Ärzte Zeitung online, 01.12.2015

Studie

Gesundheitssystem geht kaum auf Bedürfnisse Älterer ein

Der Anteil älterer Menschen in Deutschland steigt bekanntlich. Und sie kosten das Gesundheitssystem mehr als jüngere. Stellt sich die Frage, ob altersgerechtere Versorgung Kosten reduzieren könnte.

BERLIN. Das derzeitige Gesundheits- und Pflegesystem geht nach einer Studie nicht ausreichend auf die Bedürfnisse älterer Menschen ein.

Eine integrierte Pflege, die mehr Hilfe im Alltag biete, könnte häufig teure stationäre Aufenthalte verhindern oder zumindest verkürzen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine am Dienstag verbreitete Studie im Auftrag der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC).

Die Akteure im Gesundheitswesen seien sehr spezialisiert und arbeiteten getrennt von einander. Dies führe zu Doppel- und Dreifachbehandlungen und damit zu unnötigen Mehrkosten.

Vorauszahlungen empfohlen

Um das Gesundheitssystem angesichts der alternden Gesellschaft dauerhaft zu finanzieren, empfehlen die PwC-Experten alternative Vergütungssysteme wie pauschale Vorauszahlungen pro Versichertem.

Netzwerke ambulanter Dienstleister könnten dann über mehrere Jahre hinweg die gesundheitliche Versorgung einer Gruppe von Menschen übernehmen, für die sie feste Sätze pro Person erhalten.

Wie das Budget eingesetzt werden solle, entschieden die Pflegeteams vor Ort. "Je besser die Qualität der Betreuung, je besser die Prävention, desto weniger Kosten fallen langfristig an." Burkhart verwies auf das "Gesunde Kinzigtal" und ander Modelle, die in diese Richtung zielen.

"Reha vor Pflege" im Pflegestärkungsgesetz II

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz erklärte, Krankenhäuser, Pflegeheime, ambulante Dienste und niedergelassene Ärzte agierten nebeneinander her. Doch die Politik ziehe daraus keine Konsequenzen. "

Weiterhin zahlen wir für schlechte Pflege gutes Geld. Dabei wäre eine integrierte Pflege der älteren Generation nicht teurer", erklärte Stiftungsvorstand Eugen Brysch.

Zum 1. Januar startet das zweite Pflegestärkungsgesetz von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Danach soll Pflege so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden möglich werden, nach dem Grundsatz: "Reha vor Pflege".

Unter anderem sollen also Rehabilitationsangebote stärker in die Pflege integriert werden. (dpa)

[02.12.2015, 09:31:12]
Carmen P. Baake 
Im Vordergrund: Kostensenkung bei der Versorgung älterer Patienten
Zitat: "Netzwerke ambulanter Dienstleister könnten dann über mehrere Jahre hinweg die gesundheitliche Versorgung einer Gruppe von Menschen übernehmen, für die sie feste Sätze pro Person erhalten."

Diese Gruppe von Menschen soll nach der PwC-Vorstellung die Gruppe der älteren Patienten sein. In weiteren Pressemitteilungen von PwC zum selben Thema, die auf anderen Portalen veröffentlicht wurden, ist von einer Dividende die Rede, mit denen die o. g. Netzwerke motiviert werden sollen, sich gemeinsam um diese Patienten zu kümmern.

Ausgangspunkt für die Überlegung ist, dass die Zahl älterer Patienten zunimmt und diese altersbedingt höhere Kosten im Gesundheitswesen verursachen, als jüngere Patienten. Die von PwC angedachten Versorgungsnetze sollen dafür sorgen, dass sich diese Kosten im Rahmen halten. Das Versorgungsnetz bekommt pro Patient ein festes Budget und wird mit der Aussicht, nicht verbrauchte Beträge einbehalten zu dürfen, motiviert, die Versorgung des Patienten günstiger sicherzustellen, als es das Budget hergäbe. Ziel erreicht - Kosten gesenkt.

Leider kenne ich die Studie im Detail nicht. Ich bin mir aber sicher, dass darin auch etwas von Versorgungsqualität steht. Doch das ist Makulatur. Wer soll das prüfen? Das Versorgungsteam vor Ort entscheidet, was für den Patienten notwendig ist. Wahlfreiheit des Patienten = Null. Wirtschaftliches Eigeninteresse der am Versorgungsnetz beteiligten Dienstleister = Differenz aus Budget und tatsächlich aufgewandten Mitteln.

Die Folge für ältere Patienten ist eine rationierte Versorgung bei Krankheit und Pflege und die ethische Frage, ob diese gerechtfertigt ist.

Unabhängig davon erscheint es mir nicht logisch, das PwC in anderen Pressmitteilungen dazu erklärt, die Patientenversorgung sei zu stark auf die Behandlung von Krankheiten ausgerichtet. Ich bin immer davon ausgegangen, dass ich gerade dafür Krankenversicherungsbeiträge bezahle.

Ich bin mir sicher, dass vernetzte Versorgungsstrukturen in Behandlung und Pflege zu einer qualitativ besseren Versorgung von allen - also nicht nur älteren - Patienten beitragen können. Rationierung in Form der von PwC angedachten Budgets dient jedoch nur dem Zweck der Kostensenkung und ist für eine am Patientenwohl orientierte Vernetzung kontraproduktiv.




