Ärzte Zeitung online, 03.07.2012

Bahr überlegt: Ärzte ab in die Schule

Mehr Prävention in den Schulen - in Modellprojekten klappt das erfolgreich. Jetzt überlegt Gesundheitsminister Bahr, bundesweit die Ärzte für Vorsorge-Untersuchungen zu den Schülern zu schicken. Doch sein Vorschlag kommt nicht überall gut an.

Ärzte bald in die Schule?

Hörtest in der Schule: Bahr will Ärzte öfter in den Schulen sehen.

© Thomas Frey / imago

NEU-ISENBURG (bee/nös). Für den Vorschlag, Ärzte für Vorsorgeuntersuchungen in die Schulen zu schicken, hat Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) Lob von den Kassen und Kritik von der Opposition geerntet.

"Die sehr guten Erfahrungen bei den Vorbeugeuntersuchungen zur Zahngesundheit von Schulkindern sind Anlass, auch weitere Vorbeugeuntersuchungen in Schulen zu prüfen", sagte Bahr der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung".

Lob dafür von den Kassen, aber auch vom Hartmannbund: "Diese Variante von Prävention ist als sinnvolle Alternative zur immer wieder diskutierten U-Untersuchung nebst Meldepflicht und anderem bürokratischem Unsinnviel zu lange vernachlässigt worden", sagte Dr. Klaus Reinhardt.

Kritik kommt von den Grünen: "Ohne Abstimmung mit den wesentlichen Akteuren und ohne öffentliche Debatte wird über Nacht ein Vorschlag präsentiert, der einseitig auf medizinische Aspekte ausgerichtet und noch nicht einmal wirklich ausgearbeitet ist", erklärte Maria Klein-Schmeink, Sprecherin für Prävention der grünen Bundestagsfraktion.

Unverständnis auch von den Pädiatern: "Wir sind strikt dagegen, dass Vorsorgeuntersuchungen in die Schulen verlegt werden", sagte der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Dr. Wolfram Hartmann.

Schuluntersuchungen könnten nicht das Gespräch mit dem Pädiater ersetzen, mahnte er. "Sie können allenfalls die Vorsorge beim Kinder- und Jugendarzt ergänzen."

Der Präsident der Ärztekammer Berlin, Dr. Günther Jonitz, begrüßte hingegen Bahrs Vorstoß, mahnte zugleich aber den Ausbau des öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) an.

"Im ÖGD wurden über Jahre hinweg Stellen gestrichen", sagte er mit Blick auf die jüngst geplatzte Schlichtung für einen neuen Tarifvertrag im ÖGD.

"So lange die öffentliche Hand ihrer Pflicht, sich intensiv um die Gesundheit von Kindern zu kümmern, nur halbherzig nachkommt, muss ein Vorschlag wie der von Minister Bahr Wunschdenken bleiben."

Beispiel aus den neuen Bundesländern

Bahr kündigte an, sich mit den Ländern zusammenzusetzen. Da der Diskussionsprozess unter den Ländern noch nicht in Gang ist, konnte auch die Kultusministerkonferenz (KMK) auf Anfrage keine Stellungnahme abgeben.

Der KMK-Vorsitzende, Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD), ist derzeit im Urlaub.

Bei den Schuleingangsuntersuchungen, die in allen Bundesländern üblich sind, werden unter anderem ein Hör- und Sehtest durchgeführt, auch gibt es eine Prüfung der Sprachentwicklung.

Nur in Sachsen besucht der Kinder- und Jugendärztliche Dienst die zweiten und sechsten Klassen. In Sachsen-Anhalt werden Schüler in der dritten und sechsten Klasse untersucht.

Während das Angebot vor der Wende noch verpflichtend war, ist es heute freiwillig. Die Teilnahme an den Reihenuntersuchungen in Sachsen bis heute sehr groß - dies sieht man beispielsweise auch an den Teilnahmeraten am Brustkrebsscreening.

Bahrs Pläne für die Vorsorgeuntersuchungen in Schulen dürften Bestandteil der künftigen nationalen Präventionsstrategie. Erste Details dazu waren bereits im Frühjahr bekanntgeworden.

Seit Monaten arbeitet das Ministerium an Vorschlägen, die Liste der Wünsche über die Inhalte ist lang.

