Ärzte Zeitung online, 30.12.2013

Nutzen oder Schaden

IQWiG-Chef stellt Vorsorgen infrage

Ein Check-up hier, Hautkrebs- und Prostata-Screening da - Vorsorgeuntersuchungen sind mittlerweile Alltag für die Deutschen. Jetzt stellt der Chef des IQWiG den Sinn der Angebote infrage - und verweist auf den Geldbeutel der Ärzte.

IQWiG-Chef stellt Vorsorgen infrage

Will nüchtern über Früherkennungsuntersuchungen debattieren: IQWiG-Chef Professor Jürgen Windeler.

© Jörg Carstensen / dpa

BERLIN. Der Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat Sinn und Zweck von Früherkennungsuntersuchungen infrage gestellt.

Unter wissenschaftlichen Kriterien seien "zumindest die Tastuntersuchung nach Prostatakrebs, der regelmäßige allgemeine Check-up und das Hautkrebsscreening fragwürdig", sagte Professor Jürgen Windeler der Samstagsausgabe der "Berliner Zeitung".

Auch das Ziel von Vorsorgeuntersuchungen, nämlich Krankheiten frühzeitig zu erkennen, stellte er indirekt infrage: "Tut sie (die Untersuchung, Anm. d. Red.) das tatsächlich?", fragte er in dem Interview rhetorisch.

Der Arzt und Biometriker Windeler ist seit 2010 Chef des IQWiG. Zuvor war er Leitender Arzt des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS).

Windeler bezeichnete Früherkennungsuntersuchungen als "heikles Thema". Einerseits seien sie in der Bevölkerung "enorm positiv besetzt", andererseits müsse man sich "im Klaren sein, dass es hier auch Nachteile und handfeste ökonomische Interessen gibt".

Als Beispiel nannte er die Pädiatrie: "Wenn Kinderärzte dringend eine weitere Vorsorgeuntersuchung fordern, dann wollen sie damit auch erreichen, dass mehr Kinder in die Praxis kommen", sagte der Institutschef. Über "Sinn und Zweck dieser Untersuchungen" müsse eine "nüchterne Debatte" geführt werden.

Auch würde den Versicherten "mit einigen Kampagnen ja geradezu ein schlechtes Gewissen eingeredet", wenn sie Vorsorgeuntersuchungen nicht in Anspruch nähmen. Windeler: "Dabei wäre es wichtig, dass über Vor- und Nachteile nüchtern und umfassend informiert wird."

Grundsätzlich wollte Windeler Früherkennungsmaßnahmen aber nicht ihren Nutzen absprechen. "Man kann zwar sagen, dass die meisten dieser Untersuchungen, die von den Kassen angeboten werden, gut geprüft sind."

Allerdings lägen Nutzen und Schaden "so dicht beieinander", dass Patienten sorgfältig und in Ruhe abwägen sollten. "Es ist immer eine individuelle Entscheidung. Da ist kein Platz für Kampagnen oder offiziöse Empfehlungen", so Windeler weiter.

Konkret begründete er seine Warnung nicht. Andere Kritiker argumentieren aber immer wieder, dass es bei Vorsorgeuntersuchen auch zu Fehldiagnosen und schlimmstenfalls unnötigen Operationen komme, sich die Gesundheitskosten langfristig aber nicht senken ließen.

Das Bundesgesundheitsministerium verwies am Samstag darauf, dass der GBA entscheidet, welche Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden. Dies geschehe auf wissenschaftlicher Grundlage.

Ein Sprecher des GKV-Spitzenverbandes sagte der Nachrichtenagentur dpa, der Leistungskatalog der Kassen umfasse ein breites Spektrum an Vorsorgeuntersuchungen. "Das Problem bei vielen darüber hinausgehenden Zusatzleistungen von Ärzten ist, dass sie mehr dem Portemonnaie des Arztes dienen als der Gesundheit des Patienten." (nös)

Mit Material von dpa

[31.12.2013, 13:07:10]
Dr. Wolfram Hartmann 
Vorsorgen für Kinder und Jugendliche haben sich seit nunmehr 42 Jahren bewährt
Die Vorsorgeuntersuchungen für Kinder und Jugendliche haben sich bewährt und sichern gesundes Aufwachsen in vielerlei Hinsicht. Wir Kinder- und Jugendärzte übernehmen heute zahlreiche Aufgaben, die früher der ÖGD im Rahmen der Gesundheitsfürsorge wahrgenommen hat. Im europäischen Ausland beneidet man uns um unser Kindervorsorgeprogramm, das allerdings inhaltlich gründlich überholt werden muss. Vorschläge und Konzepte dazu haben wir bereits vor Jahren erarbeitet und bieten sie im Rahmen von Selektivverträgen an. Unsere Durchimpfungsraten wären wesentlich schlechter, gäbe es diese Untersuchungen nicht. Die Akzeptanz bei den Eltern spricht eine klare Sprache. Kein Vorsorgeprogramm mit Ausnahme der Schwangerenvorsorge erreicht eine so hohe Akzeptanz wie das Vorsorgeprogramm für Kinder. Bei Jugendlichen besteht noch ein Nachholbedarf. Bei der J1 z.B. haben ca. 60 % der Jugendlichen einen behandlungs- bzw. beratungsbedürftigen Befund, oft auch mehrere Befunde, die ohne die Untersuchung nicht entdeckt worden wären. Kinder- und Jugendärzte sind durchaus bereit, die Items dieser Untersuchungen wissenschaftlich zu evaluieren. Seit Jahren bemühen wir uns um eine Finanzierung einer solchen Evaluation. Weder Krankenkassen, noch BMG noch BMF sind bereit, ein solches Forschungsvorhaben zu finanzieren. Auch die BÄK hat unseren Antrag auf Forschungsgelder abgelehnt.
Eine Expertise der Charite hat im Auftrag des BMG im Jahr 2010 festgestellt, dass im Grundschulalter ein Lückenschluss bei diesen Untersuchungen erforderlich ist.
Ich freue mich, wenn das IQUiG Gelder bereitstellt, um die Inhalte der Kinderfrüherkennungsuntersuchungen wissenschaftlich zu evaluieren. Wir Kinder- und Jugendärzte bieten jede Unterstützung dabei an.
Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Mielenforster Str. 2, 51069 Köln zum Beitrag »
[30.12.2013, 20:57:55]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Habe nun, ach! Medizin und Biometrie, ...
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor!" möchte man dem IQWiG-Chef Professor Dr. med. Jürgen Windeler zuschreiben.

