Ärzte Zeitung, 27.12.2012

Burn-out

Wie das Gesundheitswesen krank macht

Im mehr Kranke im Gesundheitswesen - und es sind nicht die Patienten, sondern die Mitarbeiter selbst. Eine Ausnahme sind allerdings die Ärzte: Sie haben die gesündesten Jobs überhaupt.

Von Helmut Laschet

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Schwerstarbeit in der Pflege: Sie ist wahrscheinlich eine wichtige Ursache, warum in der Kranken- und Altenpflege Arbeitsunfähigkeit deutlich über dem Durchschnitt liegt - und bedenklich zunimmt.

© Patrick Seeger / dpa

NEU-ISENBURG. Mit durchschnittlich 15,5 Arbeitsunfähigkeits-Tagen ist die Morbidität von Mitarbeitern im Gesundheits- und Sozialwesen nur geringfügig höher als im Durchschnitt der Wirtschaft und Verwaltung.

Alarmierend hoch ist allerdings der Anstieg der Arbeitsunfähigkeit um 1,5 Tage oder zehn Prozent von 2010 auf 2011, wie aus dem BKK-Faktenspiegel hervorgeht.

Das Morbiditätsrisiko in den Gesundheitsberufen ist dabei extrem unterschiedlich verteilt und hängt primär von der Qualifikation und von der Stellung in der Hierarchie ab.

Ärzte haben danach - trotz objektiv hoher Arbeitsbelastung - die gesündesten Arbeitsplätze, auch im Vergleich zu anderen Akademikern: sie kamen im Schnitt nur auf 6,5 AU-Tage, bei Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern waren es immerhin 8,3 Prozent.

Besorgnis erregend hoch ist allerdings inzwischen der Krankenstand in der Pflege: Krankenschwestern und -pfleger sowie Hebammen waren im Schnitt 17,7 Tage arbeitsunfähig geschrieben, das ist ein Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr von 1,9 Tagen.

Helfer in der Krankenpflege fehlen krankheitsbedingt sogar 24,1 Tage, im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 2,1 Tagen.

Wahrscheinlich sind immer noch körperlich hart belastende und auf die Dauer ungesunde Tätigkeiten auch Mitursache von Fehlzeiten. So weisen die Mitarbeiter von Post und Kurierdiensten sowie in der Abfallbeseitigung und im Recycling die mit Abstand höchsten Fehlzeiten aller Branchen auf (über 20 Tage).

Starke regionale Unterschiede

So erklärt sich auch, dass über 26 Prozent der Gesamt-Fehlzeiten auf Krankheiten des Muskel- und Skelettsystems zurückzuführen sind, gefolgt von Krankheiten des Atemsystems (14,4 Prozent) und psychischen Störungen (13,2 Prozent.

Letztere wiederum nehmen seit Jahren kontinuierlich zu und haben Verletzungen und Vergiftungen 2011 vom dritten auf den vierten Platz verdrängt. Von 1976 bis 2011 hat sich der AU-Anteil, der durch psychische Erkrankungen verursacht ist, versiebenfacht.

Noch stärker ist der Anstieg der Arbeitsunfähigkeit aufgrund eines Burn-out-Syndroms. Dies ist zwar als eigenständige Krankheit in der ICD-10 nicht erfasst, wird aber unter dem Schlüssel Z73 "Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung" subsumiert.

Binnen sieben Jahren hat sich die Zahl der Burn-out-bedingten AU-Tage um den Faktor 19 erhöht.

Regional gibt es starke Unterschiede in der Verteilung der Arbeitsunfähigkeit: Mit jeweils über 19 AU-Tagen haben BKK-Versicherte in Berlin, in weiten Teilen der neuen Bundesländer sowie im Saarland eine vergleichsweise hohe Morbidität.

Im Süden und Nordwesten Deutschlands liegt die AU zwei Tage und mehr unter dem Bundesdurchschnitt.

[31.12.2012, 06:57:51]
Karin Koch 
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Die bisherigen Kommentare zeigen auf, dass die Ärzteschaft anscheinend keine Ahnung von der Tätigkeit ihrer engsten Mitarbeitern - den Pfleger/innen - hat.
Und es interessiert sie auch nicht!
"Selbstmitleid"! Das ist es was sie umtreibt. Nichts sonst.

