Ärzte Zeitung, 20.03.2013

Experte kritisiert

Ärzte für Gesundheitsberatung ungeeignet

Ärzte sollen künftig als Präventionslotsen dienen, heißt es im Entwurf des Präventionsgesetzes. Für Gesundheitsberatung sind sie meist nicht geeignet, findet hingegen Professor Rolf Rosenbrock.

Experten kritisieren Entwurf

Professor Rolf Rosenbrock vom Paritätischen Gesamtverband.

© Der Paritätische Gesamtverband

BERLIN. Ärzte sind meist nicht für die Gesundheitsberatung ausgebildet, sagt Professor Rolf Rosenbrock vom Paritätischen Gesamtverband. Er bezieht sich auf das Vorhaben der Bundesregierung, Ärzte als Präventionslotsen einzusetzen.

"Ärzte haben in der Regel weder Einblick in die Gründe, die Menschen an gesundheitsförderlichem Verhalten hindern, noch verfügen sie über Interventionsmöglichkeiten, die Gründe zu überwinden", so Rosenbrock der "Ärzte Zeitung".

Zudem sei die Wirksamkeit von Kursangeboten von Kassen für sozial Benachteiligte kaum belegt.

"Inhaltlich hilflos"

Ähnlich sieht es Dr. Ellis Huber, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Präventologen. Er bezeichnete den Entwurf als "inhaltlich hilflos".

Es brauche flächendeckend gesundheitsfördernde Verhältnisse. Prävention funktioniere aber nicht ohne Ärzte. Für Ärzte gebe es ein Curriculum der BÄK, mit dem sie sich für die Beratung zur Gesundheitsförderung qualifizieren könnten.

"Es könnten aber auch Arzthelferinnen für die Präventionsberatung weitergebildet werden", sagte Huber.

Gesundes Verhalten von Migranten fördern

"Die Arztpraxis ist der richtige Ort, um präventionsferne Bevölkerungsschichten zu erreichen", kontert dagegen Rudolf Henke, Vorsitzender des Präventionsausschusses der BÄK. Ärzte hätten ein gutes Verständnis der belastenden Faktoren im Leben ihrer Patienten.

Sie nicht mehr auf Diagnose und Behandlung von Krankheiten zu beschränken, sei daher "konsequent".

Mit dem Präventionsgesetz soll auch bei sozial benachteiligten Gruppen wie Arbeitslosen oder Migranten gesundes Verhalten gefördert werden. Dazu sollen Ärzte sie in Präventionsangebote der Kassen vermitteln.

In die Prävention im sozialen Umfeld soll auch mehr Geld fließen - ein Euro pro Jahr und Versichertem. Trotz Kritik der Opposition ist Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) "zuversichtlich", dass das Gesetz den von SPD und Grünen dominierten Bundesrat passiert. (jvb)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Ein Euro ist zu wenig

[20.03.2013, 18:47:42]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Präventionswirrwarr als neuer Extremsport?
Da kommt Hektik in empirischer Sozialforschung, Soziologie, Präventologie, Gesundheitsberatung, Sozialpsychologie, Sozialpädagogik, Sozial- und Psychotherapie, Sozialmedizin und Medizinsoziologie auf. Öffentlicher Diskurs und Politik jeglicher Couleur hangeln in Extrempositionen vom niedrigschwelligen Präventionslotsen, der bildungsferne Bevölkerungsschichten erreichen soll, bis zum sozialtherapeutisch motivierenden Umerziehungslager bei fortgeschrittener Präventionsresistenz.

Es ist wie beim trendigen Klettersport: Der Weg ist das Ziel! Wer mit Eleganz, Kraft, Ausdauer, Geschicklichkeit u n d Intelligenz seinen Kurs o h n e Sturz an der Steilwand meistert, gewinnt das Championat. Zugleich wird bei Manchen verbissen mit Training, Leistungssteigerung, Taktik, aber auch mit "falschen Fährten", Haken und Ösen gearbeitet.