Nach einem Bericht der in Rostock erscheinenden "Ostsee-Zeitung" von Mittwoch will Bahr seine Strategie im Herbst vorlegen.

In Berlin wurde dieser grobe Zeitrahmen am Dienstagabend bestätigt. Derzeit sei man noch in der inhaltlichen Planung, hieß es.

Der "Ostsee-Zeitung" sagte der FDP-Politiker, dass er "ein Schwergewicht auf die Früherkennung von gefährlichen Krebserkrankungen" legen will.

Bahr: "Es werden Anreize geschaffen, zur Vorsorge zu gehen. Wir müssen Krankenkassen, Schulen und Sozialeinrichtungen gezielt in die Prävention einbinden."

[04.07.2012, 09:04:31]
Angelika Christina Oles-Guhl 
Prävention in Schulen
Meine Vorrednerin hat es zwar schon gekannt, ich, als "junge" Mutter, bin mit den Gegebenheiten aber nicht so vertraut (so weit ich informiert bin, gibt es aber in NRW bisher keine solchen vorgegebenen Schuluntersuchungen. Dass im Kindergarten regelmäßig (1 x/ Jahr -?-), finde ich als Zusatzuntersuchung jedoch sehr sinnvoll. Mehr soll das doch gar nicht sein. Als informierter Erziehungsberechtigter folgt man wie selbstverständlich den U- Untersuchungen, trotzdem ist es mindestens beruhigend, ab und an eine Bestätigung der korrekten Richtung zu bekommen. Andere Eltern werden durch diese Untersuchungen animiert, sich mehr um die physischen Aspekte ihrer Kinder zu kümmern.

Bahr sagt doch nur etwas über eine Grundidee aus, die genauere Feinzuordnung der Verantwortlichkeiten kann doch noch ausgearbeitet werden. Keiner will doch die Pädiater umgehen!

Also: hier spricht ein absoluter Befürworter dieser neuen alten Idee...  zum Beitrag »
[04.07.2012, 08:10:18]
Angelika Christina Oles-Guhl 
Prävention in Schulen
Meine Vorrednerin hat es zwar schon gekannt, ich, als "junge" Mutter, bin mit den Gegebenheiten aber nicht so vertraut (so weit ich informiert bin, gibt es aber in NRW bisher keine solchen vorgegebenen Schuluntersuchungen. Dass im Kindergarten regelmäßig (1 x/ Jahr -?-), finde ich als Zusatzuntersuchung jedoch sehr sinnvoll. Mehr soll das doch gar nicht sein. Als informierter Erziehungsberechtigter folgt man wie selbstverständlich den U- Untersuchungen, trotzdem ist es mindestens beruhigend, ab und an eine Bestätigung der korrekten Richtung zu bekommen. Andere Eltern werden durch diese Untersuchungen animiert, sich mehr um die physischen Aspekte ihrer Kinder zu kümmern.

Bahr sagt doch nur etwas über eine Grundidee aus, die genauere Feinzuordnung der Verantwortlichkeiten kann doch noch ausgearbeitet werden. Keiner will doch die Pädiater umgehen!

Also: hier spricht ein absoluter Befürworter dieser neuen alten Idee...  zum Beitrag »
[04.07.2012, 07:41:44]
Dr. Bettina Naumann 
Rad soll mit anderem Namen wieder neu erfunden werden
Vermutlich ist in der Politik (und auch bei manchen ärztlichen Kollegen) nicht bekannt, welche Aufgaben der öffentliche Gesundheitsdienst hat und dass es zumindest in den neuen Bundesländern Schulgesetze gibt, die Schuluntersuchungen verpflichtend verankert haben. So zum Beispiel in Thüringen in den 4. und 8 . Klassen, Sachsen in den 2. und 6. Klassen etc..
Sinnvoll wäre aus meiner Sicht bei den nun neu entdeckten Zielen, das Personal in den jugendärztlichen Diensten der Gesundheitsämter mit entsprechender Vergütung wieder aufzustocken und nicht -wie so oft- das Rad mit anderem Namen neu zu erfinden.
Denn hier werden seit vielen Jahren die nun geplanten Vorsorgeuntersuchungen bereits erfolgreich durchgeführt!
Dr. B. Naumann, Gesundheitsamt Saale-Holzland-Kreis (Thüringen)
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