2015

Pflege in Kliniken

Verdi sieht Gefahren im Nachtdienst

In einer Stichprobe an 237 Kliniken hat Verdi deutliche Personallücken festgestellt. Die DKG kritisiert die nächtliche Befragung.

BERLIN. Zu wenig Pflegepersonal in der Nachtschicht gefährdet nach Ansicht der Gewerkschaft Verdi die Patientensicherheit in deutschen Kliniken.

Laut einer Stichprobe, die in der Nacht von Donnerstag auf Freitag von 700 Verdi-Mitarbeitern und Freiwilligen erhoben wurde, versorgten 55,8 Prozent der Pflegefachkräfte ohne Unterstützung im Schnitt 25 Patienten. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) nannte die Stichprobe "unseriös" und sprach Verdi die "medizinische Beurteilungskompetenz" ab.

DKG-Hauptgeschäftsführer Baum teilte weiter mit: "Den in der Nacht in der Tat schwere und verantwortungsvolle Aufgaben wahrnehmenden Mitarbeitern mit suggestiv formulierten Fragebögen Defizite bei der Ausführung ihrer Arbeiten zu unterstellen, muss zwangsläufig zu absolut verfälschten Einschätzungen führen."

Insgesamt hat die Gewerkschaft in 237 Kliniken in unterschiedlicher Trägerschaft 2862 Fachkräfte befragt. Gemeinsam mit Hilfskräften und Auszubildenden versorgten sie 54.218 Patienten. Nach Verdi-Angaben sind dies rund 27 Prozent aller Patienten in Deutschland, die derzeit in Kliniken versorgt werden.

Fachstandard wird unterschritten

Am problematischsten bewertet Verdi die Situation auf Intensivstationen. "Hier wird der Fachstandard flächendeckend weit unterschritten. Nur auf 33 Stationen wird der Standard von einer Pflegekraft für zwei Patienten eingehalten", erklärt Sylvia Bühler, Verdi-Vorstansmitglied vor Journalisten in Berlin.

Auf 65 Prozent der Intensivstationen betreute eine Pflegekraft drei und mehr Patienten, auf 42 Stationen war es gar eine Fachkraft für sechs Patienten. Auf anderen Stationen sehe es nicht besser aus: In der Stichprobe wurden 20 Stationen befragt, auf denen eine Fachkraft von einer Auszubildenden unterstütz wurde, 33 Stationen hatten zusätzlich eine Hilfskraft.

Auf zwei Stationen musste je eine Fachkraft gar 34 Patienten betreuen, so Verdi. Auf fünf Stationen versorgte eine Hilfskraft ohne Unterstützung einer Fachkraft Patienten. Vorbildlich sei allerdings, dass auf keiner der besuchten Stationen Auszubildende alleine im Dienst gewesen wären.

"Routinearbeiten wurden in Nacht umgeschichtet"

Aus Sicht von Verdi hat sich die Arbeitssituation in der Nacht deutlich verändert: "Von einer Nachtwache, in der nur noch der Schlaf von Patienten beobachtet wird, ist heute nicht mehr zu sprechen. Denn viele Routinearbeiten wurden in die Nacht umgeschichtet."

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine Studie des Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke. Bei der Vorstellung der Daten nannte die Gewerkschafte die betroffenen Häuser nicht namentlich. Eine ausführliche Datenanalyse aus der Stichprobe soll in rund zwei Wochen vorliegen.

Bei der Befragung in der Nacht gaben 60 Prozent an, dass es in den vergangenen vier Wochen zu gefährlichen Situationen gekommen sei, 55 Prozent erklärten, dass sie "oft oder manchmal" nötige Pflegeleistungen aufgrund von Personalmangel nicht erbringen könnten.

Nach Verdi-Angaben hatten 28 Prozent der Befragten aufgrund des hohen Arbeitsdrucks keine Zeit für die Hände-Desinfektion, rund 77 Prozent gaben an, keine ungestörte Pause genommen zu haben.

Gesetzliche Personalstandards

"Die Daten zeigen, dass es dringenden Handlungsbedarf gibt", erklärte Bühler. Das von Bund und Ländern beschlossene Pflegeförderprogramm im Eckpunktepapier zur Klinikreform bezeichnete sie als "Symbolpolitik". "In Deutschland fehlen rund 70.000 Pflegekräfte.

Das Wohl der Patienten ist dadurch immer häufiger gefährdet." Um den Mangel zu bekämpfen, fordert Verdi von der Bundesregierung, zügig gesetzliche Standards zur Personalausstattung in Kliniken festzulegen. Die Bundesregierung plant dazu eine Expertenkommission, Ergebnisse werden aber frühestens 2019 erwartet.

Die Gewerkschaft will bis dahin nicht warten und fordert Mindeststandards bereits in den laufenden Tarifverhandlungen beispielsweise mit dem Klinikkonzern Helios. "Arbeitgeber spekulieren darauf, dass die Beschäftigten mit ihrem Engagement diese Defizite ausgleichen", erklärte Bühler. Verständnislos sei sie über die Haltung der CDU/CSU bei dem Thema. "Auch wenn die CDU es nicht wahrhaben will, der Markt wird es in diesem Fall nicht richten."

Nach ihrer Erfahrung schieben Arbeitgeber in Verhandlungen den Schwarzen-Peter zurück: Wenn die Politik meint, dass es zu wenig Personal gibt, dann muss sie Vorgaben machen", heiß es dort, so Bühler.

Die Krankenkassen zeigten sich über die Daten alarmiert und appellierten an die Kliniken. "Die Klinikleitungen müssen auch die Verantwortung für die Pflege wahrnehmen", sagte der Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, Florian Lanz, der "Ärzte Zeitung". Allerdings warnte er vor pauschalen, bundesweiten Budgetregelungen. (bee)

[07.03.2015, 22:03:47]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Nun, wenn Verdi, Dank Gesetz auch die Ärzte vertreten muss, würde ich das Feuerwehrmodell ...
.... für Bereitschaftsärzte empfehlen:
3 Tage Bereitschaftsdienst 4 Tage frei. Kerngesunde Ärzte müssten das doch schaffen können. zum Beitrag »

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