Sie haben kein Interesse daran, gemeinsam mit den Pfleger/innen für eine bessere Krankenversorgung, für bessere Arbeitsverhältnisse im Gesundheitswesen einzustehen.

Ärzte sind Egoisten!
Das nehme ich mit ins neue Jahr. zum Beitrag »
[29.12.2012, 22:06:35]
Dr. Ludwig Krüger 
Jahresend-Lacher zum "Heulen"
Habe gerade den Beitrag über den angeblich so gesunden Arzt-Job gelesen.
Das ist ja wirklich der Jahresend-Lacher ! Wer geht denn nicht z.Arzt und lässt sich nicht AU-schreiben, weil sonst die Praxis den Bach runter ginge? Wer opfert sich für seine Pat. auf, hat keinen 8-Std-Tag? Wer verschleppt mitunter seine Krankheit oder geht nicht regelmäßig zur Vorsorge aus Zeitmangel und weil andere Kollegen am Wochenende (wenn man evtl.Zeit hätte) nicht praktizieren? Es könnte auch sein, dass kranke Ärzte nicht in den Statistiken auftauchen, weil sie gleich wegsterben.?- Ich kenne einige Fälle von Augenärzten, die kaum das Rentenalter erreicht haben (Infarkt, Krebs) , die gleich,nachdem die Praxis abgewickelt war, das Zeitliche segneten. Hat der Statistik-Experte auch mal die Lebenserwartung der im Gesundheitswesen Tätigen gegenübergestellt?-
-Aber vielleicht sind Ärzte auch per se widerstandsfähiger, schon bei der Wahl des Berufes; das Studium hats auch in sich usw., da muß man sich schon ziemlich durchbeißen, um alle Hürden zu überspringen. Da bleibt einem ja nichts weiter übrig, als fit zu bleiben und eine eiserne Gesundheit an den Tag zu legen! Sonst taugt man nicht für diesen Beruf.
Sie ist schon sehr vielschichtig die Statistik! zum Beitrag »
[29.12.2012, 17:35:41]
Dr. Friedrich H. Methfessel 
Re: Frau Martina Lange
Liebe Frau Lange,
Wenn es denn so einfach wäre!

Biste Krank, bleibste zuhause.
Gehst du arbeiten, dann eben gesund.

Schon mal die Psychologie von Menschen verstanden, die zwischen Pflichtbewußtsein, Helfer-Syndrom, Selbstaufgabe, Egoismus, äußeren -wie auch inneren- Notwendigkeiten eben nicht einfach Ihrer Logik folgen können?
Eine Schwarz-Weiß Logik in der Psychologie der Menschen ist mehr als abstrus.
 zum Beitrag »
[29.12.2012, 14:29:47]
Dr. Jürgen Sobtzick 
Die Ärzte haben die gesündesten Jobs
Es ist schon öfter vorgekommen, dass ich an manchen Tagen kränker war als meine Patienten, die ich krank geschrieben habe.Erfahrungsgemäß arbeiten Selbständige weiter, auch wenn sie krank sind.Wiedereinmal stimmen die statistischen Angaben nicht mit der Wirklichkeit überein !
Dr.Jürgen Sobtzick, Euerdorf zum Beitrag »
[29.12.2012, 00:02:25]
Dr. Horst Grünwoldt 
Ausgebrannt-burn out
Es ist wieder einmal eine Krankheit (oder doch nur ein Syndrom?), die uns die US-amerikanische Gesellschaft neben der braunen Limonade, dem fast-food Drive-Inn und unendlichen Schadensersatz-Prozessen herübergeschwappt hat: Den (vorübergehenden) Dauer-Erschöpfungs-Zustand!
Dank (grace dieu und inch allah)) unserer Regenerationsfähigikeit im psychischen, wie auch physischen Zustand, sollten wir dies natürlich nicht zur chronischen Krankheit erklären.
Es ist allerdings schon einem Rostocker Finanzsenator gelungen, seit 18 Monaten als dauerhaft leistungsunfähig gemäß ärztlichen "burn out"- Attestes erklärt worden zu sein, aber immer noch sein generiertes, aktives B 6- Salär zu kassieren. Das sollte einige Nachahmer, besonders in der arbeitsplatzsicheren öffentlichen Verwaltung oder auch Minsterialbürokratie finden...
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »
[28.12.2012, 19:45:10]
Karin Koch 
Völlig klar, dass Pfleger/ innen ein höheres Krankheitsrisiko als Ärzte haben!
Welcher Arzt hilft bei der Pflege, der Mobilisierung und beim Transfer eines Patienten?