Ähnliches geschieht in der Präventionsdebatte: Ärztinnen und Ärzte sind primär ausgebildete Experten für K r a n k h e i t e n. Dies sind äußerst konservativ geschätzt 30-40 Tausend Krankheitsentitäten mit pathophysiologischen Vorgängen, die erst mal anamnestisch erfragt, untersucht, differentialdiagnostisch abgeklärt u n d differenziert therapiert werden wollen. Dass Gesundheitsförderung, Primärprävention, Früherkennung und Sekundärprävention hinzukommen sollen, ist ein relativ junger Wissenschafts-, Forschungs- und Anwendungszweig, der mit erweiterter Wissenschaftstheorie in postmodernen Industrie- und Wissensgesellschaften zu tun hat.

Wenn Professor Rolf Rosenbrock, früher Wissenschaftszentrum Berlin und jetziger Vorstand des Paritätischen Gesamtverbands, Ärzte für Gesundheitsberatung meist n i c h t geeignet hält, muss er sich als Sozialwissenschaftler und empirischer Sozialforscher fragen lassen, wer denn s o n s t den Präventionslotsen mimen sollte? Denn wer, außer Vertragsärzten/-innen mit hausärztlichen Schwerpunktpraxen, erreicht und versorgt in Sozialen Brennpunkten und Randbereichen der Gesellschaft Sozialhilfeempfänger, Menschen in prekären Lebensverhältnissen oder mit Migrationshintergrund, mit niedrigem soziokulturellen Status bzw. fehlendem Krankheits- und Gesundheitsbewusstsein. Diese kommen wenigstens als Patienten in unsere Praxen, während aufsuchende Sozialarbeiter, gemeindenahe Sozialpsychiatrie, Gesundheitsämter, Krankenkassen und Behörden schon längst aufgegeben haben. Aber selbst Menschen o h n e sozialpsychologische Teilhabeeinschränkungen steuern durch Fehl-/Überflussernährung, Adipositas, Alkohol-/Nikotinabusus, kognitive Defizite, Bewegungsmangel und metabolisches Syndrom scheinbar unaufhaltsam auf k r a n k h e i t s f ö r d e r n d e Krisensituationen zu.

In der angewandten Sozialwissenschaft sind Motivation, positive Verstärkung und Belohnung statt Deprivation anerkannte Systeme von bessernden Verhaltensmodifikationen. Hausärztliche Allgemeinärzte und Internisten sollen als Präventionslotsen eher koordinieren, delegieren und organisieren. Erreichen dann präventionsgestimmte und -gewillte Individuen die abweisenden Glaspaläste ihrer Krankenkassen aus Beton, Stahl, Klimaanlage bzw. die muffigen Büros der Sozial- und Gesundheitsbehörden, wird ihr positives Denken sogleich ad absurdum geführt.

Wie perfekt passt dazu die Vorstellung von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), sekundiert von einer ahnungslosen Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Vertragsärzten solle durch die E r w e i t e r u n g des "Check-up 35" auf a l l e Versicherte und z u s ä t z l i c h e Gesundheitsuntersuchungen aller Kinder bis zum Alter von zehn Jahren k e i n zusätzlicher Aufwand entstehen? Und sie sollten für diese Herkulesaufgabe auch n i c h t mehr Geld bekommen?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Mauterndorf/A)
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Hohes Sterberisiko bei Ausbruch in der Adoleszenz

Wenn sich Typ-1-Diabetes in einem besonders vulnerablen Alter manifestiert, brauchen Betroffene viel Aufmerksamkeit. Sie haben ein hohes Risiko, an Komplikationen zu sterben. mehr »

100 Prozent Zustimmung

Die KBV-Vertreterversammlung präsentiert sich in neuer Einigkeit und richtet die Speere – wieder – nach außen. Klare Kante gegenüber dem Gesetzgeber und den Krankenhäusern. "Wir sind auf Kurs", meldete KBV-Chef Gassen. mehr »

Herz-Kreislauf-Risiko von Anfang an im Blick behalten!

Bei RA-Patienten sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die wichtigste Todesursache. Die aktuellen Therapiealgorithmen zielen nicht zuletzt darauf ab, die Steroidexposition zu begrenzen. mehr »