Ärzte Zeitung, 30.05.2013

Gesundheit und Armut

Ärzte brauchen Hilfe von der Politik

Wer arm ist, stirbt früher. Das ist kein Thema, mit dem sich Politiker in Wahljahren gerne beschäftigen. Der Ärztetag hingegen zeigt Flagge, nennt unbequeme Wahrheiten und erläutert, wie Ärzte handeln können.

Von Christoph Fuhr

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Klares Signal: Der Ärztetag sieht Handlungsbedarf beim Thema Armut.

© Preuss

BERLIN. Es mangelt bei Ärzten nicht an guten Ideen und konkreten Konzepten, um sich offensiv einem Problem zu stellen, das von der Politik zuweilen arg vernachlässigt wird:. Es geht um Chancengleichheit und eine bessere Gesundheitsversorgung für sozial benachteiligte Menschen.

Wer wenig verdient, lebt kürzer als sein Nachbar, der Monat für Monat deutlich mehr Euro auf seinem Gehaltskonto hat.

Das ist traurige Wahrheit - und doch nur einen Facette eines vielschichtigen Themas, das sich mit Menschen beschäftigt, die zu den Verlierern in der deutschen Wohlstandsgesellschaft gehören.

In einem Entschließungsantrag haben die Ärztetagsdelegierten in Hannover deutlich gemacht, dass Ärzte auf wachsende Widersprüche reagieren und gesundheitliche Auswirkungen von Armut stärker in den Fokus rücken werden.

Aktiv wollen sie dazu beitragen, dass Benachteiligung abgebaut und der Zugang zum Versorgungssystem verbessert wird. Zugleich stellten sie klar, dass dabei ihre eigenen Handlungsoptionen nicht grenzenlos sind. "Wir können als Ärzte nicht das Problem der Armut lösen" hieß es bei der Diskussion.

Hilfe für Wohnungslose

Was muss passieren? Der Ärztetag hat einen differenzierten Forderungskatalog formuliert. Dazu gehört zum Beispiel auch der Aufbau von professionelleren Kommunikationsstrukturen: Schwangere Frauen etwa, die im besonderen Maße psychisch belastet sind, sollen besser und überzeugender motiviert werden, Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen.

Handlungsbedarf sehen die Ärzte auch bei Erwachsenen: Langzeitarbeitslose sollten mehr medizinische Vorsorgeangebote bekommen. Darüber hinaus sei der Aufbau eines flächendeckenden Netzes medizinischer Hilfe für Wohnungslose dringend erforderlich, heißt es in der Entschließung..

"Wir haben als Ärzteschaft einen sozialmedizinischen Auftrag" sagte der nordrheinische Kammerpräsident Dr. Rudolf Henke.

BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery stellte klar, dass Ärzte sozial Benachteiligte beim Erkennen von Belastungsfaktoren und der Erschließung von Hilfsangeboten unterstützen können. "Alleine lösen können wir das Problem aber nicht." sagte er.

Der Ärztetag hat Handlungsbereitschaft gezeigt - jetzt liegt es auch an der Politik, ihre Hausaufgaben zu machen. "Wir brauchen frühzeitige Hilfe durch Sozialarbeiter, Kindererzieher und Lehrer", sagte Montgomery.

Dies setze aber einen Wandel voraus, zum Beispiel in der Jugend- und Bildungspolitik und in der kommunalen Jugendbetreuung.

Lebenserwartung in Glasgow: 28 Jahre Differenz

Gesundheitliche Ungleichheit gibt es in den meisten Industrieländern - mit extremen Auswirkungen.

Im Glasgower Problemstadtteil Calton haben Männer eine Lebenserwartung von 54 Jahren - genau so hoch wie in der Demokratischen Republik Kongo.

Im Nobelstadtteil Lenzie hingegen - von Calton mit dem Auto kaum mehr als 18 Minuten entfernt - liegt die Lebenserwartung laut WHO-Daten von 2008 bei 82 Jahren. Eine Differenz von 28 Jahren - und das in derselben Stadt.

Professor Olaf von dem Knesebeck vom Institut für Medizinische Soziologie, Sozialmedizin und Gesundheitsökonomie am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE), hat diese Zahlen bei der Debatte um Armut und Gesundheit auf dem Ärztetag genannt.

Sie zeigen: In den allermeisten Ländern gibt es gesundheitliche Ungleichheiten, es gibt sie in einzelnen Regionen, und manchmal werden sie sogar auf der Ebene von Städten und Stadtteilen deutlich.

Gesundheitliche Ungleichheit, so von dem Knesebeck weiter, lasse sich in allen Lebensphasen zeigen, vom Beginn des Lebens bis ins hohe Alter.

Sie wird beobachtet, seit es verfügbare Daten gibt und konnte in allen industrialisierten Ländern nachgewiesen werden -- wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Und: diese Ungleichheit hat sich in den vergangenen Jahren nach von dem Knesebeck eher vergrößert.

Ungleichheiten lassen sich mit Blick auf die medizinische Versorgung beim Zugang, in der Nutzung und in der Qualität beobachten - und das in unterschiedlicher Versorgungsbereichen, erläuterte er.

"Am häufigsten sind diese Ungleichheiten bei der Inanspruchnahme - vor allem im Bereich der Prävention - dokumentiert, seltener beim Zugang, noch seltener im Bereich der Qualität, so der Wissenschaftler.

Aber wie können Ärzte sich dem Problem stellen? Medizinsoziologe Knesebeck rät ihnen, sich im Bereich der Prävention und der Gesundheitsförderung verstärkt zu engagieren. Der Themenkomplex hat aus seiner Sicht einen extrem hohen Stellenwert.

"Die Reduzierung gesundheitlicher Ungleichheit - dazu gehören auch Auswirkungen von Armut - ist eine zentrale politische und gesellschaftliche Aufgabe", sagte er.

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