Ärzte Zeitung, 08.01.2013

Prävention

Ärzte werden zu Gesundheitsberatern

Das Jahr 2013 steht ganz im Zeichen der Prävention: Die schwarz-gelbe Koalition sieht die Ärzte bei der Nationalen Präventionsstrategie in einer zentralen Rolle.

Von Sunna Gieseke

Ärzte werden zu Gesundheitsberatern

Beratung in der Arztpraxis: Ärzte werden zu Präventionslotsen.

© Alexander Raths / fotolia.com

BERLIN. Weniger rauchen, gesünder ernähren, mehr bewegen - künftig sollen Ärzte ihren Patienten verstärkt auch Gesundheitsförderung anbieten.

Auf Basis der Empfehlung der Ärzte sollen die Patienten dann entsprechende Präventionskurse besuchen.

Auf diese Weise will die schwarz-gelbe Koalition den Volkskrankheiten wie Herzinfarkten, Schlaganfällen, Diabetes und Depression den Kampf ansagen.

Das geht aus einem 16-seitigen Eckpunktepapier zur Nationalen Präventionsstrategie hervor, auf das sich CDU, CSU und FDP geeinigt haben. Damit steht das Jahr 2013 ganz im Zeichen der Prävention.

Höhere Kassen-Zuschüsse für Kuren

Doch bereits heute können gesetzlich Versicherte ab dem 35. Lebensjahr alle zwei Jahre eine ärztliche Gesundheitsuntersuchung zur Früherkennung zum Beispiel von Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen sowie Diabetes in Anspruch nehmen.

Neu wird sein: Dieser sogenannte Check-up 35 soll auf primärpräventive Untersuchungen ausgeweitet werden. Ärzte sollen demnach künftig auch gesundheitliche Risiken und Belastungen ihrer Patienten erfassen und bewerten.

Darüber hinaus sollen die täglichen Zuschüsse der Kassen für Kuren von 13 auf 16 Euro, bei chronisch kranken Kleinkindern auf 25 Euro angehoben werden. Bislang wurden hier 21 Euro gezahlt.

Außerdem heißt es in diesem Jahr: Ärzte ab in die Schule - denn dort sollen Gruppenuntersuchungen auch für mehr Gesundheitsförderung stattfinden. Bislang untersuchen lediglich Zahnärzte regelmäßig die Kinder an den Schulen.

Vor allem will die Koalition damit Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund und bildungsfernen Schichten erreichen.

Zudem planen CDU, CSU und FDP die Altersgrenze für U-Untersuchungen von Kindern auf zehn Jahre anzuheben. Damit erhalten auch die Kinderärzte eine zentralere Rolle in der Prävention.

Vorsorge in Betrieben wird gestärkt

Ein Kernstück der geplanten Präventionsstrategie ist zudem die verstärkte Vorsorge in den Betrieben: Hier soll es künftig auch möglich sein- vorausgesetzt Betriebsrat, Unternehmensführung und Kassen einigen sich auf Präventionsprogramme-, dass Kassen niedrigere Gruppentarife anbieten.

Steuererleichterungen von 500 Euro pro Person im Jahr für Unternehmen mit effizienten Präventionsprogrammen können auch von kleineren Firmen abgerufen werden.

Zudem soll die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Öffentlichkeitsarbeit für die Präventionsstrategie organisieren mit dem Ziel, ein Umdenken in den Köpfen für gesunde Lebensweise herbeizuführen.

Ex-Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) hatte bereits vor mehr als zwei Jahren die Nationale Präventionsstrategie angekündigt. Sein Nachfolger und Parteikollege Daniel Bahr hatte diese Ankündigung erneuert: Prävention sollte ein "Leitmotiv" für die zweite Hälfte der Legislaturperiode werden.

Ob jedoch die Eckpunkte bereits alle im Jahr 2013 umgesetzt werden, bezweifelt vor allem die Opposition. Weitere gesetzliche Regelungen seien zwar zu erwarten, doch die Präventionsstrategie werde ein Langzeitprojekt bleiben, so die Opposition.

