Ihre Meinung ist gefragt: Machen Sie bei unserer Online-Umfrage mit!

Ärzte Zeitung online, 25.03.2014

Pädophilie

Projekt zeigt hohen Hilfebedarf

"Dunkelfeld" will Menschen mit pädophilen Neigungen vor einer Tat bewahren. Eine Zwischenbilanz zeigt jetzt: In Niedersachsen gibt es mehr Interessenten als Therapieplätze.

Von Christian Beneker

Pädophilie: Projekt zeigt hohen Hilfebedarf

Vater und Sohn?

© kalligrafie / fotolia.com

HANNOVER. Immer mehr pädophile Männer wenden sich an das Projekt "Dunkelfeld" an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Es will diesen Patienten helfen, nicht zum Täter zu werden. "Wir haben weit mehr Interessenten als Therapieplätze", sagt der wissenschaftliche Projektleiter Professor Uwe Hartmann.

Die MHH ist Partner des Präventionsnetzwerks "Kein Täter werden", dem darüber hinaus die Standorte Berlin, Kiel, Regensburg, Leipzig, Hamburg, Stralsund und Gießen angehören.

Um das Präventionsprojekt in Niedersachsen bekannter zu machen, weist nun auch der Landkreis Osnabrück gezielt auf das Angebot hin, bald wird Lüneburg nachziehen.

Ziel des Projekts ist es, sexuelle Gewalt an Kindern und den Konsum von Kinderpornografie bereits im Vorfeld zu verhindern. Es richtet sich an Menschen, gegen die zum jetzigen Zeitpunkt kein Ermittlungs- oder Strafverfahren vorliegt, das sogenannte Dunkelfeld, so die MHH. Bisher haben ausschließlich Männer das Projekt in Anspruch genommen.

Seit Beginn von "Dunkelfeld" 2012 haben insgesamt 638 Männer Kontakt zum Projekt gesucht. Im zweiten Laufjahr waren es doppelt so viele wie im ersten.

"331 Anfragen stammten aus der unmittelbaren Zielgruppe des Projekts. 152 Anfragen kamen von Personen mit aktuellem Ermittlungs- oder Strafverfahren und 155 von Ärzten, Betreuern oder anderen Personen", so Hartmann.

Lernen, Sexualität nicht zu leben

"Bei 111 Patienten konnte bislang die umfangreiche klinische Diagnostik abgeschlossen werden und 68 wurde ein Therapieangebot unterbreitet." Zurzeit laufen zwei Therapiegruppen mit wöchentlichen Sitzungen, eine weitere ist geplant. Die große Nachfrage zeige, dass das Projekt die Zielgruppe seiner Präventionsarbeit erreicht.

Aufgrund von empirischen Untersuchungen geht die MHH davon aus, dass es in Deutschland etwa 250.000 Personen mit pädophilen Neigungen gibt, in Niedersachsen wird die Zahl der Betroffenen auf etwa 10.000 geschätzt.

Der Bedarf ist also riesig, "auch wenn nicht bei allen der Leidensdruck so hoch ist, dass sie zu uns kommen", sagt Hartmann. Bisher haben vier Teilnehmer die Therapie abgeschlossen. "So können wir also noch nicht wissen, wie sich unser Angebot auf die Männer auswirkt", so Hartmann. Erfahrungen aus Berlin zeigten aber "gemischte Ergebnisse".

Die meisten Betroffenen müssen lernen, ihre gesamte Sexualität nicht zu leben. "Wir suchen mit den Männern die individuellen Risikofaktoren und stärken die Selbstkontrolle", erklärt Hartmann.

"Dann müssen die Männer zum Beispiel nicht mehr zu Kinderpornografie greifen, wenn sie sich schlecht fühlen." Dieses Ziel sei eine "sehr hohe Anforderung". "Aber wir wissen: Man kann das schaffen."

Das niedersächsische Sozialministerium fördert "Dunkelfeld" mit 120.000 Euro im Jahr, die MHH mit Räumen, Mitarbeitern und Infrastruktur. "Die laufende Förderung gilt noch bis Ende September.Das Land Niedersachsen will das Präventionsprojekt an der MHH als Folgeprojekt weiter fördern", sagt Hartmann.

Infos unter: www.kein-taeter-werden.de, Telefon Anlaufstelle: (0511) 532-8052.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Personal-Notstand auf deutschen Intensivstationen

Auf deutschen Intensivstationen fehlen mehr als 3000 Spezialpflegekräfte. Die Krankenhäuser wollen reagieren. Das Personal denkt über einen Großstreik nach. mehr »

HIV-Impfung generiert Immunantwort

Eine Impfung gegen HIV ist in frühen klinischen Studien. Erste Ergebnisse sind positiv. mehr »

Warum die Putzhilfe glücklich macht

Putzen, Wäsche waschen, Kochen: Viele Menschen empfinden all das als nervige Pflichten. Wer Geld hat, kann andere für sich arbeiten lassen - und fühlt sich dann zufriedener. Das haben Forscher herausgefunden. mehr »