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Ärzte Zeitung App, 27.03.2014

Prävention

Japan und Deutschland am Zug

Die Demografie stellt Deutschland und Japan vor ähnliche Herausforderungen. Erkrankungen vorzubeugen und voneinander zu lernen wird für beide Länder immer wichtiger. In Sachen Public Health kooperieren beide Länder schon seit vielen Jahren.

Von Martina Merten

 Japan und Deutschland am Zug

Die Robbe Paro: Kuscheltiere wie dieses sollen Pflegeheimbewohnern die Einsamkeit vertreiben. Das wird sowohl in japanischen als auch deutschen Heimen bereits praktiziert.

© Peter Endig/dpa

BERLIN. Die Menschen in Deutschland und in Japan zählen zu den Greisen auf dieser Welt. Die Lebenswartung in den beiden Industrienationen liegt mit am höchsten. Pflege und Pflegeversicherung spielen daher in Deutschland und Japan eine große Rolle.

Gleichzeitig haben beide Länder mit einer ähnlichen Krankheitslast zu kämpfen. Die Anzahl von Patienten mit chronischen Erkrankungen, noch dazu multimorbide, steigt.

Nicht zuletzt müssen sich Japan und Deutschland mit der durch die Globalisierung bedingten Zunahme neuer Krankheiten und Erreger auseinandersetzten - "Herausforderungen, bei denen die Präventivmedizin immer wichtiger wird", unterstrich Masaru Sakato, stellvertretender Generalsekretär des Japanisch-Deutschen Zentrums, in Berlin, auf der Veranstaltung "Preventive Medicine and Public Health in Japan and Germany - past and future".

Mit der Aufklärung fing alles an

Präventivmedizin und Public Health, erläuterte Dr. Brigitte Michel, begannen in Deutschland schon seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Rolle zu spielen. Im Zuge der Aufklärung fing der Staat an, sich um das Wohl des Einzelnen zu kümmern, so die Geschäftsführerin der Berlin School of Public Health (BSPH) an der Charité - Universitätsmedizin Berlin.

Mitte des 19. Jahrhunderts führten Krankheitsprobleme, die durch die fortschreitende Industrialisierung und die schlechten hygienischen Verhältnisse auftraten, staatlicherseits zu der Beschäftigung mit der Bedeutung von Hygiene für die Gesundheit.

Mit Beginn des Nationalsozialismus manifestierte sich der Übergang von der Sozial- zur Rassenhygiene. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs habe historisch bedingt Public Health in Westdeutschland erst einmal keine große Rolle gespielt, "da die Politik an alte Traditionen nicht anknüpfen wollte", so Michel.

Zudem hatten ehemalige Sozialhygieniker Deutschland verlassen und die am US-System ausgerichtete Individualmedizin stand im Vordergrund. In Ostdeutschland war dies anders: Hier führte der Staat Michel zufolge am britischen System ausgerichtete Institute für Sozialhygiene ein.

Erst ab den Siebziger Jahren, berichtete Michel, fingen Mediziner in Westdeutschland an, Grenzen der klinischen Medizin zu sehen.

Ab den Achtziger Jahren gelang der Durchbruch von Public Health. Heute gibt es der Direktorin der BSPH, Professor Jacqueline Müller-Nordhorn zufolge, neun Standorte in Deutschland, an denen Public Health gelehrt wird, allerdings verwendeten die Lehrenden von Standort zu Standort unterschiedliche Begrifflichkeiten.

Japan gewann seine ersten Einblicke in die Lehren der Präventivmedizin und öffentlichen Gesundheitsfürsorge in Deutschland selbst. Bis 1867 schottete sich das asiatische Land gegenüber dem Ausland komplett ab, sagte Professor Chisato Mori, Direktor am Center for Preventive Medical Science an der Chiba Universität in Japan.

Außer chinesischer Medizin und Pflanzenheilkunde nutzten die Japaner nichts. Erst im Jahre 1870 entschied sich die chinesische Regierung dazu, westliche Medizin - insbesondere die deutsche - zu importieren.

Ogai Mori lernte in Deutschland

Der Arzt Ogai Mori - der Urgroßvater von Chisato Mori - wurde nach Berlin entsandt, um von den Deutschen, insbesondere von Robert Koch und Max Pettenkofer, zu lernen. Als er 1888 nach Japan zurückkehrte, führte er sein in Deutschland erlangtes Wissen über Public Health und die Bedeutung von Hygiene für den Gesundheitszustand der Bevölkerung auch in seinem eigenen Land ein.

Er veröffentlichte ein Buch über Präventivmedizin und setzte sich für die Typhusschutzimpfung ein. Inzwischen beschäftigen sich Wissenschaftler insbesondere an drei Universitäten in Japan - an der Chiba-Universität, an der Universität Kanazawa und an der Nagasaki-Universität - mit Public-Health-Aspekten.

Eine besondere Herausforderung, berichtete Professor Hiroyuki Nakamura von der Kanazawa-Universität, sei dabei die Sammlung von Daten und die Standardisierung von Diagnosen. "Unser Ziel ist es, soziale und mentale Aspekte in die Präventivmedizin einzubeziehen", unterstrich Nakamura.

Diesen Aspekt hält auch Professor Rolf Rosenbrock für essenziell. Chronische Erkrankungen kämen bei Menschen aus prekären sozialen Verhältnissen weitaus häufiger vor als bei wohlhabenden Menschen. Menschen aus unteren sozialen Schichten verhielten sich risikoreicher, so der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

"Wir brauchen soziale Interventionen in den Risikofeldern", betonte Rosenbrock. Prävention müsse auf die Lebenslage der Menschen eingehen.

Gleichzeitig ist das ehemalige Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen davon überzeugt, dass Ärzte allein sich nicht um das Themenfeld Prävention kümmern können. Hier sei der Anlauf der Politik, ein Präventionsgesetz auf den Weg zu bringen, richtig, sagte Rosenbrock.

Japan und Deutschland wollen auch in Zukunft im Bereich der Präventivmedizin und bei Public Health Aktivitäten weiter an einem Strang ziehen und voneinander lernen, bekräftigten die Wissenschaftler beider Länder. Denn die Vorbeugung von Erkrankungen sei noch immer die beste Medizin.

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