Arzt als Präventionslotse

Die Gesundheitsziele der Präventionsstrategie werden jedenfalls in diesem Jahr definiert. CDU-Politiker Jens Spahn plädiert dafür: "Wir wollen, dass konkrete Gesundheitsziele im Deutschen Bundestag beraten werden, etwa Diabetes zehn Prozent runter, psychische Erkrankung am Arbeitsplatz 20 Prozent runter."

Die Kassen würden verbindlich verpflichtet, diese Ziele umzusetzen. "Prävention muss raus aus den Sonntagsreden und rein in die Köpfe, bei Patienten, Kassen und Ärzten", so Spahn.

Die Diskussion um die Pläne der Koalition wird sich jedenfalls auch noch fortsetzen, denn bereits jetzt sind die Ansichten sehr kontrovers. CSU-Politiker Johannes Singhammer feierte die Eckpunkte als "Quantensprung für mehr Investition in Gesundheit statt in Therapie von Krankheiten".

Die Reaktionen der Opposition fielen nüchterner aus: "Der entscheidende Perspektivwechsel zum Ausbau von Gesundheitsförderung und Prävention bleibt aus", sagte Grünen-Politikerin Maria Klein-Schmeink der "Ärzte Zeitung".

SPD-Politikerin Carola Reimann kritisierte, dass es keine Stärkung der Settingansätze geben werde. Ohne Gesetz - da ist sich die Opposition einig - werden die Ziele der Koalition ohnehin verpuffen.

Ärzte begrüßten die Eckpunkte: "Die niedergelassenen Ärzte nehmen schon jetzt bei der Prävention eine entscheidende Stellung ein", sagte Regina Feldmann, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Sie sollten noch stärker die Rolle des Präventionslotsen übernehmen.

Der Vorschlag schmeckt den Kassen nicht: Eine Verengung auf eine ärztliche Verordnung sei ein "falscher Ansatz", sagte Gernot Kiefer, Vorstand des GKV-Spitzenverbandes. Prävention müsse viel früher beginnen und nicht erst dann, wenn jemand bereits krank ist.

Kassen müssen bald tiefer in die Tasche greifen

Bislang sind die Kassen dazu verpflichtet, gut zwei Euro pro Versicherten in Prävention zu investierten. Das soll sich laut Eckpunktepapier zur Nationalen Präventionsstrategie bald ändern: Die für Präventionsleistungen der Kassen vorgesehenen Mittel sollen künftig auf sechs Euro angehoben werden.

Die Kassen sollen nur noch wirksame Gesundheitsförderung bezahlen. Der GKV-Spitzenverband wird damit beauftragt, dafür ein Verfahren zur Qualitätssicherung aufzubauen.

Von den sechs Euro müssen mindestens zwei auf betriebliche Gesundheitsförderung entfallen und mindestens ein Euro auf Angebote in Schulen und anderen Lebensräumen. 50 Cent der sechs Euro sollen schließlich in die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung fließen: Sie soll zu einem Nationalen Zentrum für Prävention fortentwickelt werden.

[09.01.2013, 16:21:19]
Rudolf Hege 
Guter Vorsatz, wenn Handeln folgt
Prävention nicht nur als vorbeugende Gabe von Pharmaka verstanden, ist sicher ein wichtiger Faktor, gerade in einer älter werdenden Gesellschaft. Aber ernsthafte Gesundheitsberatung erfordert Zeit. Es reicht nicht, Patienten in drei Sätzen zu mehr Bewegung, besserer Ernährung und sonstigen gesunden Lebensstilen zu raten. Man muss sie begleiten, konkrete Umsetzung planen, "Ja, aber"-Bedenken ausräumen, für Fragen zur Verfügung stehen und durch Dokumentation von Erfolgen motivieren. All das benötigt in erster Linie Zeit. Und die wird derzeit nicht honoriert. Ohne ein entsprechendes Zeitbudget jedoch, bleiben solche politischen Lippenbekenntnisse nur heiße Luft. zum Beitrag »
[09.01.2013, 13:57:41]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Liefern statt Labern!
Gesundheits- und Krankheits(?)-Experten jeglicher parteipolitischer Couleur bilden offenkundig gemeinsam eine Schar von Sozialarbeitern bzw. Laienschauspielern, denen nur ein Motto gerecht wird: "Wie gut, dass wir darüber geredet haben!" Denn w e r mimt in Deutschland seit Jahrzehnten ebenso unermüdlich wie un(ter)bezahlt den Gesundheitsberater, den Präventionslotsen, den Check-up-35-Macker, die Schwangeren-, Kinder-, Impf- und Krebsvorsorge, den Präventiv-Endoskopiker, den betriebsärztlichen Aufpasser und Sozialhygieniker, den Mammografiezirkus und nicht zuletzt das Kasperle-Theater zur Motivation gegen Rauchen, Alkoholabusus, Adipositas, metabolisches Syndrom, Bewegungsmangel und Drogenmissbrauch bei unseren Patienten?