Die Fallkostenpauschale in den Krankenhäusern und der Zeitfaktor in der ambulanten Pflege verhindern die Benutzung von angemessenen (rückenschonenden) Hilfsmitteln!

Wenn keine Zeit dazu bleibt, z.B. einen Hebelifter zu verwenden, dann bedeutet Das, dass man die Pflegekräfte zu einem höheren Verschleiss ihrer körperlichen Kräfte zwingt.

"Burnout" gibt es auch bei Pfleger/ innen.
Pfleger/ innen sind zudem näher dran am Patienten - folglich leiden sie mehr mit - wenn es Patienten schlecht geht.

Ärzte und Pflegekräfte müssten sich verbünden, um auf politischer Ebene zu erreichen, dass es ihnen und den Patienten in Zukunft besser geht.
 zum Beitrag »
[28.12.2012, 16:49:43]
Dr. Ludwig Krüger 
Burn out, Sucht und Suizid
"Burnout bei Ärzten" gibt es als Buch von Th. Berger und auch als sehr interessante Promotionsarbeit von Edith Rahner (FU Berlin 2011).
Sie fand 77% befragter Vertragsärzte als unzufrieden oder bereits resigniert beschrieben, an anderer Stelle 25% gefährdet oder bereits ausgebrannt und von den intensivmed. Tätigen hätten 50% einen schweren Burnout.
Burn out ist immer als Prozeß zu verstehen also arbeiten viele von uns trotzdem weiter. So auch dort, wo der Normalbürger bereits Invalidenrentner ist.
Übrigens liest man bei Fr. Dr. Rahner auch über eine doppelt so hohe Suchtrate bei Ärzten und dass die Suizidrate bei Ärztinnen sogar das 3-4 fache der Allgemeinbevölkerung beträgt. Wahrlich ein sehr gesunder Job !!! Trotz alledem: Allen Kollegen ein gesundes neues Jahr ! zum Beitrag »
[28.12.2012, 16:12:14]
Dr. Boschidar Nikolow 
Eine Ausnahme sind allerdings die Ärzte: Sie haben die gesündesten Jobs überhaupt.
Wer dies geschrieben hat soll sich in Behandlung begeben - mehr ist dieser dümmste Kommentar, den ich je hörte, nicht wert ! zum Beitrag »
[28.12.2012, 14:04:25]
Dr. Friedrich H. Methfessel 
Statistik und absurde Schlussfolgerung
Zahn gezogen Donnerstag Nachmittag, nächsten Morgen Praxis.
Zahn-Wurzelkappung am Freitag, Montag Praxis.
Meniskusoperation am Mittwoch-Früh, noch am gleichen Abend Hausbesuch, nächster Tag Praxis -as usual.
Fuß-Operationen werden kurz vor Weihnachtsfeiertage durchgezogen. Damit bloß keine Ausfallszeiten.
So sieht die Wirklichkeit des Niedergelassenen (Einzelpraxis)aus.
Soll jetzt nicht meine Krankengeschichte sein, aber als
'Angestellter' hätten diese Eingriffe zusammengenommen gut 5-6 Wochen Krankschreibung verursacht. Und dann noch Reha!
Die üblichen Erkältungsinfekte, etc. unberücksichtigt. Wie soll ich Montag wegen fieberhaften Infekt denn die Praxis zu machen?
Das ist die Realität! zum Beitrag »
[28.12.2012, 11:24:52]
Dr. Elisabeth Schirrmacher 
Präsentismus
Wenn man aufgrund der AU Tage einen Arbeitsplatz als gesund einschätzt, hat man wohl nicht eingehend die Fachliteratur studiert. Stichwort Präsentismus.
Schon allein aufgrund der wenigen AU Tage zu schlussfolgern, dass die Ärzte die gesündesten Arbeitsplätze haben ist oberflächlich. zum Beitrag »

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