Ärzte Zeitung online, 04.02.2014

Hautkrebs

Hausärzte sind Screening-Meister

Die Diagnose "Hautkrebs" erreicht neue Höchststände in Deutschland. Ganz vorne mit dabei beim Screening sind Allgemeinmediziner. Eine neue Analyse der Barmer GEK zeigt aber auch: In Deutschland gibt es eine Screening-Diaspora.

Von Anno Fricke

Melanom - immer mehr Diagnosen werden hierzulande gestellt. © Getty Images/iStockphoto

Melanom - immer mehr Diagnosen werden hierzulande gestellt.

© Getty Images/iStockphoto

BERLIN. Hausärzte spielen im Kampf gegen Hautkrebs eine herausragende Rolle. Von den 7,55 Millionen Screening-Untersuchungen im Jahr 2012 fanden knapp 4,2 Millionen in Hausarztpraxen statt, der Rest bei den Dermatologen.

Und: In den Bundesländern werden die Screening-Programme unterschiedlich stark genutzt, wie Hochrechnungen der Barmer GEK zeigen, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurden. Auf der Basis der aktuell betrachteten Daten könne ein Effekt der Screenings allerdings nicht nachgewiesen werden, sagte Dr. Thomas Grobe, einer der Autoren der Untersuchung.

Dennoch steht das Screening nicht zur Disposition. "Über die Hausärzte erreichen wir breite Schichten für die Hautkrebsvorsorge", sagte Barmer GEK-Vize Dr. Rolf-Ulrich Schlenker bei der Vorstellung des Barmer GEK Arztreports 2014 am Dienstag in Berlin. Im Vergleich zu anderen Screenings sei die Gefahr für falsch-positive Diagnosen dabei am geringsten.

"Wir brauchen ein niedrigschwelliges Angebot für das Screening", ergänzte Professor Joachim Szecsenyi, Leiter des Aqua-Instituts in Göttingen und einer der Autoren der Studie. Allerdings seien die Teilnehmerraten von knapp 31 Prozent aller zugelassenen Versicherten nicht zufriedenstellend.

Mindestens 70 Prozent sollten erreicht werden. Dass nach einem Screening bei einem Dermatologen mehr Hautkrebs-Diagnosen gestellt würden als bei Hausärzten (rund zehn gegenüber drei) sehen die Autoren der Studie maßgeblich als Folge einer Betreuung typischer Risikopatienten durch die Fachärzte.

Screening-Diaspora im Osten

Um das Ziel einer möglichst hohen Teilnehmerrate zu erreichen, sollten alle Versicherten einen Anspruch auf eine Untersuchung der Haut alle zwei Jahre erhalten, auch die unter 35-Jährigen, forderte Schlenker. Es gibt dafür aber noch einen weiteren Grund: In der Liste der Neuerkrankten des Jahres 2012 finden sich auch rund 50.000 jüngere Menschen.

Auffällig häufig haben Ärzte maligne Melanome zum Beispiel bei jüngeren Frauen Mitte 40 festgestellt, berichteten die Autoren der Studie. Über die Gründe könne bislang nur spekuliert werden.

Maligne Melanome und heller Hautkrebs sind nach einer Auswertung der Kassendaten in Deutschland auf dem Vormarsch und haben 2012 einen Höchststand erreicht. Gut 1,6 Millionen bösartige Neubildungen der Haut haben die Statistiker im Jahr 2012 verzeichnet.

318.000 Menschen haben die Diagnose "malignes Melanom" erhalten. 3000 Menschen sind daran gestorben. Weiter verbreitet ist der helle Hautkrebs mit 1,3 Diagnosen in 2012. Im Vergleich zu 2005 ist die Diagnosehäufigkeit damit um 60 und knapp 80 Prozent gestiegenEin Grund dafür ist das 2008 eingeführte Screening.

Die Auswertung der Barmer GEK zeigt aber auch: Drei der neuen Bundesländer bilden die Screening-Diaspora Deutschlands. Aus Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen werden die geringsten Teilnehmerzahlen an Hautkrebs-Vorsorgeuntersuchungen gemeldet (siehe Grafik).