Ärztinnen und Ärzte und Deutschland werden abrechnungstechnisch bestraft, wenn sie ernsthaft falsche Ernährungsgewohnheiten, Alkoholmissbrauch, Nikotin- und Drogenabhängigkeit oder Bewegungsmangel im Rahmen ihres Regelleistungsvolumens (RLV) mit bekämpfen wollen. Der Check-up 35 wurde vor fast 15 Jahren massiv eingeschränkt: Kreatinin und (fakultatives) EKG fielen dem Rotstift zum Opfer, statt den Untersuchungsumfang um HDL-Cholesterin, TSH, GGT, KREA, BB und CRP zielführend zu erweitern. Wenn allerdings behauptet wird, der "Check-up 35 soll auf primärpräventive Untersuchungen ausgeweitet werden - Ärzte sollen demnach künftig auch gesundheitliche Risiken und Belastungen ihrer Patienten erfassen und bewerten", steht für mich fest: Die das allen Ernstes fordern, haben noch nie einen "Berichtsvordruck Gesundheitsuntersuchung" Muster 30 (1.2009) in der Hand gehabt, geschweige denn verstanden. Genau diese Punkte werden seit Jahrzehnten im Berichtsbogen ärztlicherseits erfasst. Sie sind allerdings weder von KBV, BÄK oder GKV-Kassen jemals wissenschaftlich ausgewertet worden.

Primär- und Sekundärprävention sollte tatsächlich in aller Munde sein. Doch der vom CDU-Politiker Jens Spahn propagierte Satz "Prävention muss raus aus den Sonntagsreden und rein in die Köpfe, bei Patienten, Kassen und Ärzten" verwechselt die Adressaten: Die Prävention muss raus aus s e i n e n Sonntagsreden und hinein in Medien, Politik, Öffentlichkeit, Patienten und Kassen. Ärztinnen und Ärzte haben Prävention schon seit Jahrzehnten in aktives Handeln, Vorsorge, Früherkennung und medizinisch begründete Aktionen umgesetzt. Patienten und Politiker müssen nur noch folgen. Liefern statt Labern!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[09.01.2013, 10:44:06]
Dr. Ralf Schrader 
Fachleute
>CDU-Politiker Jens Spahn plädiert dafür: "Wir wollen, dass konkrete Gesundheitsziele im Deutschen Bundestag beraten werden, etwa Diabetes zehn Prozent runter, psychische Erkrankung am Arbeitsplatz 20 Prozent runter."

Die Kassen würden verbindlich verpflichtet, diese Ziele umzusetzen. "Prävention muss raus aus den Sonntagsreden und rein in die Köpfe, bei Patienten, Kassen und Ärzten", so Spahn.

Die Diskussion um die Pläne der Koalition wird sich jedenfalls auch noch fortsetzen, denn bereits jetzt sind die Ansichten sehr kontrovers. CSU-Politiker Johannes Singhammer feierte die Eckpunkte als "Quantensprung für mehr Investition in Gesundheit statt in Therapie von Krankheiten".<

Ich vermute, die Herren wissen nicht wirklich, was die Begriffe 'Gesundheit', 'Krankheit' und 'Prävention' bedeuten. So etwas will regieren! zum Beitrag »
Weitere Beiträge zur Serie:
"Ausblick 2013"
Teil 9: Harninkontinenz



Teil 8: Pflege




Teil 7: Hygiene in der Praxis



Teil 6: Schmerzen




Teil 5: Demenz



Teil 4: COPD



Teil 3: Sexualität



Teil 2: Prävention


Teil 1: Unisex-Tarife








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