Ärzte Zeitung, 27.06.2014

Demografie

Arbeitsausfälle kosten Milliarden

Krankenkassen und Rentenversicherung müssen intensiver zusammenarbeiten, um die Folgen der Demografie zu mildern.

Von Susanne Werner

BERLIN. Das Fazit der Diskussion stand schon am Anfang fest: Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) und die Deutsche Rentenversicherung (DRV) müssen verstärkt miteinander kommunizieren, damit Deutschland die Folgen der demografischen Entwicklung meistern kann.

Rund sechs Millionen Erwerbsfähige im Alter zwischen 20 und 64 Jahren werden bis zum Jahr 2030 aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Zugleich wird die Zahl der Arbeitnehmer, die 65 Jahre oder älter sind, um rund fünf Millionen zunehmen.

Gerade auf ältere Beschäftigten kommen allerdings auch vermehrt chronische Erkrankungen zu - allen voran gängige Diagnosen wie Muskel- und Skeletterkrankungen und psychische Belastungen.

Rund 71.000 Beschäftigte sind beispielsweise 2010 aufgrund von psychischen Erkrankungen frühzeitig mit Erwerbsminderungsrenten aus dem Arbeitsleben ausgeschieden. Professor Dr. Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen hatte die Zahlen mitgebracht. Überzeugen brauchte er seine Mitstreiter auf dem Podium nicht.

Die Runde der Vertreter aus Politik, Verwaltung, Arbeitgeber und Krankenkassen waren sich einig: Alle Beteiligten müssen sich vermehrt anstrengen, um chronisch Kranke und Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen im Erwerbsleben zu halten. Sonst wird ein Potenzial verschenkt, das Deutschlands Wirtschaft dringend braucht.

Denn, so eine weitere Zahl von Wasem, Fehlzeiten aufgrund von Krankheiten führten 2012 volkswirtschaftlich zu einem Produktionsausfall von 53 Milliarden Euro.

Was bleibt zu tun? Einig waren sich die Vertreter auf dem Podium, dass die Träger der Sozialversicherungen - speziell GKV und DRV - intensiver mit den Betrieben und Unternehmen zusammenarbeiten müssten. Schade nur, dass ein Vertreter der DRV fehlte. Denn im Bereich der Rehabilitation ist einiges in den vergangenen Jahren vorangetrieben worden, um Erwerbstätige frühzeitig oder auch nach schweren Erkrankungen wieder an den Arbeitsplatz zurückzuführen.

Dr. Rolf Schmachtenberg vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales verwies auf das betriebliche Eingliederungsmanagement, Verfahren zur Wiedereingliederung wie etwa das "Hamburger Modell" sowie auf die medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR), die frühzeitig spezifische Aspekte des Berufslebens in den Reha-Prozess integriert.

Schmachtenberg warb für eine "Inklusionsstrategie", die sich nicht an Defiziten orientiert, sondern daran ansetzt, die Umwelt gesundheitsförderlich zu gestalten. "Wir wollen keine Sonderstellung für bestimmte Gruppen schaffen, sondern gute Rahmenbedingungen für alle Beschäftigten", betonte der BMAS-Vertreter.

Der zentrale Ort, um die Beschäftigungsfähigkeit zu sichern, ist der Betrieb. Für Alexander Würfel, Sprecher der Geschäftsführung des Pharmakonzerns AbbVie Deutschland, steht das außer Frage. Sein Unternehmen hat sich vor Jahren bereits auf den Weg gemacht, das Problem "ganzheitlich" anzugehen.

Ein zentrales Argument war auch hier die Kostenfrage: "Wir haben ausgerechnet, dass wir schon Milliarden an Euro sparen könnten, wenn wir die Arbeitsausfälle in der Produktion um zehn Prozent senken könnten."

Um die Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten, empfiehlt Alexander Würfel drei Vorhaben voranzubringen: Zu aller erst müsste in den Führungsetagen ein "Bewusstsein" darüber entwickelt werden, dass chronisch-kranke Beschäftigte dem Unternehmen ein großes Potenzial an Wissen, Kompetenzen und Erfahrung bieten.

Zweitens gilt, die Betroffenen im Sozialsystem besser zu managen. Betriebsärzte und Fachärzte sollten sich beispielsweise intensiver austauschen und Lotsenfunktionen übernehmen. Und drittens fehlten, so Würfel, die entscheidenden Anreize im Gesundheitswesen, dass Patienten schneller und leitliniengerechter behandelt und therapiert werden können.

Anne-Kathrin Klemm vom BKK Dachverband beklagte in diesem Zusammenhang eine "Schnittstellenproblematik": "Wir würden als Krankenkasse gerne mehr vernetzen, aber wir dürfen das aus Datenschutzgründen gar nicht." Gerade im Umgang mit Krankheiten gibt es nach wie vor Tabus: "Diabetes-Patienten zum Beispiel wollen oft nicht, dass ihre Einschränkung am Arbeitsplatz auffällt."

Die BKK-Vertreterin sieht als zentrales gesundheitliches Problem nach wie vor die Prävention. Zum Beispiel: "Ein Fünftel der Erwachsenen sind übergewichtig. Dies wird inzwischen als schlimmer eingestuft als der Tabakkonsum."

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