Mit jeweils unter 25 Prozent aller Versicherten, die über 35 Jahre alt sind, liegen sie um die zehn Prozent niedriger als die Screening-Raten bei den Spitzenreitern in Nordrhein-Westfalen (24,9 Prozent) und Niedersachsen (33,7 Prozent). Das geht aus dem Arztreport 2014 der Barmer GEK hervor, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

Weniger Screenings im Osten

Vor allem die Hausärzte in den genannten Flächenländern rechnen signifikant weniger oft Hautkrebs-Vorsorgeuntersuchungen ab als ihre Kollegen in anderen Bundesländern. Während Hausärzte bundesweit für rund 19 Prozent aller Screenings verantwortlich zeichnen, sind es in Thüringen gerade einmal gut elf Prozent.

Über die Gründe können die Autoren des Reports nur spekulieren. Möglich sei, dass daraus eine Abnahme der Zahl der Hausarztpraxen sichtbar werde.

Es könne auch sein, dass die Hausärzte in den neuen Ländern so überlastet seien, dass sie schlicht keine Zeit für die Vorsorgemaßnahmen fänden, sagten die Autoren des Reports Dr. Thomas Grobe und Professor Joachim Szecsenyi.

Als gesichert gilt hingegen, dass die hohe Akzeptanz der Vorsorge in Nordrhein-Westfalen mit den Programmen zusammenhängen dürfte, die die Kassen bereits vor dem Start des allgemeinen Screenings im Jahr 2008 ihren Mitgliedern dort angeboten und den Ärzten extrabudgetär vergütet hatten.

Die Inanspruchnahme des Screenings korreliert nicht mit der regionalen Verbreitung der Tumoren der Haut. Hier liegt Hessen mit mehr als 47 Neuerkrankungen auf 100.000 Menschen vorne, gefolgt vom Screening-Spitzenreiter Nordrhein-Westfalen, das rund 34 Neuerkrankungen auf 100.000 Einwohner verzeichnet.

Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern liegen mit 24 Neuerkrankungen in der zweiten Hälfte des Tableaus. Die Saarländer, die auch zu den Screening-Muffeln zählen, tragen mit 17 Neuerkrankungen in diesem Fall gerne die Rote Laterne.

Allgemeinärzte leisten das Gros

Hausärzte und hausärztliche Internisten leisten nach wie vor das Gros der ärztlichen Versorgung. 2012 haben sie fast 34 Prozent aller ambulanten Behandlungsfälle abgerechnet. Das geht aus dem Arztreport 2014 der Barmer GEK hervor, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Geschätzt lag der Anteil der hausärztlich arbeitenden Praxen an der Vergütung bei 31, 2 Prozent.

Die Kosten für die ambulant-ärztliche Versorgung der gesetzlich Versicherten haben sich 2012 im Vergleich zum Vorjahr nur geringfügig erhöht. Sie lagen bei 489 Euro pro Kopf. Frauen schlugen mit durchschnittlich 552 Euro zu Buche, Männer mit 423 Euro.

2011 hatten beide Werte vier Euro tiefer gelegen. Im Alter beginnt sich das Verhältnis zu drehen. Frauen ab 70 Jahren kosten die Versicherung weniger als Männer. Ein Ärzte-Hopping konnten die Autoren der Studie für 2012 nicht nachweisen. Im Schnitt ließ sich ein Versicherter von 3,38 Ärzten behandeln.

Weniger als zwei Prozent kamen demnach auf zehn Ärzte und mehr. Wie sich die Abschaffung der Praxisgebühr auf diesen Wert auswirken wird, ist noch nicht ermittelt. Insgesamt waren im Berichtsjahr mehr als 92 Prozent der Menschen in Deutschland beim Arzt.

Der Arztreport der Barmer GEK nutzt die anonymisierten Abrechnungsdaten von mehr als acht Millionen Versicherten. Daraus ließen sich valide Aussagen auch zur Gesamtheit der Versicherten in Deutschland treffen, sagte Barmer GEK-Vize Dr. Rolf-Ulrich Schlenker bei der Vorstellung der Studie am Dienstag.

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