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[01.12.2015, 14:05:08]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
PwC-Wirtschaftsberater sorgen sich ernsthaft um die "Alten"?
Bei dieser analytisch eher mageren Mitteilung der Deutschen-Presse-Agentur (dpa) geht es um eine Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) mit dem Titel: "Das Gesundheitssystem geht an den Bedürfnissen alter Menschen vorbei".

Vgl. die PwC-Pressemitteilung von heute unter
http://www.pwc.de/de/pressemitteilungen/2015/das-gesundheitssystem-geht-an-den-beduerfnissen-alter-menschen-vorbei.html

Verfasser ist Michael Burkhart, PwC-Partner in Frankfurt/M. Der Studienautor leitet deutschlandweit den Geschäftsbereich Gesundheitswesen & Pharma bzw. ist Ansprechpartner für Bilanzierungsfragen im Gesundheitswesen und damit eher Wirtschaftsprüfer und -experte.

Inhaltlich wird ein Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen bei der Versorgung älterer Menschen reklamiert. Dieser beginnt allerdings mit einer primär durch den Kliniken- und Krankenkassen-Blickwinkel getrübten Analyse: Der vorgeblich klinische Fokus auf das Kurieren von Krankheiten ginge in der Tat an den Bedürfnissen vieler Senioren vorbei.

Die versorgungs-medizinische, pflegerische und teilhabe-fördernde Realität sieht aber völlig anders aus, weil hier überwiegend Haus-Ärztinnen und -Ärzte, ambulante und stationäre Pflegedienste bzw. Familienverbünde diese Herkules-Aufgabe stemmen. Fachärzte, Fach- und REHA-Kliniken sind daran biografisch gesehen nur zu einem geringen Bruchteil beteiligt.

Ökonomisch und juristisch vorbelastete, fachliche Expertisen verkennen i. d. R. die exponierte Bedeutung einer lebenslangen hausärztlichen Allgemein- und Familienmedizin ("von der Wiege bis zur Bahre"): Da dies im universitären, wissenschaftlich geprägten Medizinbetrieb der Krankenhäuser von der Uniklinik bis zum Kreiskrankenhaus gar nicht adäquat abgebildet bzw. wirtschaftlich und soziokulturell nicht reflektiert wird. Ein krasser Gegensatz zur etablierten "Family Medicine" der englischsprachigen und von dort beeinflussten Länder GB, F, USA, RSA, AUS bzw. BENELUX und Skandinavien.

Dort ist die ärztliche Inanspruchnahme gerade bei Älteren quantitativ und qualitativ erheblich geringer. Viel seltener sind Facharzt- und Klinikbesuche bzw. stationäre Aufenthalte: Weil es ein abgestuftes, bedarfs-adaptiertes Netzwerk bio-psycho-sozialer Hilfen, Gemeinde-naher Psychiatrie-, Geriatrie und Pflegeeinrichtungen gibt und damit ärztliche Interventions-Notwendigkeiten begrenzt.

Die Analyse von Michael Burkhart (PwC) ist übrigens so neu nicht: Bereits im Oktober 2015 hat PwC-International eine fast gleichlautende Publikation mit dem Titel "We are entering a new era of health – New Health" kreiert.
http://www.pwc.com/gx/en/healthcare/pdf/pwc-elderly-care-report.pdf

Da sind die Schlagzeilen bei PwC-Deutschland wohl nur übersetzt worden:
- Integrierte Pflege statt stationärer Aufenthalte
- Feste Sätze pro Person lassen Gestaltungsspielräume
- New Entrants und Digitalisierung eröffnen neue Möglichkeiten
- Zufriedenheit der Bewohner als Maßstab für Vergütung als "benchmarking" mit
"you get, what you pay for" als “new health”?

Als Verkennung der Realität kann allerdings folgende zentrale PwC-Forderung gelten: "Um das Gesundheitssystem angesichts des demografischen Wandels dauerhaft zu finanzieren, empfehlen die PwC-Experten alternative Vergütungssysteme wie beispielsweise pauschale Vorauszahlungen pro Versichertem (Capitation)". Das bedeutet im Klartext auf unsere deutschen Kranken- und Pflegeversicherungs-Systeme, egal ob gesetzlich einkommensabhängig oder privat pauschal, GKV- oder PKV-kranken- bzw. pflege-versichert: Was die Versicherten als Vertrauensvorschuss bisher lebenslang vorfinanziert und eingezahlt haben und wo Rücklagen gebildet wurden, soll völlig auf den Kopf gestellt werden?

O-Ton PwC: "Um das Gesundheitssystem angesichts des demografischen Wandels dauerhaft zu finanzieren, empfehlen die PwC-Experten alternative Vergütungssysteme wie beispielsweise pauschale Vorauszahlungen pro Versichertem (Capitation)". Das wäre nichts anderes als die völlig unsinnige und unlogische "Kopfpauschale", die in der Sozialversicherung schon mehrfach krachend gescheitert ist. Unter anderem, weil ein AZUBI, eine Rentnerin, die auch noch putzen gehen muss, oder ein Frührentner in die Sozialversicherungssysteme nicht so viel einzahlen kann, wie ein Bankdirektor oder Firmen-Vorstand!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Garmisch-Partenkirchen)
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