Doch semantisch, text- und subtextanalytisch ist der IQWiG-Kollege der Deutschen Sprache - wie leider viele Ärzte - kaum mächtig. Eine seiner Antworten aus dem Interview der BERLINER ZEITUNG (BZ) mit dem bezeichnenden Titel: IQWIG-LEITER JÜRGEN WINDELER - „Wir kennen die Tricks der Pharmaindustrie“ ist nämlich: "Auf der einen Seite sind Früherkennungsuntersuchungen in der Bevölkerung enorm positiv besetzt. Wer will es schon versäumen, Krankheiten rechtzeitig vorzubeugen?"

Schon Schulkinder wissen, dass man mit "Krankheiten rechtzeitig vorzubeugen" im Sinne von V o r s o r g e eher die E n t s t e h u n g von Krankheiten überhaupt verhindern will. Dagegen stellen Früherkennungsuntersuchungen die F r ü h d i a g n o s e von bereits präformierten Morbiditäten dar. Wer das nicht begreifen und unterscheiden will, hat wissenschafts- und erkenntnistheoretisch kaum ausreichende analytische Kompetenz.

Wer, wie Prof. Windeler, pädiatrisch krude postuliert: "Wenn Kinderärzte dringend eine weitere Vorsorgeuntersuchung fordern, dann wollen sie damit auch erreichen, dass mehr Kinder in die Praxis kommen", übersieht, dass gerade Kinder mit den s c h l e c h t e s t e n bio-psycho-sozialen Voraussetzungen und mit den h ö c h s t e n Krankheitsrisiken eine pädiatrische Praxis kaum von innen sehen. Und gerade im e r s t e n Lebensjahrzehnt sind die Möglichkeiten einer echten p r i m ä r-präventiven Krankheitsverhinderung durch Vorsorge wesentlich größer als die "Früherkennung" beim 60-jährigen intermittierend Alkohol-intoxikierten Kettenraucher mit Adipositas, Muskelschwund, Diabetes, Hyperurikämie und hypertensiver Herzkrankheit. Dort sind in der Tat nur noch "Späterkennungs"-Untersuchungen möglich.

Windelers knappe Antwort "Gar keine" auf die Frage: "Welche der übrigen Vorsorgeuntersuchungen würden Sie empfehlen?" ist u. a. deshalb aufschlussreich, weil dem BZ-Interviewer Timot Szent-Ivanyi s e l b s t gar nicht klar war, dass er eigentlich nach klassischen Früherkennungsuntersuchungen gefragt hatte.

Bezeichnender Weise blieb die kombinierte Darmkrebsfrühdiagnostik und -Prävention in Form der präventiven Koloskopie und Polypektomie präkanzeröser Stadien o h n e Krankheitsanlass mit 55 und 65 Jahren ausgespart. Denn hier gibt es internationale Studien, die einen Rückgang von Morbidität u n d Mortalität belegen.

Stutzig machen auch die paradoxen Aussagen Windelers im Trend von lieber "undertreated" als "overdiagnosed", wenn gefordert wird, "dass über Vor- und Nachteile nüchtern und umfassend informiert wird."

Auch O. Wegwarth und der vielzitierte G. Gigerenzer vom Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin zeigen Medizinferne und Bildungslücken bei Mammografie und PSA-Tests: Dramatisierende Aufklärung über "Overdiagnosis"-Risiken macht bei n e g a t i v e m Screening-Ergebnis keinen Sinn: Der Behandlungsfall ist mit dem sehr häufigen Normalbefund bei der Früherkennung für Arzt und Patient abgeschlossen. Dieselben Bildungsforscher hatten übrigens bei rein retrospektiver online-Befragung von 317 US-Amerikanern zwischen 50 und 69 Jahren nicht mal so viel gastroenterologisches Halbwissen, dass eine "Sigmoidoskopie" eine inadäquate Darm-Krebsvorsorge und Früherkennungsmaßnahme ist, weil das ganze Colon damit ausgespart bleibt (vgl. Odette Wegwarth, Ph.D., and Gerd Gigerenzer, Ph.D. JAMA Intern Med. Published online October 21, 2013. doi:10.1001/jamainternmed.2013.10363).

Prof. Windeler kommt mir in etwa so hilflos vor, wie ein Sozialarbeiter ohne Armbanduhr, der im Jugendzentrum nach der Uhrzeit gefragt, nur noch sagen kann: "Keine Ahnung, aber iss gut, dass wir darüber gesprochen haben."

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »