Ärzte Zeitung, 06.03.2013

Ungleich

Hartz IV-Kinder haben schlechtere Gesundheitschancen

Jedes siebte Kind in Deutschland lebte 2011 in Hartz-IV-Haushalten. Diese Kinder haben nachweislich ihr Leben lang schlechtere Gesundheitschancen, hieß es auf dem Berliner Kongress "Armut und Gesundheit". Ärzte könnten mithelfen, das zu ändern.

Von Angela Mißlbeck

Stärkeres Bewusstsein für ungleiche Gesundheitschancen

Rund 1,6 Millionen Kinder leben in Deutschland in Hartz-IV-Haushalten. Ihre Gesundheitschancen stehen schlechter.

© Rose

BERLIN. Rund 1,6 Millionen Kinder in Deutschland lebten 2011 in Hartz-IV-Haushalten. Das ist jedes siebte Kind.

Diese Kinder haben nachweislich ihr Leben lang schlechtere Gesundheitschancen. Darauf weist Professor Rolf Rosenbrock, der Vorsitzende des Paritätischen Gesamtverbandes und ehemalige Gesundheitssachverständige, hin.

Scharfe Kritik übt er in diesem Zusammenhang am Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Der Umgang mit den Daten sei ein "lächerliches Geschäft", sagte Rosenbrock beim 18. Kongress "Armut und Gesundheit" am Mittwoch in Berlin.

"Armut und Gesundheit bleibt ein brennendes Thema", so Rosenbrock weiter. Die Fakten lägen auf dem Tisch.

"Da kann die schwarz-gelbe Bundesregierung Zahlen unterdrücken, wo sie will - die Bundesbehörden produzieren diese Daten. Sie sind öffentlich zugänglich", sagte der Präventionsexperte, der als Vorsitzender des Vereins Gesundheit Berlin-Brandenburg Veranstalter des mit rund 2000 Teilnehmern bundesweit größten Public-Health-Kongresses ist.

44 Kommunen wirken mit

Positiv bewertet Rosenbrock, dass auf der Praxisebene ein breites Bewusstsein für die soziale Ungleichheit von Gesundheitschancen gewachsen ist. "Das ist heute ein Riesenthema", sagte er.

Als Erfolg betrachtet er den Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit, den die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) als Unterstützerin des Kongresses 2003 gegründet hat.

Vor allem der in diesem Rahmen gestartete sogenannte Kommunale Partnerprozess "Gesund aufwachsen für alle" sei ein direktes Kind des Kongresses "Armut und Gesundheit".

44 Kommunen wirken an dem Ende 2011 gestarteten Projekt derzeit mit, 70 weitere haben Interesse angemeldet. Sie verpflichten sich, Angebote so zu vernetzen, dass sie den Bedürfnissen der Betroffenen entsprechen und leichter zugänglich werden.

Ärzte als Wegweiser

Das ist nicht einfach, wenn viele Netzwerke parallel bestehen. "Die Herausforderung ist das Netzwerkmanagement", sagte Christoph Gilles, Leiter der Koordinierungsstelle Kinderarmut beim Jugendamt des Landschaftsverbunds Rheinland.

"Präventionsketten müssen Eltern und Kindern ermöglichen, dass sie schneller und einfacher finden, was sie brauchen", so Gilles weiter.

Dabei spielen Ärzte eine wichtige Rolle. So müsse zum Beispiel die Kinderärztin bei der Schuleingangsuntersuchung informiert sein, an welche Unterstützungs- und Hilfeangebote sie Eltern bei Problemen verweisen kann. Aber auch auf die niedergelassenen Kinderärzte kommt es an.

"Ärzte haben eine entscheidende Wegweiserfunktion in das Hilfesystem", sagte Gilles. Er wies aber auch darauf hin, dass sie diese Funktion praktisch ehrenamtlich übernehmen.

Psychosoziale Komponente in Voruntersuchung von Kindern aufnehmen

Mit Blick auf die kinderärztliche Prävention unterstützt Rosenbrock die Forderung der Kinderärzte, die Vorsorgeuntersuchungen für Kinder um eine psychosoziale Komponente zu erweitern.

Allerdings müssten Kinderärzte dann auch nachweisen, dass sie zur Gesundheitsberatung qualifiziert sind, fordert er.

Eine "Nullnummer" ist aus seiner Sicht der Entwurf für ein Präventionsgesetz aus dem Bundesgesundheitsministerium. Das Ministerium sei in dieser Sache "beratungsresistent", die Akteure "maßlos enttäuscht."

Der Entwurf sei "fachlich so unterirdisch schlecht, dass man sich schämt, womit man da abgespeist werden soll", sagte Rosenbrock. Er hofft nun auf die nächste Legislaturperiode im Bundestag.

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